1. News
  2. Wissenschaft & Bildung
  3. Überregional

Arbeiter in der NS-Diktatur: Opfer oder Profiteure?

Arbeiter in der NS-Diktatur : Opfer oder Profiteure?

Die Arbeiter im "Dritten Reich": Waren sie eher Opfer oder eher Täter? Sind sie als Missbrauchte oder als Profiteure jener "Gefälligkeitsdiktatur" einzuordnen, die Götz Aly vor Jahren beschrieben hat? Michael Schneider, ehemals Leiter des Archivs der sozialen Demokratie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und langjähriger Honorarprofessor an der Bonner Uni, hat sich dem Thema in einem Buch gewidmet.

Es heißt "In der Kriegsgesellschaft" und richtet den Blick auf Arbeiter und Arbeiterbewegung im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945. Das Werk ist die Fortsetzung von Schneiders Band "Unterm Hakenkreuz", der die Jahre ab 1933 behandelt.

Vorweg: "Die" Arbeiter gibt es bei Schneider nicht. Hier die Kommunisten, da die Sozialdemokraten, hier die katholische Arbeiterbewegung, da die vielen Unorganisierten, schließlich die Frauen, die Zwangsarbeiter: Wer diese heterogene Masse "Arbeiterschaft" näher betrachten will, muss differenzieren. Darin liegt ein Verdienst Schneiders, der in seinem 1500 Seiten starken Band das ganze Spektrum in den Blick nimmt und auch bislang vernachlässigte Aspekte ausleuchtet. "Ich habe beispielsweise immer die Gender-Perspektive eingenommen", sagt der Experte für Sozialgeschichte.

Das von den Nationalsozialisten transportierte Arbeiterideal war selbstverständlich männlich und germanisch, Frauen war hingegen die Rolle als Mutter zugewiesen. Aber: Im Laufe des Krieges nahmen Frauen auch im betrieblichen Alltag eine immer wichtigere Rolle ein, weil die Väter und Söhne an die Front mussten. Vor diesem Hintergrund dringt Schneider auch in die familiäre Realität des Arbeitermilieus vor: Zwischen Einberufungen, Arbeitseinsatz und Kinderlandverschickung lösten sich die Familien faktisch auf, worin Schneider einen klaren Gegensatz zu der propagierten Hochschätzung der Familie als Keimzelle der "Volksgemeinschaft" ausmacht.

Propaganda und Realität - das ist ein Kontrast, auf den Schneider immer wieder zurückkommt. So beim Anspruch des Regimes, Arbeiter und Angestellte gleichzustellen. Oder bei den Angeboten der Nazi-Freizeit-Organisation "Kraft durch Freude". "Was das Regime an sozialer Fürsorge bot, wurde mitgenommen", sagt der Historiker und Politikwissenschaftler. In seiner Untersuchung der NS-Sozialpolitik kommt er zu dem Schluss, dass diese eine "völkische Fürsorgediktatur" war, mit positiven Seiten nur für diejenigen, die als "deutsch" anerkannt waren. "Wenn Versprechungen nicht eingehalten wurden, nahm man es hin: Es war ja schließlich Krieg, und man glaubte an bessere Zeiten." Durchhalten, irgendwie mit Anstand durchkommen, nicht auffallen - diese Haltung war Schneider zufolge weit verbreitet.

Und der Widerstand? Anders als im Ersten Weltkrieg blieben Arbeiterproteste aus. Das lag nicht nur an den fehlenden Strukturen und Möglichkeiten: "Anders als die Monarchie wurde das NS-System offenbar nicht als Fremdherrschaft empfunden", sagt der Autor und differenziert: Natürlich bekämpften die Kommunisten die Nazis aus dem Untergrund, und natürlich pflegten Sozialdemokraten und ehemals freie Gewerkschafter zumindest im Stillen Kontakte, um sich zu helfen und um sich gegenseitig gegen die NS-Propaganda zu immunisieren. Währenddessen wurden im Exil - ebenfalls Teil der Untersuchung - Pläne für die Zeit nach Hitler geschmiedet. Aber auch in den konfessionell geprägten Zweigen der Arbeiternehmerbewegung gab es Widerstand. All diese Gruppen gerieten denn auch am ehesten ins Räderwerk der Verfolgung.

Doch von den 14 bis 15 Millionen Arbeitern waren, wenn man Mitgliederzahlen von 1932/33 zugrunde gelegt, höchstens ein Fünftel organisiert. Welche Möglichkeit des Widerstands hatten einfache Arbeiter? "Sie waren schutzlos, aber nicht wehrlos. So konnten sie ihre Arbeitsleistung einschränken", sagt Schneider. Doch selbst das konnte Konsequenzen bis hin zum Einsatz im Arbeitserziehungslager haben: Die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die Arbeiter und Unternehmer vereinte, griff als Erziehungsinstrument des Regimes; Werkschutz und Gestapo waren bestens vernetzt, Minderleistung am Arbeitsplatz wurde leicht als politische Tat verfolgt: Schneider spricht von "beträchtlichem Drohpotenzial".

Gleichwohl verliert er nie die Frage aus den Augen, inwieweit Arbeiter Teil des Herrschaftssystems waren - ob als Soldaten, Rüstungsarbeiter oder in Wachmannschaften. Auch Arbeiter waren Täter, aber nicht mehr oder weniger als Akademiker oder Beamte. Schneider findet eine andere Formel: "Entscheidend war die eigene Überzeugung, ob nun als Kommunist oder als Katholik. Je fester die war, desto immuner waren Arbeiter gegen diese Diktatur."