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Klimawandel: Zerstörungen durch Sturzfluten werden sich wiederholen

Klimawandel : Zerstörungen durch Sturzfluten werden sich wiederholen

Die globale Erwärmung, oft mit fernen Eisbären auf schmelzenden Eisschollen illustriert, hat die Zivilisation erreicht. Deutschland lernt durch die Flutkatastrophe gerade, wie schutzlos seine Infrastruktur dem Klimawandel ausgeliefert ist.

Der Wetterbericht irrte nicht. Bis zu 200 Liter pro Quadratmeter waren vorhergesagt. Das wären 20 Zentimeter pro Quadratmeter. Klingt nicht gerade nach Drama. Nur: Wasser folgt der Schwerkraft, fließt aus verschiedenen, auch unerwarteten Richtungen nach unten, sammelt sich und macht aus Flüsschen reißende Ungeheuer. Im Handumdrehen springt der Pegel von 70 Zentimetern auf sieben Meter. Die Blitzgeburt einer Sturzflut, die durch Straßen brodelt, ist tückisch. Anders als bei einer Hochwasservorhersage etwa für den Rhein gibt es dort „in der Regel keine Vorwarnzeit“, sagt Boris Lehmann. Der Professor für Wasserbau und Hydraulik weiß, dass „in heftigen Fällen ein Keller oder eine Tiefgarage in wenigen Minuten volllaufen und zur Todesfalle werden kann“, wenn Menschen in letzter Sekunde noch ihr Hab und Gut retten wollen.

Seit vielen Jahren ist klar, dass die Staaten beides gleichzeitig in Angriff nehmen müssen, wenn sie den Klimawandel bremsen und ihre Bevölkerung vor dem Teil der nicht mehr vermeidbaren Erwärmung schützen wollen: erstens Klimaschutz durch eine radikale Verringerung der Treibhausgas-Emission, zweitens Klimaanpassung durch konzertierte Schutzmaßnahmen. „Mitigation and Adaption“ (Vermeidung und Anpassung) fehlt auf keiner Agenda jeder UN-Weltklimakonferenz. In Deutschland hapert es an beidem. 

Zerstörungen in Eifel und Sauerland werden sich anderswo wiederholen

Nach den Unwettern denkt Deutschland nach. Über Klimaschutz, Klimawandel, Klimaanpassung. Klar ist: Der Zerstörungshorror in Eifel und Sauerland wird sich anderswo wiederholen. Vielleicht sogar (noch) heftiger, weil die Temperatur ja weiter steigt. Sie tut das, weil die CO2-Weltemission weiter wächst. Höhere Temperatur, stärkere Verdunstung, mehr Feuchtigkeit in der Luft, intensivere Regenfälle. Das Physik-Einmaleins des Klimawandels ist vergleichsweise simpel.

Weniger vorhersehbar ist, welches Dorf, welche Stadt konkret betroffen sein wird; wohin die rot-violetten Kreise, die für Lebensgefahr stehen, auf den simulierten Vorhersagefilmen der Wetter-Onliner genau ziehen werden. Dieses chaotische Geschehen wird vermutlich nie vorher zu berechnen sein. Deshalb sind kleinräumige Warnungen, der Alarm für ein einzelnes Dorf, unmöglich und Vorwarnzeiten kurz. Und deshalb ist auch der Vorwurf der britischen Hochwasserexpertin Hannah Cloke etwas billig, wonach sie in Deutschland ein „monumentales Systemversagen“ sehe.

Experten fordern Ratgeber-Programme auch für Hitzewellen

Trotzdem könnten mehr Information und Aufklärung für den Ernstfall Menschenleben retten. Denkbar also, dass eines Tages nach der „Tagesschau“ nicht nur der Wetterbericht folgt, sondern an Gefährdungstagen auch Warnkarten gezeigt werden. Das wünscht sich Professor Annegret Thieken, Expertin für Naturrisikenforschung am Institut für Umweltwissenschaften und Geographie an der Universität Potsdam: „Videoclips könnten zeigen, wie man einen Notfallkoffer packt, und dass Keller, Unterführungen und Tunnel bei Starkregen schnell zur Todesfalle werden können.“ Ein solches Ratgeber-Programm müsse es auch für Hitzewellen geben. Denn für Klimaforscher steht fest: Extremhitze ist wahrscheinlicher als Extremflut. Aus dem für 2022 erwarteten neuen Report des Weltklimarats war kürzlich durchgesickert: „Das Schlimmste kommt erst noch.“

„Wenn Menschen sich zum ersten Mal während eines extremen Hochwassers Gedanken machen, was nun zu tun ist, ist es meist zu spät“, sagt Professor Christian Kuhlicke, der am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig die Arbeitsgruppe „Umweltrisiken und Extremereignisse“ leitet. Er empfiehlt: „Wesentliche Dokumente und Medikamente an einem Platz lagern, sodass sie schnell greifbar sind. Es kann um Minuten gehen. Jedes TV-Gerät ist ersetzbar, aber ein Familienalbum für immer verloren. Handeln Sie schnell und umsichtig.“ Klingt wie der perfekte Text für die Tonspur von Thiekens angedachtem Videoclip.

Zwei Gegner bei einströmendem Wasser: Wasserdruck und Panik

Der Mensch unterschätzt das Wasser, seine Kraft und Geschwindigkeit. Kuhlicke sagt: „Sobald eine Person bis zur Hüfte im Wasser steht, kommt sie selbst bei moderater Strömung nicht mehr gegen das Wasser an.“ Und wer sich in einem Auto oder Keller befindet, wo bereits Wasser einströmt, hat zwei Gegner: den Wasserdruck und die eigene Panik. Türen lassen sich erst öffnen, wenn das Wasser auf beiden Seiten gleich hoch steht, also der Druck ausgeglichen ist. Außerdem werde unterschätzt, so Lehmann, was ein reißender Fluss alles enthält: „Geröll, Getreibsel, Müll und andere Sachen. Geraten Menschen dort hinein, besteht neben dem Ertrinken die Gefahr des Zerquetschtwerdens. Viele schlimme Verletzungen von aus solchen Fluten geretteten Personen belegen das.“

Auch der Staat muss seine eigene Verwundbarkeit realisieren und den Umsetzungsstau überwinden. Für Kuhlicke steht am Anfang die Kartierung. Er nennt sie „Infrastruktur-Hotspots“. Es gilt jene zu identifizieren, die „besonders exponiert sind und kritisch für die Versorgung der Bevölkerung sind. Dies können wichtige Verkehrsadern sein, Umspannwerke, Kommunikations­knotenpunkte oder Brücken.“

Fortschreitende Expansion von Siedlungen, Verkehrs- und Gewerbeflächen begünstigen Sturzfluten

Konkret: Eine Straße muss so gebaut sein, dass bei Extremhitze nicht der Asphalt schmilzt und sie bei einer Flut nicht unterspült werden kann. Strom- und Kommunikationsnetze, die gewissermaßen das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden, müssen auch unter Extrembedingungen funktionieren. Sonst können, wie teilweise jetzt erlebt, Katastrophenpläne nicht funktionieren. „Der Wiederaufbau in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz bietet die Möglichkeit“, so Kuhlicke, „Infrastrukturen zukunftssicher zu errichten und damit neue Standards zu setzen.“

Dass im Starkregenfall rasch Sturzfluten entstehen, wird begünstigt durch die fortschreitende Expansion von Siedlungen, Verkehrs- und Gewerbeflächen. Immer noch fallen dem Flächenfraß in Deutschland pro Tag rund 56 Hektar oder 78 Fußballfelder zum Opfer. 45 Prozent davon landen unter Asphalt, Beton und Pflastersteinen. Mit jeder weiteren Versiegelung versickert weniger Wasser – und wächst im Unwetterfall die Sturzflut. Gerade in urbanen Räumen hätte ein Zuwachs an Grün gleich zwei positive Folgen: weniger Aufheizung, mehr Versickerung. Dieses Mehr an kommunaler Resilienz gegen Extremwetter (extreme Hitze, extreme Flut) kostet Geld. Aber weit weniger, als es die sich häufenden Klimaschäden tun.

Der Weg zur saugfähigen Schwammstadt ist jedoch noch weit und eine umfassende Entsiegelung wäre nur der erste Schritt. Die öffentliche Hand muss in Deiche, Flutmauern und Rückhaltebecken investieren, private Hausbesitzer in Rückstauklappen sowie druckdichte Fenster und Türen. Jedenfalls seien „die Schadenssummen, die mit Starkregen-Ereignissen und Hochwasser verbunden sind, langfristig nicht tragbar – sowohl für den einzelnen Hauseigentümer als auch für die Gesellschaft nicht“, sagt Kuhlicke. TV-Meteorologe Sven Plöger hatte gegenüber dem General-Anzeiger Studien erwähnt, „nach denen für jeden nicht in den Klimaschutz gesteckten Euro zwei bis elf Euro zurückgezahlt werden müssen“. Indes beklagt die Versicherungswirtschaft, dass immer noch der Bau von Häusern in Überschwemmungsgebieten genehmigt werde.

Deutschland scheitert häufig am Versprechen des „unbürokratischen“ Handelns

Die Elementarschadenversicherung kann das materielle Leid in den betroffenen Gebieten lindern. Nur etwa 43 Prozent der durch die aktuelle Sintflut Geschädigten haben eine solche Police. Aber „nur“ ist relativ: Weltweit waren lediglich 12 Prozent aller Überschwemmungsschäden (1980 bis 2019) versichert, berichtet die Munich Re, größter Rückversicherer der Welt. Der Konzern weiß aus Erfahrung aber auch: „Hochwasser ist eine Naturgefahr, bei der Schutzmaßnahmen wirken.“ Schäden können nicht verhindert, aber verringert werden.

 Der Mensch unterschätzt chronisch das Wasser, vor allem seine Kraft – selbst bei gemächlicher Fließgeschwindigkeit.
Der Mensch unterschätzt chronisch das Wasser, vor allem seine Kraft – selbst bei gemächlicher Fließgeschwindigkeit. Foto: picture alliance/dpa/ZUMA Press/Brian Branch Price

Deutet man die Worte des Bundespräsidenten und der Kanzlerkandidaten von CDU und SPD vor den Mikrofonen richtig, wird der Staat Betroffenen „schnell und unbürokratisch“ mit rund 400 Millionen Euro helfen und Milliarden für den Wiederaufbau der Infrastruktur einplanen. Ob das gelingt? Deutschland scheitert – siehe Pandemie – häufig nicht am Geld, sondern am Versprechen des „unbürokratischen“ Handelns. Auch könnten solche Hilfen eine unerwartete Gerechtigkeitsdebatte lostreten. „Die ökonomische Forschung zeigt, dass Hilfen für Hochwasser-Opfer, so notwendig sie im Einzelfall auch erscheinen mögen, langfristig kon­traproduktiv wirken“, sagt Daniel Osberghaus vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Die Hilfen liefen den Anreizen zur privaten Vorsorge zuwider, etwa zum Abschluss einer Elementarschadenversicherung oder zu baulichen Vorsorgemaßnahmen. Außerdem benachteiligten sie de facto Hausbesitzer, die eine Versicherung besäßen.

Möglicher Zwischenschritt: Aktuell zugesagte Hilfen nur zahlen, wenn sie mit Auflagen gekoppelt werden

Die Diskussion um Hilfsfonds lenke von der eigentlichen Aufgabe der Politik ab: Angesichts des fortschreitenden Klimawandels gelte es, langfristig wirkende Maßnahmen für Extremwetterlagen zu entwickeln, die ohne staatliche Fluthilfen funktionieren. Dazu gehörten Förderung der Eigenvorsorge vor allem für einkommensschwache Haushalte in Risikogebieten, Stärkung des Versicherungsmarktes für Elementarschäden etwa durch Versicherungspflichten sowie weniger Oberflächenversiegelung. Kurzfristig werden diese Maßnahmen laut Osberghaus allerdings nicht helfen, die Schäden im Westen Deutschlands zu beheben. Daher wäre ein möglicher Zwischenschritt, die aktuell zugesagten Hilfen nur zu zahlen, wenn sie mit Auflagen für die private Vorsorge gekoppelt werden.

Was den deutschen Staat die jüngste Wetter-Katastrophe kostet, steht in den Sternen. Zum Vergleich: Für die Pandemie-Bewältigung werden es wohl mehr als 500 Milliarden Euro sein. Der Kohleausstieg bis 2038 soll rund 50 Milliarden kosten. Für Klimaanpassungsmaßnahmen hat die Bundesregierung im Oktober 2020 rund 0,79 Milliarden (790 Millionen) pro Jahr im Bundesetat reserviert. Für „Förderprojekte“, die Gesamtinvestitionen (von dritter Seite) in Höhe von rund 12 Milliarden anstoßen sollen.