WM-Reportage "O jogo bonito"

SANTO ANDRÉ · In Brasilien spielt fast jeder mit dem Ball - barfuß. Viele Menschen sind gegen die WM, auch weil sie sich die Tickets nicht leisten können.

 Im WM-Fieber: Gunter Keseberg, der frühere Unternehmensberater mit Wohnsitz in Santo André.

Im WM-Fieber: Gunter Keseberg, der frühere Unternehmensberater mit Wohnsitz in Santo André.

Foto: Guido Hain

Sie spielen ihn auch hier, den schönen Fußball. Jeden Tag. "O jogo bonito" - sie spielen ihn einfach so. Barfuß. Auf einem holprigen Lehmplatz, ohne Linien, ohne Limits, ohne Schiris. "Pelada" heißt diese Art des Spiels, übersetzt: nackt. Der Freizeitkick. Der Platz in Santo André liegt nah am Atlantik und ganz nah dem Rio Joao de Tiba. Die asphaltierte Straße des 800-Seelen-Dorfes im Bundesstaat Bahia führt vorbei an dem Platz, auf dem die Spieler zwar keine Schuhe tragen, dafür aber Trikots ihrer Idole. Sogar ein Junge im Bayern-Trikot ist in dieser Sandgrube zu sehen. Jeden Abend, wenn die Hitze weicht.

In der Nähe des Bolzplatzes gibt es eine Abzweigung. Der Weg führt hinein ins smaragdgrüne Dickicht des Urwaldes. Hinauf zu einer Villa, die im Kontrast steht zu den kleinen buntbemalten Häusern im Ortskern. Von den drei Terrassen fällt der Blick hinunter auf den tosenden Atlantik, in den der ausufernde Fluss mündet. Von hier, sagt Gunter Keseberg, könne man auch den Trainingsplatz der Nationalmannschaft sehen, der wenige Kilometer hinter dem deutschen WM-Quartier Campo Bahia aus dem sandigen Boden gestampft wurde. "Zumindest abends", meint Keseberg, "wenn die Flutlichter angehen."

Seit Mitte der 1980er Jahre lebt der gebürtige Sauerländer in Brasilien. Vor fünf Jahren hat sich der frühere Unternehmensberater sein Anwesen etwas oberhalb des früheren Fischerkaffs Santo André errichten lassen. Keseberg, 68, beobachtet seit mehr als 30 Jahren die Entwicklung Brasiliens, seit einem Jahr die des DFB-Projekts in seinem Dorf. Er sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass die Nationalmannschaft herkommt."

Sie ist gekommen. Und mit ihr das Campo Bahia, das deutsche WM-Quartier. 14 Luxusvillen verteilen sich auf 15 000 Quadratmeter. Mitten hinein in die Wirklichkeit des Dorfes haben die Investoren dieses Wunderland erschaffen - umzäunt von einer Sichtschutzwand und dicht gepflanzten Palmen. Das Innenleben des für 1,5 Millionen Euro erbauten Dorfs lässt sich nicht einmal erahnen. Zumal bis an die Zähne bewaffnete Militärpolizei und DFB-Sicherheitskräfte für Abschreckung und Abschottung sorgen.

1600 Kilometer von Santo André entfernt liegt Sao Paulo. Dort, in der mit fast zwölf Millionen Einwohnern größten Stadt des Landes, ist die Polizeipräsenz seit Monaten immens. Die Welt blickte entsetzt nach Brasilien, als vor einem Jahr beim Confed Cup schwere Ausschreitungen einen Schatten über das WM-Vorbereitungsturnier warfen. Seitdem gingen Hunderttausende auf die Straße und demonstrierten gegen ein Weltturnier, das mehr zur Belastung für das Land zu werden scheint als eine Bereicherung. Die Menschen wollen Bildung und Infrastruktur, eine Politik ohne Korruption und eine WM für das Volk. Für jede normale Familie sind die Tickets zu teuer. Nun sind fast 40 Prozent der Brasilianer gegen die WM.

Zumindest auf dem Flughafen von Sao Paulo war sie greifbar - eine gewisse Vorfreude. Fußball-Touristen mit Trikots aus England und Ekuador, aus Mexiko und Kolumbien wuselten wenige Tage vor WM-Beginn wie Ameisen-Armeen durch die Terminals. Sie schossen Fotos, ließen sich ablichten, Arm im Arm mit dem lebensgroßen Turnier-Maskottchen Fuleco. Diese Fans leben ihren Traum.

Dass heute die WM beginnt, ist in der Wirklichkeit von Santo André jedoch noch nicht so recht angekommen. Gut, die deutschen Gäste sind seit Sonntag hier. Es gab ein wenig Folklore, ein paar Umarmungen mit DFB-Offiziellen, Besuche in der Ortsschule. Hübsche Inszenierungen. Selbst die Eingesperrten wie Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer ließen sich schon blicken inmitten der Einheimischen.

Es gibt aber auch jene Stimmen, die sich gegen das teutonische Tohuwabou richten. Stimmen wie die von Léa Penteado, einer kritischen Journalistin. Sie wohnt einen Steinwurf entfernt vom Campo Bahia, beklagt die Lärmbelästigung durch den Bau des Camps. Beklagt die Einschränkungen für die Bewohner durch die Sperrung der sandigen Hauptstraße. Penteado meint, dass sie nicht mehr zu ihren Häusern gelangen können. Wahr ist, dass sie zumindest Diskussionen führen müssen mit den mürrischen Polizisten, dass ihnen ohne Akkreditierung der Durchgang verwehrt wird.

In einem Zeitungsartikel schrieb Penteado von einer "Berliner Mauer", die errichtet worden sei. "Das sind doch nur 100 Meter", sagt Gunter Keseberg beschwichtigend.

Gunter Keseberg kann die ganze Aufregung nicht verstehen. In vier Wochen sei doch eh alles vorbei. Und überhaupt: Die Nachhaltigkeit des DFB-Projekts sieht er gegeben. "Es hat den Menschen hier viel gebracht."

Alleine 60 Mädchen für den Zimmerservice seien eigens für die Arbeit im Hotel ausgebildet worden, sagt er. "Sie können später in allen Hotels der Umgebung arbeiten." Aus Kesebergs Sicht gilt also: Daumen hoch, tudo bem. Zumal die deutschen Investoren auch in einen größeren, moderneren Fußballplatz - direkt neben dem alten - investiert haben.

Der neue Rasen wird in diesen Tagen verlegt. Wenn er fertig ist, werden die Füße der jungen Fußballer vielleicht in Schuhen stecken. Einzig: Der Fußball wird dadurch nicht schöner.

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