Familien-Kolumne „Kinderkram“ Warum sind Eltern solche Angsthasen?

Serie | Bonn · Seit ihre Kinder auf der Welt sind, hat sich unsere Autorin zu einem richtigen Hasenherz entwickelt. Überall lauern potenzielle Gefahren, stellt sie diese Woche in der Familien-Kolumne „Kinderkram“ fest. Wie umgehen mit der Eltern-Angst?

Ein bisschen mehr "Du schaffst das" statt "Pass auf", wünscht sich unsere Autorin.

Ein bisschen mehr "Du schaffst das" statt "Pass auf", wünscht sich unsere Autorin.

Foto: Christine Glade - stock.adobe.com

Mit dem ersten Schrei kam die Angst – der Säugling könnte aufhören zu atmen, ich könnte ihn im Schlaf zerdrücken, aus Versehen fallen lassen. Seit unsere Kinder auf der Welt sind, habe ich mich zu einem richtigen Hasenherz entwickelt. Ob kippelnde Stühle, abschüssige Hänge oder unachtsame Autofahrer: Überall sehe ich potenzielle Gefahren.

Dass Eltern Angst um ihre Kinder haben, ist ein natürlicher und sinnvoller Instinkt. Sie sind darauf programmiert, Risiken rechtzeitig zu erkennen und abzuwenden. Schließlich ist der menschliche Nachwuchs im Prinzip bis zum Ende der Pubertät nicht in der Lage, vernünftig Risiken abzuwägen. Ob meine Risikoabwägungen als Mutter aber immer so vernünftig sind, wage ich zu bezweifeln.

Heutige Eltern sind als Helikopter und Rasenmäher verschrien

Es kostet mich oft Überwindung, die Kinder einfach machen zu lassen. Mir schießen gleich Horrorszenarien in den Kopf. Liegt das generell am Älterwerden oder am Elternwerden? Oder trifft es die heutige Generation gleich doppelt, weil Menschen heute älter sind, wenn sie Eltern werden? Nicht ohne Grund sind wir als Helikopter und Rasenmäher verschrien, die wahlweise ständig kontrollierend über ihren Kindern kreisen oder ihnen gleich alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Ich möchte aber weder eine Flug- noch eine Mähmaschine sein. Lieber wäre ich als Mutter gelassen, unerschrocken, zuversichtlich. Manchmal gelingt mir das, bisweilen reicht es nur zum verkrampften Versuch, entspannt zu bleiben.

Worst-Case-Szenarien wie aus dem Splatterfilm

Als unsere im Kleinkindalter waren, gab mir jemand den Tipp, mir das schlimmstmögliche Szenario auszumalen. Wenn das nur eine Platzwunde sei und nicht tödlich, dann bitte nicht eingreifen. Eine Zeit lang war das auf den Spielplätzen und heimischen Möbelkletterparcours tatsächlich hilfreich. Aber die Kinder werden älter, ihr Radius deutlich größer und die Worst-Case-Szenarien könnten plötzlich als Drehbuch-Vorlage für Splatterfilme dienen.

Angst ist kein guter Ratgeber

Da hilft wohl nur zu akzeptieren, dass Eltern-Angst bis zu einem gewissen Grad normal ist, bisweilen aber kein guter Ratgeber. Zumal die Gefahren oft ganz woanders lauern, als Eltern sie auf den ersten Instinkt hin vermuten würden. Das Risiko, dass eines meiner Kinder entführt wird, im Hotelfahrstuhl stecken bleibt oder von einer Rolltreppe gefressen wird, ist verschwindend gering. Größer ist wohl das Risiko, dass es im nahen sozialen Umfeld Missbrauch und Gewalt erfährt, psychische Schäden von süchtig machenden Handyspielen davonträgt oder davon, dass ich ihm meine irrationalen Ängste übertrage.

Zumal es gar nicht möglich ist, die Kinder vor allen Gefahren, Risiken und Nebenwirkungen des Lebens zu schützen. Erst recht nicht in Anbetracht der aktuellen Zukunftsaussichten, siehe Klima, Kriege und Krise der Demokratie, bei denen niemand schwarzmalen muss, um schwarzzusehen. Um sie darauf vorzubereiten, hilft statt „Pass auf“ und „Sei vorsichtig“ vermutlich ein bisschen mehr „Du schaffst das“.

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