Familien-Kolumne „Kinderkram“ Warum Grundschule nicht artgerecht ist

Meinung | Bonn · Eigentlich ist das Kind unserer Autorin gut in der Schule angekommen. Wenn nur das ganze Sitzen nicht wäre. Spätestens mit dem Eintritt in die Grundschule ist die Lebensweise von Menschen nicht mehr artgerecht.

 In der Grunschule heißt es plötzlich: stillsitzen und zuhören.

In der Grunschule heißt es plötzlich: stillsitzen und zuhören.

Foto: Tyler Olson - stock.adobe.com

Unsere Tochter wurde im August eingeschult. Eigentlich gefällt es ihr in der Schule: die anderen Kinder, der große Schulhof, die Pausen. Aber einen großen Haken hatte sie schon nach wenigen Tagen entdeckt: „Man sitzt so viel rum.“

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Kann es sein, dass der Mensch nur bis zum Schuleintritt artgerecht lebt? Wird nicht spätestens ab diesem Moment der Grundstock für all die Probleme gelegt, die viele von uns heutzutage im Erwachsenenalter haben – Fremdbestimmtheit, Rückenschmerzen, leichtes Übergewicht?

Der Mensch ist ursprünglich ein Lauftier. Den Großteil unserer evolutionären Entwicklung haben wir als Jäger und Sammler in kleinen sozialen Gruppen verbracht – ein bisschen wie unsere Tochter in der Kita. Mit ihren Freunden ist sie auf dem großen Außengelände herumgestrichen, hat Früchte und Schnecken gesammelt. Das Außengelände und der viele Freiraum, das war natürlich ein Privileg, das längst nicht alle Kinder haben. Bei anderen fängt die wenig artgerechte Lebensweise womöglich schon viel früher an.

Gesessen hat unser Kind bis auf die Mahlzeiten und mal beim Basteln oder Vorlesen eigentlich nie. Trotzdem hat es jede Menge gelernt: Laufen, Klettern, die Anatomie und Lebensweise der Regenwürmer und Feuerwanzen, Schimpfwörter, buchstäblich im Vorbeigehen und ohne, dass jemand sie dazu aufgefordert hätte.

Damit will ich keinesfalls sagen, dass ich mir unsere Kinder in die Steinzeit zurückwünsche. Ich bin ein großer Fan des Fortschritts – Elektrizität, Penicillin, Frauenrecht und so weiter. Auch habe ich prinzipiell nichts gegen systematisch Wissensaneignung, ich bin selbst ein Bildungsjunkie und ein Bücherwurm. Nur ob die immer sitzend erfolgen muss, das stelle ich gerade ganz neu infrage.

Natürlich hat sich in der Grundschule in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. Engagierte Lehrer und Lehrerinnen wie die unserer Tochter gehen in den Unterrichtsstunden auch mal raus auf den Schulhof, es gibt Bewegungspausen, tolle Ausflüge. In Pilotprojekten in Unkel und Aschaffenburg radeln einige Gymnasiasten sogar während des Unterrichts auf einem Ergometer. Das ist alles gut und wichtig, ändert ja aber am Grundkonzept nichts.

9,2 Stunden sitzen in Deutschland Menschen laut einer aktuellen Studie jeden Tag. Das viele Sitzen führt zu Haltungsschäden und Übergewicht, erhöht laut WHO auch das das Risiko für Herzerkrankungen, Krebs und Typ-2-Diabetes. In diesem Lichte erscheint es fragwürdig, von Grundschülern ausgerechnet zu verlangen, dass sie Sitzfleisch entwickeln.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort