Familien-Kolumne „Kinderkram“ Das Hier und Jetzt ist klebrig, aber süß

Serie | Bonn · Von Planschbecken zu Punsch in einem (gefühlten) Wimpernschlag – wo ist die Zeit nur geblieben, fragt sich unsere Autorin. Ihren Kindern hingegen kann es nie schnell genug gehen.

 So schnell wie sich dieses Karussell dreht, scheint manchmal auch die Zeit zu vergehen.

So schnell wie sich dieses Karussell dreht, scheint manchmal auch die Zeit zu vergehen.

Foto: dpa/Oliver Berg

Gefühlt habe ich gerade erst die Luft aus dem Planschbecken gelassen und Gallseife auf den letzten Sonnencremefleck auf dem Kinder-Shirt geschmiert, da klingglöckchenklingelingelingt es schon wieder im Ohr, und ich finde mich plötzlich mit Mütze und Schal, umgeben von zweifelhafter Musik, lautem Geschrei und Glühweingeruch vor dem Kinderkarussell auf dem Weihnachtsmarkt wieder.

Wo ist das Jahr geblieben? Vergeht die Zeit wirklich immer schneller, je älter man wird? Anders kann ich es mir nicht erklären, dass meine Kinder buchstäblich die Sekunden bis zu ihrem nächsten Geburtstag zählen („Alexa, wie viele Sekunden noch bis zum 12. März?“), während ich manchmal auf Anhieb gar nicht weiß, wie alt ich denn nun wieder werde.

Ich habe mal gelernt, dass sich für Fliegen die Welt um sie herum gleichsam in Zeitlupe bewegt, während Schildkröten wiederum alles um sich herum im Zeitraffer wahrnehmen. Ehrlich gesagt passt wohl kaum eine andere Analogie so gut auf meine Kinder und mich. Ihnen kann es nicht schnell genug gehen, sie schwirren aufgeregt um mich herum und stellen ununterbrochen Fragen, die oftmals mit „Wann ist endlich….?“ beginnen. Wann ist endlich mein Geburtstag, wann sind wir endlich da, wann kommt endlich der Nikolaus, wann ist endlich Weihnachten? Mir hingegen schwirrt der Kopf von diesem Tempo, sowohl dem meiner Kinder als auch dem (mindestens gefühlten) der voranschreitenden Zeit.

Es gibt ein Kurzvideo auf Instagram und TikTok, in dem eine Mutter ihr Baby auf den Arm nimmt, und als sie es wieder absetzt, ist es plötzlich – dank geschickten Zusammenschnitts – kein Baby mehr, sondern fast so groß wie sie selbst. Dieses Gefühl kann ich sehr gut nachvollziehen, schließlich habe ich doch meine Kinder erst gestern gewickelt und gefüttert. Oder etwa nicht? Und gleichzeitig – auch das gehört zur Wahrheit dazu – ziehen sich die Tage gerade mit sehr kleinen Kindern manchmal fast endlos in die Länge. „The days are long, but the years are short“ trifft es recht gut.

Wäre es da nicht manchmal schön, wie eine Schildkröte den Kopf einziehen und kurz die Welt anhalten zu können, denke ich, während ich dem psychedelisch blinkenden Karussell zuschaue. Ein „Mama! Wann können wir ENDLICH Zuckerwatte essen?!“ reißt mich aus den Gedanken und erinnert mich daran: Das Hier und Jetzt als Mutter ist klebrig, aber süß.

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