Familien-Kolumne „Kinderkram“ Warum stellen Kinder die wichtigsten Fragen erst ab 20 Uhr?

Serie | Bonn · Die Kinder unserer Autorin sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht – und ihr jeweiliges Verhalten bei Tag und bei Nacht macht da keine Ausnahme. Während der eine Sohn abends seine Ruhe will, wird der andere erst ab 20 Uhr richtig gesprächig.

Schlafenszeit? Wann die beginnt, da sind sich Eltern und Kinder nicht immer einig.

Schlafenszeit? Wann die beginnt, da sind sich Eltern und Kinder nicht immer einig.

Foto: picture alliance / dpa/Patrick Pleul

Meine beiden Söhne liegen zwar mit 16 Monaten Altersabstand in dieser Hinsicht sehr nah beieinander und sehen sich zumindest oberflächlich auch so ähnlich, dass sie nicht selten für Zwillinge gehalten werden – in nahezu allen anderen Belangen sind die zwei aber so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

Apropos Tag und Nacht: Mein kleiner Sohn hat auch mit sieben Jahren keinerlei Probleme damit, tagsüber Kuscheleinheiten von mir einzufordern. Morgens vor der Schule schläft er am liebsten auf dem Arm noch eine Runde weiter, während Videokonferenzen krabbelt er gern auf meinen Schoß, und wenn ich ihn nachmittags aus der OGS abhole, rennt er auf mich zu, als hätten wir uns sechs Wochen nicht gesehen, ruft: „Mami, Mami!“ und übersät mich mit Küsschen.

Mein älterer Sohn hingegen, acht Jahre alt, pardon! fast achteinhalb, würde vor Scham im Boden versinken, wenn ich ihm im Beisein seiner Kumpels auch nur über den Kopf streichen würde. „Boah Mama – das ist so peinlich“, ist einer seiner Lieblingssätze – und einer der wenigen, die ich tagsüber überhaupt von ihm höre. „Wie war’s in der Schule?“ „Gut.“ „Was hast du in der OGS gemacht?“ „Gespielt.“ „Was gab’s zu Essen?“ „Nudeln.“ Abgang Kind, Tür zu, vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

Der Kleine hingegen kommt von früh bis spät aus dem Plappern nicht heraus und berichtet mir haarklein und oft ungefragt bis ins kleinste Detail von seinem Tag. „Bis spät“ ist hier das Stichwort: Denn gegen Abend scheint sich irgendetwas im kleinen Universum meiner Kinder gleichsam diametral zu verschieben und auf ihr jeweiliges Verhalten auszuwirken. Das ändert sich nun schlagartig. Der Kleine möchte nach dem Vorlesen von „Mami-Mami“ plötzlich nichts mehr wissen und in Ruhe sein Hörspiel hören, um dabei gemütlich einzuschlummern. In meinem Schlafzimmer sehe ich ihn nachts etwa ein, zwei Mal im Jahr.

Der Große hingegen scheint zur selben Zeit alles nachholen zu müssen, was er über den Tag versäumt hat. Ich lege mich abends immer noch „kurz“ zu ihm ins Bett, und ehrlicherweise bin ich dann selbst schon recht müde und erschöpft und sehne mich nach etwas Ruhe. Dann kommt es: „Ähm, also, Mama, nur eine Frage….“ Und ich weiß: Jetzt kommt niemals eine Frage, die mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet wäre, und es kommt auch sicher nicht nur eine. „Wieso fällt das Wasser nicht aus dem Meer, wenn die Erde sich dreht?“, „Was genau ist Weltraumschrott?“, „Wie sind die Menschen entstanden?“ oder, mein absoluter Liebling: „Warum müssen wir alle sterben?“

Ich verdrehe innerlich die Augen, hake den gemütlichen Feierabend ab und mühe mich, die Neugier meines Kindes adäquat zu befriedigen. Wenn das, mal mehr, mal weniger erfolglos, erledigt ist, verabschieden wir uns für die Nacht – beide wohlwissend, dass wir uns aller Voraussicht in wenigen Stunden in meinem Bett wiedersehen. Denn in das kriecht das tagsüber so kuschelresistente Kind momentan wieder verlässlich Nacht für Nacht. Um morgens auf die Frage, wie es geschlafen habe, ebenso verlässlich einsilbig zu brummen: „Gut.“ Na dann, gute Nacht.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Es kommt auf die Eltern an
Kommentar zum Urteil des Verfassungsgerichts Es kommt auf die Eltern an
Aus dem Ressort