Familien-Kolumne „Kinderkram“ Wenn Kinder die wahren Konservativen sind

Serie | Bonn · Unsere Autorin wollte sich einen Kurzhaarschnitt zulegen. Beim Nachwuchs löste der Plan vehementen Protest aus. Kinder können so konservativ sein, findet sie.

Veränderungen stehen Kinder skeptisch gegenüber - auch wenn es nur um die Frisur der Mutter geht.

Veränderungen stehen Kinder skeptisch gegenüber - auch wenn es nur um die Frisur der Mutter geht.

Foto: millaf - stock.adobe.com/Iulia Nemchinova MF

Neulich spielte ich mit dem Gedanken, mir einen Kurzhaarschnitt zuzulegen. Meine Kinder, die davon zufällig Wind bekamen, waren entsetzt. Die Sechsjährige ließ sich gar zu der Befürchtung hinreißen: „Dann bist du einfach nicht mehr meine Mama. Ich weiß nicht, ob ich dich dann noch lieben kann.“

Ich glaube nicht, dass der angedrohte Liebesentzug ein Mittel war, mich von meinem Plan abzubringen. Eine derart krasse emotionale Erpressung traue ich unserem Kind nicht zu. Ich glaube, das war ehrlich ihre Angst. Kurz vorher hatte ich ihr das demokratische Instrument der Demonstration erklärt. Nun liefen beide Kinder durch unsere Wohnung und skandierten: „Mamas Haare bleiben lang!“

Nun gehört zur guten Demokratiebildung das Wissen, dass nur weil ich für etwas auf die Straße gehe, es noch längst nicht automatisch umgesetzt wird. Außerdem fühlte ich mich berufen, den Gegenbeweis anzutreten, was die Korrelation zwischen der Größe unserer Liebe und der Länge meiner Haare anbetrifft. Also: Jetzt erst recht.

Ich habe das Gefühl, Kinder sind manchmal echt konservativ. Traditionen, Rituale und Sicherheit sind ihnen enorm wichtig. Alles soll am besten immer so bleiben, wie es ist. Unsere lieben außerdem Brezeln und echte Wurst. Fehlt noch das Bier und ich bin mir sicher, wenn sie könnten, sie würden CSU wählen.

Vielleicht ist diese bewahrende Haltung nur natürlich für jemanden, der jede Woche einen Millimeter wächst und 25 neue Dinge lernt. Außerdem ist es wohl eine urmenschliche Eigenart, auf der einen Seite große Angst vor Veränderung zu haben, auf der anderen dann aber extrem anpassungsfähig zu sein.

So auch in diesem Fall: Als ich dann tatsächlich mit kurzen Haaren nach Hause kam, fiel die Reaktion sehr milde aus. Die Kinder sagten nur: „Sieht gut aus.“ Das mag geskriptet gewesen sein. Ich weiß nicht, inwieweit der Vater sie auf den Moment vorbereitet hatte. Von dem schieren Entsetzen des Vorhineins jedenfalls keine Spur.

Später gefragt, ob das denn jetzt so schlimm sei wie befürchtet, mit meinen kurzen Haaren, sagte die Sechsjährige nur: Nein, sie habe mich schließlich sofort an der Stimme erkannt. In manchen Dingen sind Kinder außerdem wieder ganz progressiv: So hatte die nächste Demo, die durch unseren Flur ging, den Schlachtruf „Schule erst ab halb neun, Schule erst ab halb neun“.

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