Tipps für Eltern Wenn das Kind in die Pubertät kommt

Alfter · Familien im Ausnahmezustand? Ein Pädagogik-Professor aus Alfter berichtet über die Entwicklung hin zum Erwachsenen – und rät Eltern zu Geduld und Standfestigkeit.

 Konfliktträchtig: Gerade in der Pubertät kommt es häufig zu Streitereien mit den Eltern. Symbolbild: dpa

Konfliktträchtig: Gerade in der Pubertät kommt es häufig zu Streitereien mit den Eltern. Symbolbild: dpa

Die Pubertät ist eine Herausforderung, eine große Herausforderung. Für Kinder und Eltern. Viele Eltern erkennen ihr pubertierendes Kind kaum wieder, geschweige denn, dass sie es verstehen. Und wie damit umgehen? Was geht in Jugendlichen im Übergang zum Erwachsenwerden vor?

Dazu sprach nun Jost Schieren, Professor für Schulpädagogik und Dekan des Fachbereichs Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule. Seine Ausführungen bildeten den Abschluss von „Kind im Glück“, einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe der Alfterer Hochschule und des General-Anzeigers zu Erziehungsfragen.

Schieren war früher Oberstufenlehrer an einer Waldorfschule, ist Vater von drei mittlerweile erwachsenen Söhnen und erklärte aus persönlicher und pädagogischer Erfahrung, worauf es in dieser wichtigen Entwicklungsphase ankommt.

■ Was ist die Pubertät eigentlich? Die Pubertät ist die Zeit, in der sich ein Jugendlicher zum Erwachsenen entwickelt, mitsamt allen körperlichen Veränderungen. Es ist aber noch mehr. „An die biographische Phase der Pubertät hat jeder besondere Erinnerungen“, sagte Schieren. Daher seien Erlebnisse in dieser Phase sehr prägnant, da alles mit großer Gefühlsbetonung erlebt werde. Dadurch sei sie ein biographisch referenzieller Punkt im Leben eines Menschen.

„Pubertät hat eine Art Phasenreferenz. Es ist ein Umbau, ein Transformationsprozess, der durchlaufen werden muss, um eine neue Weltanschauung und Lebensorientierung für ein Grundmuster zu schaffen“, führte der Experte aus. Die Pubertät sei somit identitätsstiftend, da ein Mensch gewisse Erfahrungen mache und dadurch Werte und Denkmuster entwickelt, auf denen er als Erwachsener aufbaut.

Was ist das Komplizierte daran? Schwierig ist dieser Prozess, da er vor allem emotions- und ich-gesteuert ist. Laut Schieren sei die Welt eines Kindes stets kohärent, im Sinne von gut und schön. Pubertierende entdeckten jedoch, dass dies nicht immer der Fall ist. Sie seien auf der Suche nach Wahrheit, ihrer erlebbaren Wahrheit. „Sie wollen den Moment des individuellen Verstehens, was bedeutet, dass alles Gewordene hinterfragt wird“, erklärte der Pädagoge.

Allerdings fehle Jugendlichen gleichzeitig die Objektivität dabei, was zu Spannungen führen kann. „Dieses ganz neue Wahrnehmen und Erleben vorher unbekannt intensiver Gefühle führt auch zur Selbstvergessenheit der existierenden Umgebung. Man schwimmt im Ozean der eigenen Gefühle“, so Schieren.

Was heißt das im Alltag? Alles wird hinterfragt und getestet. Was sich gut anfühlt, wird laut Schieren für gut empfunden. Ein eigener Geschmack entwickelt sich, auch was Mode und Musik angeht – oft zum Leidwesen der Eltern. Hier beruhigte der Experte: „Das Ringen um Individualität braucht jemanden, an dem man sich reiben kann.“ Auch Diskussionen sind an der Tagesordnung, was laut Schieren aber per se nicht schlecht ist. „Ideale und Werte werden erstmals originär gebildet. Zudem haben Jugendliche ein starkes Gerechtigkeitsempfinden“, führte er aus.

Wie sollten sich Eltern verhalten? Schieren riet, dass Eltern immer verlässlich, gerecht und berechenbar bleiben sollten. Sie sollten erklärbare Regeln aufstellen, gleichzeitig aber auch ihrem Kind das Recht auf Privatheit und Rückzug einräumen. Eltern sollten gerade, was Liebesangelegenheiten und Probleme angeht, für ein vertrauensvolles Verhältnis nicht kontrollierend, aber interessiert und in Reichweite sein.

Grundsätzlich empfahl er, mit den Kindern in Kontakt zu bleiben, aktives Zuhören und interessiertes Nachfragen. „Liebe und Geduld, aber auch Standfestigkeit“, riet er in Erziehungsfragen bei Pubertierenden