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Alternative Medizin: Gefährliche Versprechen

Alternative Medizin : Gefährliche Versprechen

Die Diagnose Krebs ist ein Schock. Ungewisse Heilungschancen und die kräftezehrende Therapie belasten den Patienten. Einen Ausweg verspricht die Alternative Medizin: Mit sanften Methoden will sie den Krebs bekämpfen.

Vier tragische Todesfälle haben im vergangenen Sommer für Betroffenheit gesorgt. In einer alternativen Praxis in Brüggen am Niederrhein sind Krebspatienten nach einer Behandlung gestorben. Im Verdacht steht 3-Bromopyruvat. Ein Mittel, welches bis jetzt keine Zulassung als Medikament hat und nur im Tierversuch getestet wurde. Verabreicht wurde es den Patienten nicht von einem Arzt, sondern von einem Heilpraktiker, dem Eigentümer der Praxis. Gegen diesen laufen Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, auch wenn noch nicht geklärt ist, woran die Patienten tatsächlich gestorben sind.

Krebs ist eine der schlimmsten Diagnosen, die ein Mensch bekommen kann, auch wenn die Heilungschancen je nach Krebsart gut sein können. In den meisten Fällen steht dem Patienten eine lange, anstrengende Behandlung bevor. Mit Operationen, Strahlen- oder Chemotherapie soll der Krebs bekämpft werden. Dies zehrt an den Kräften – physisch und psychisch. Dazu kommen Nebenwirkungen wie Haarausfall, Übelkeit oder Gelenkbeschwerden. Wer sich über mögliche Behandlungsmethoden informiert, stößt schnell auf den Begriff der „alternativen“ Krebsmedizin. Oft versprechen Alternativmediziner eine sanfte Heilung ohne Nebenwirkungen, als echte Alternative zu den schul-medizinischen Behandlungen.

Zu den alternativen Heilverfahren zählen unter anderem Homöopathie, Naturheilkunde oder traditionelle Medizin. Allerdings ist der Begriff Alternativmedizin nicht genau definiert. Im Allgemeinen versteht man darunter Methoden, welche die Schulmedizin ablehnen.

„Viele Menschen haben größere Angst vor den Nebenwirkungen einer Therapie als vor der Therapie selbst“, erzählt Dr. Karin Kielwein. Sie ist Ärztin für Naturheilverfahren am Uniklinikum Bonn und spezialisiert auf traditionelle chinesische Medizin. Sie behandelt unter anderem mit Kräutern und Akupunktur. Hauptsächlich kommen Frauen mit gynäkologischen Problemen in ihre Praxis, aber auch onkologische Patienten. „Die Angst vor den Nebenwirkungen der Behandlung ist der Hauptgrund für Tumorpatienten, sich alternativen Krebstherapien zuzuwenden. Viele Naturheilverfahren bieten den Betroffenen die Chance, selbst etwas zu tun und einem unangenehmen Symptom etwas entgegenzusetzen“, erklärt die Ärztin.

Kielwein behandelt jedoch nicht alternativ, sondern integrativ. Das bedeutet, dass alternative Verfahren zusätzlich zu der schulmedizinischen Behandlungen angewendet werden. „Das, was ich mache, sehe ich nicht als Alternative. Ich finde den Begriff “Alternativ-medizin„ ganz unglücklich gewählt. Denn er erzeugt bei dem Betroffenen das Gefühl, es gäbe wirklich eine Alternative. Und das ist ganz gefährlich.“

Vielmehr biete sich die Möglichkeit, durch alternative Heilmethoden die Nebenwirkungen der Therapie zu lindern. Beispielsweise helfe Akupunktur sehr gut gegen Gelenkschmerzen. „Ich würde nie sagen: Kommen Sie zu mir und ich heile Sie. Die Naturheilverfahren, die ich anwende, sind keine Krebsheilverfahren.“ Aber dem Patienten gehe es psychisch besser. „Durch die Anwendungen der Traditionellen Chinesischen Medizin kann die Befindlichkeit des Betroffenen verbessert werden. Auch die Schulung von Meditation und das Erlernen von Achtsamkeitsübungen können zur Stärkung und damit zur Stabilisierung des Patienten beitragen. So wächst die Möglichkeit, ein Gegen-gewicht zu der Krankheit zu schaffen. Die schulmedizinische Behandlung wird in diesem Sinne begleitet und unterstützt“, sagt Kielwein.

Aber nicht jede alternative Heil-methode sei zu empfehlen: „Wenn der Patient sich über Behandlungsverfahren informiert, sollte er seriöse Quellen nutzen“, warnt Kielwein. „Besonders aufpassen muss man, wenn die Schulmedizin verteufelt wird. Oder wenn spezielle, häufig sehr teure Diagnoseverfahren angeboten werden. Ein Onkologe würde solche Verfahren ja auch verwenden, wenn es wirklich so einfach wäre. Es ist nicht alles Unfug, was angeboten wird. Aber vieles ist eben keine Alternative und in seiner Wirkung nicht belegbar.“

Dass für viele alternative Heilmethoden Studien fehlen, sei ein kritischer Punkt. Denn solange ein Verfahren nicht „evidence-based“ sei, also die Wirksamkeit durch klinische Studien belegt ist, zahlen die Krankenkassen für die Behandlungen nicht.

„Aber gerade bei der chinesischen Medizin ist es schwer, solche Studien nach unseren wissenschaftlichen Standards durchzuführen“, bedauert Kielwein. Trotzdem handele es sich um Methoden, die mehrere tausend Jahre alt seien und von denen man wisse, dass sie funktionieren.

In der Regel gelten traditionelle Heilmethoden als ungefährlich – wenn sie richtig angewendet werden. Dies liegt an der teilweise jahrtausendelangen „Erprobungszeit“. Die Anwendungen konnten so immer weiter optimiert werden, und mögliche Nebenwirkungen sind bekannt und dokumentiert.

Problematisch wird es dann, wenn Alternativmediziner oder Heilpraktiker Studien zitieren, um die angebliche Wirksamkeit von neuen Verfahren zu belegen. Eine Überprüfung des Krebsinformationsdienstes ergab, dass häufig die zitierten Forscher oder Institutionen nie auf diesem Gebiet gearbeitet haben oder von einer angeblichen Kooperation nichts wissen. In anderen Fällen werden Heilmittel beworben, ohne dass es eine klinische Studie dazu gibt.

Letzteres war beim Krebszentrum in Brüggen der Fall. 3-Bromopyruvat (3-BP) soll, so die Theorie, die Krebszellen aushungern. Es hemmt das Enzym Hexokinase, welches für die Umwandlung von Glukose verantwortlich ist. Dadurch kann die Energiegewinnung der Krebszellen vermindert werden. Bisher wurden noch keine Studien an Menschen durchgeführt, lediglich im Tierversuch zeigten sich erste Erfolge. Doch solange die Wirksamkeit nicht durch klinische Studien bewiesen ist, müssen die Patienten selber für die Behandlungskosten aufkommen.

„Bei vielen alternativen Heilmethoden gibt es keine Belege, dass sie helfen. Häufig sind diese Mittel auch nicht gut gemacht. Am Ende hat der Patient viel Geld ausgegeben und es hat nicht gewirkt“, sagt Professor Peter Brossart. Er ist Onkologe und Direktor der medizinischen Klinik und Poliklinik III am Uniklinikum Bonn. Er betrachtet die alternativen Heilverfahren kritisch: „Wenn etwas nicht schadet und die Patienten nicht finanziell belastet, dann bin ich der Letzte, der das ablehnt. Wenn er sich dadurch besser fühlt, will ich das unterstützen. Wenn ich aber das Gefühl habe, dass etwas komplett unsinnig und nur wahnsinnig teuer ist, dann kann man davon nur abraten.“

Häufig handele es sich bei den angeblichen Wundermitteln um schlichte Nahrungsergänzungsmittel oder Vitaminpräparate, die teuer verkauft würden. „Oder die Mittel sind so stark verdünnt, dass man gar nicht weiß, was da noch wirken soll“, ergänzt er.

Im besten Falle seien solche Behandlungen nur teuer und wirkungslos. Im schlimmsten Fall könne es sehr gefährlich werden: „Häufig weiß man gar nicht, was den Leuten so verabreicht wird. Es gibt Radikalfänger oder Antioxidantien, das ist meist einfach nur gefährlich mit einer Chemotherapie zusammen. Es hebt die Wirkungen der Therapie auf“, sagt Brossart. Risikoreich sei auch die bekannte Misteltherapie: „Es gab Studien, die abgebrochen wurden, weil die Misteltherapie negative Auswirkungen hatte. Je nachdem kann sie auch alles noch schlimmer machen, weil sie im Körper Stoffe freisetzt, die das Wachstum von Tumoren fördern können.“

Deshalb sei es wichtig, vor einer möglichen integrativen Behandlung mit dem Onkologen zu sprechen. Dies betonen sowohl Peter Brossart als auch Karin Kielwein. „Sobald jemand eine bösartige Erkrankung hat, fangen alle an zu recherchieren. Familie, Freunde, Nachbarn. Jeder kommt mit einem Riesenstapel Material an, was es alles weltweit an Möglichkeiten gibt. Und wenn man so eine schwere Erkrankung hat, die todbringend ist, dann klammert man sich an alles. Das ist ja auch total verständlich. Ich biete jedem Patienten an, dass ich das Material mit ihm zusammen durchgehe. Ich kann dann sagen, ob so eine Behandlung Sinn macht oder nicht“, erzählt Brossart. „Wenn sich der Patient dadurch besser fühlt und es einen psychologischen Effekt hat, habe ich grundsätzlich nichts dagegen. Aber für mich gibt es nur eine Medizin, nämlich die, die evidence-based ist. Keine Schulmedizin und keine Alternativmedizin. Sondern nur die Medizin, die wirkt.“

Brossart und Kielwein sehen den Begriff Alternativmedizin kritisch: Schulmedizin und Alternativmedizin seien irreführende Begriffe. „Das ärgert mich. Ich habe immer das Gefühl, als sei die Schulmedizin etwas Schlechtes“, kritisiert Brossart. „Es gibt nur Nebenwirkungen und die Patienten sterben trotzdem. Und dann gibt es die Alternative, die sanft und ohne Probleme heilt. Das stimmt einfach nicht. Ich würde meinen Patienten doch nichts vorenthalten, wenn ich wüsste, dass es funktioniert. Wenn ich sie mit Vitaminpräparaten genauso gut heilen könnte, würde ich sie ja nicht mit Chemotherapie oder Antikörpern traktieren.“

Karin Kielwein wünscht sich, dass Onkologen offener werden für andere Heilmethoden, auch wenn diese nicht evidence-based sind. „Beide Seiten, die Onkologie und die Naturheilpraxis, sollten mehr zusammenarbeiten. Man kann dann gemeinsam überlegen, wie man den einzelnen Patienten am besten unterstützt.“ So könne man auch die mitunter gefährlichen „Alleingänge“ der Patienten verhindern.

„Besonders während einer Zytostase, also der medikamentösen Hemmung des Krebszellwachstums, sind alternative Behandlungen kritisch zu prüfen. Man kann die Risiken schwer abschätzen. Aber zwischen den zytostatischen Zyklen ist Zeit dafür. Ich kann dem Menschen die Therapie nicht abnehmen. Aber ich kann ihn parallel unterstützen und stärken. So kann er die onkologische Behandlungen besser verkraften.“

Aber nicht nur Ärzte, auch Heilpraktiker dürfen Krebspatienten behandeln. In Deutschland kann jeder Heilpraktiker werden, der mindestens einen Hauptschulabschluss hat und 25 Jahre alt ist. Für die Zulassung zum Heilpraktiker muss ein Multiple-Choice-Test und eine mündliche Prüfung bestanden werden. Jedem ist dabei selbst überlassen, wie er für den Test lernt. Es gibt Schulen, in denen der Stoff vermittelt wird. Man kann sich aber auch alleine vorbereiten.

„Es kann nicht sein, dass Heilpraktiker nach einem solchen Test onkologische Patienten behandeln dürfen. Ich habe acht Jahre klinische Ausbildung hinter mir, bevor ich Facharzt wurde. Und dann kommt jemand nach drei Monaten und meint, er kann das genauso gut machen. Das ist einfach ein Irrtum“, ist Brossart überzeugt. „Meiner Meinung nach muss man das in Deutschland klar reglementieren. Die Leute brauchen eine qualifizierte Ausbildung, bevor sie anfangen, onkologische Patienten zu behandeln.“

Karin Kielwein ist der Ansicht, dass Heilpraktiker durchaus zum Heilungsprozess und Wohlbefinden des Patienten beitragen können: „Wenn ein Heilpraktiker die schulmedizinischen Behandlungen ablehnt und dadurch den Patienten verunsichert, dann ist das gefährlich. Das Leid und die Verzweiflung der Menschen werden da auch schonmal ausgenutzt, um zu Geld zu kommen. Aber wenn es eine Kooperation mit dem zuständigen Onkologen gibt, kann auch ein Heilpraktiker den Kranken unterstützen.“