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Digitalisierung beim Arzt: Immer mehr Patienten fragen Dr. Google

Digitalisierung beim Arzt : Immer mehr Patienten fragen Dr. Google

Das Laienwissen aus dem Internet erhält Zugang zu Ärztesprechstunden, denn viele Patienten informieren sich vorher im Netz. Bonner Mediziner sind zwiespältig gegenüber dem "Dr. Google"-Trend. Doch die Digitalisierung eröffnet auch Chancen im Sprechzimmer.

Was steckt hinter den bohrenden Kopfschmerzen? Warum fährt der Magen Karussell? Und warum kribbeln die Zehen, als ob Ameisen auf ihnen herumkrabbeln? Immer mehr Patienten gehen erst ins Netz - und dann zum Arzt. Laienwissen von Internetseiten und Selbsthilfeforen findet so seinen Weg in die Sprechstunde beim Arzt. Bonner Mediziner sehen im Trend zur Visite bei "Dr. Google" Chancen, aber auch Nebenwirkungen, die auf keinem Beipackzettel zu lesen sind.

Doch so oder so spielt das Internet eine immer größere Rolle in der Arzt-Patienten-Beziehung: Zurzeit überlegen die gesetzlichen Krankenkassen, wann und in welchem Umfang sie eine Videosprechstunde zwischen Arzt und Patient vergüten wollen. Bis Juli soll dazu eine Entscheidung fallen.

Das Internet weiß bekanntlich alles - auch in Bezug auf Krankheiten. Internetseiten wie NetDoktor bieten Symptom-Checker oder Diagnosechecker an und suggerieren manchen Patienten, dass er so in der Lage sei, eine mehr oder weniger eindeutige Selbstdiagnose zu stellen. Immer mehr Patienten konsultieren bei Krankheitsbeschwerden nicht nur ihren Arzt des Vertrauen, sondern haben zuvor schon "Dr. Google" befragt: Auf unzähligen Internetseiten und in mannigfaltigen Selbsthilfeforen finden sie bereits erste Diagnoseideen, Therapievorschläge und Erfahrungsberichte Betroffener.

Dieses kurzfristig angeeignete Laienwissen gibt vielen Patienten das Gefühl, informiert zu sein und die Aussage des Arztes zumindest besser selbst einschätzen zu können. Der Bonner Orthopäde Helmut Klippert sieht diesen Trend nicht pauschal als negativ an, weist aber auf mögliche Gefahren hin: "Die Qualität der Informationsseiten ist oft schlecht und so vielfältig, wie das Internet selbst." Ein Problem für das Arzt-Patienten-Verhältnis könne er aber nicht erkennen: "Schon früher haben sich Patienten informiert - dann in dicken Büchern, so genannten Haushaltsratgebern", erklärt Klippert. Der Trend, sich eine Zweit- oder Drittmeinung einzuholen, ob vom Arzt oder aus anderen Quellen, sei also nicht neu. "Heute haben die Patienten allerdings oft irgendwas gelesen - und die Informationen sind meist unterschiedlich", weiß der Orthopäde.

Patienten wollen trotzdem die Meinung der Ärzte wissen

Außerdem müsse der Patient auf Basis der Informationen immer noch eine Entscheidung über die Behandlung treffen. "Dann will er trotzdem meine Meinung als Mediziner wissen", sagt Klippert. Das Internet könne seine jahrzehntelange Berufserfahrung eben nicht ersetzten. Deshalb empfindet der Orthopäde das Internet keineswegs als Konkurrenz. Im Gegenteil: Manchmal sei es durchaus hilfreich, den Patienten etwas bildlich zu zeigen. Dazu verweist er häufig auf Internetseiten von großen Kliniken oder Fachzentren. Diese nutze er auch selbst, um sich fortlaufend zu informieren.

Auch der Bonner Kinder- und Jugendarzt Hubert Radinger sieht in "Dr. Google" keinen Konkurrenten: "Interesse ist immer gut und das Internet kann dabei helfen. Schlecht wird es, wenn die Patienten eigene Diagnosen stellen und sich selbst therapieren wollen." Er ist überzeugt, dass es viel mehr vorinformierte Patienten gibt, als bei der Sprechstunde herauskommt. "Viele gucken nach, sagen aber nichts", glaubt er. Welche Internetseiten genau seine Patienten aufsuchen, weiß Radinger nicht. "Für viele Patienten ist es schwer, die Informationen richtig einzuordnen, es gibt schließlich einfache und schwere Diagnosen." Häufig könne er seine Patienten sogar beruhigen, denn es stünden die abstrusesten Diagnoseideen auf Internetseiten und in Selbsthilfeforen. "Es wird nicht kontrolliert, wer da was veröffentlicht", so Radinger.

Der Orthopäde Klippert denkt die zunehmende Digitalisierung im Gesundheitswesen noch eine Stufe weiter: "Wir müssen uns mit diesem Trend arrangieren. Ich bin überzeugt, die Arztpraxen, wie wir sie jetzt haben, werden in zehn Jahren so nicht mehr existieren." Denn auch dort schreite die Digitalisierung in vielerlei Hinsicht fort. Schon heute koordinieren und vergeben einige Arztpraxen ihre Termine online. Klippert vermutet dabei jedoch noch einige Datenschutzprobleme. Aber auch bei ihm ist die Digitalisierung bereits im Wartezimmer angekommen - in Form von digitalem Infomaterial und auch der Internetzugang in jedem Sprechzimmer sei nicht mehr wegzudenken.

Krankenkassen wollen Videosprechstunden vergüten

Als wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem zunehmend digitaleren Gesundheitswesen gilt das E-Health-Gesetz von 2016. Darin ist festgelegt, dass gesetzliche Krankenkassen und Vertragsärzte bis Juli dieses Jahres eine Vergütung für Videosprechstunden festlegen müssen. Das bedeutet: Wer für ein erstes Untersuchungsgespräch persönlich bei seinem Arzt erschienen ist, kann die Nachbehandlung per Videochat durchführen - und die gesetzliche Krankenkasse zahlt. Das E-Health-Gesetz bezieht sich jedoch nur auf die Finanzierung, über die technische Umsetzung bestimmen die Krankenkassen.

Ärzte sind jedenfalls nicht verpflichtet, ihren Patienten zukünftig ein Folgegespräch anzubieten, das per Webcam übertragen wird. Diese Entscheidung bleibt ihnen überlassen. So oder so gehe es eher um Gespräche mit beratendem Charakter, erklärt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. So könnten Arzt und Patient schneller und einfacher Blutwerte oder auch Wundbehandlung besprechen. Voraussetzung sei aber ein bereits bestehendes Arzt-Patienten-Verhältnis.