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Medizinerlatein und Fachchinesisch: Mehr Verständnis beim nächsten Arztbesuch

Medizinerlatein und Fachchinesisch : Mehr Verständnis beim nächsten Arztbesuch

Viele Mediziner pflegen auch im Gespräch mit Patienten ihre Fachausdrücke. Problematisch wird es, wenn Missverständnisse wegen sprachlicher Ungenauigkeiten aufkommen.

Auf den ersten Blick versteht der Laie bei ärztlichen Fachausdrücken oft nur Bahnhof. Und nicht selten sitzt er in der Sprechstunde, liegt im Behandlungsstuhl oder findet sich rätselnd im Nachgespräch wieder und versteht das Gesagte nur akustisch, weil der Inhalt zu verklausuliert daherkommt.

Die beste Taktik: Nicht verzagen und nachfragen. Oder nachdenken und sich so manchen Sinn selbst herleiten. Denn das ist nicht immer so kompliziert, wie es zunächst scheint. Bei genauerem Hinschauen, beziehungsweise Hinhören, lassen sich in vielen Worten der Mediziner Elemente erkennen, die aus der Alltagssprache bekannt sind.

Der Tachometer etwa ist ein Geschwindigkeitsmesser – und eine Tachykardie ein „Herzrasen“, eine stark beschleunigte Herztätigkeit, abgeleitet aus den altgriechischen Worten „tachys“ (schnell) und „kardia“ (Herz, Seele).

Diese lateinischen Worte helfen weiter

Auch das lateinische Wort für Herz, „cor“ (Genitiv: cordis), kennt man schon: vom Namen Cordula, „das Herzchen“. Überhaupt spielen Verkleinerungsformen eine Rolle in der Fachsprache: ein „Musculus“ ist wörtlich ein „Mäuschen“, abgeleitet vom lateinischen „Mus“, und ein Meniskus ist ein „Möndchen“, eine (halb)mondförmige Knorpelscheibe.

Ein Bakterium, das an ein „Stäbchen“ erinnert, wird mit dem lateinischen Ausdruck für diese Form als „Bazillus“ bezeichnet, und die Pupille (lateinisch pupilla als Verkleinerungsform von pupola) ist eigentlich ein „Püppchen“, weil das Spiegelbild des eigenen Körpers im Auge des Gegenübers wie eine kleine Puppe aussieht – oder ernsthaft dafür gehalten wurde.

Kurze Vokabelliste für den Gang zum Arzt

Dass die medizinische Terminologie bis heute vor allem aus griechischen und lateinischen Ausdrücken besteht, liegt vor allem daran, dass die Wurzeln der heutigen Medizin bis ins antike Griechenland reichen und das Lateinische bis in die Neuzeit die internationale Wissenschaftssprache war.

Manche Wörter, die heute noch in Gebrauch sind, entstanden schon zur Zeit der hippokratischen Medizinschule von Kos im 4. Jahrhundert vor Christus, so etwa „Diagnose“ und „Prognose“, die aus dem griechischen „Gnosis“ ((Er-)Kenntnis, Wissen) gebildet wurden. Dia-gnose (griechisch „dia“: durch, zwischen, auseinander) als „Wissen, das eine Krankheit von anderen unterscheiden kann“ – und Pro-gnose als „Vorher-Wissen“, wie die Sache vermutlich ausgeht.

Schon in der Antike wurden Krankheiten benannt

Auch zahlreiche Krankheiten wie Asthma, Epilepsie oder Rheuma wurden damals schon detailliert beschrieben und benannt. Im Laufe der Zeit ist um diese (mit Hilfe von Vor- und Nachsilben sowie ergänzenden Adjektiven fast beliebig kombinierbaren) Krankheits- und Organbezeichnungen ein umfassender griechisch-lateinischer Wortbaukasten entstanden.

So lässt sich, international verständlich, systematisch zwischen Peri-kard („ums Herz herum“ = Herzbeutel), Myo-kard („Muskel-Herz“ = Herzmuskel) und Endo-kard („Innen-Herz“=Herzinnenhaut) unterscheiden. Wird die Endsilbe -itis darangehängt, weiß jeder Experte, dass die betreffende Stelle entzündet ist.

"Prä" steht für "vor"

Mit dem Ausdruck „prä-kardial“ (lateinisch „prae“: vor) ist die Brustwand vor dem Herzen gemeint – und eine Prä-kardi-algie (griechisch „algos“: Schmerz) bezeichnet Schmerzen an dieser Stelle. Wer sich ein paar antike Organbezeichnungen, Vor- und Nachsilben (Prä- und Suffixe) einprägt, hat so schon einen Einblick in die Sprache der Medizin und kann die Bedeutung vieler Zusammensetzungen zumindest abschätzen.

Der „praktische“, klinische Bereich der Medizin wird von Ausdrücken bestimmt, die aus dem Altgriechischen stammen – auch wenn sie meist lateinische Endungen haben und in einem Mischmasch der beiden Sprachen mit lateinischen und griechischen Vor- und Nachsilben kombiniert werden.

Irgendwann waren selbst die Fachleute verwirrt

Die erst im 16. Jahrhundert richtig aufblühende Anatomie ist dagegen vom lateinischen Vokabular dieser Zeit geprägt. So werden Nierenerkrankungen mit Hilfe des griechischen Ausdrucks „nephros“ bezeichnet, wie bei Nephr-itis („Nierenentzündung“). Anatomisch firmiert die Niere dagegen unter ihrem lateinischen Namen „ren“, etwa im Hormon Ad-ren-alin, das in den Nebennieren entsteht (lateinisch „ad“: bei).

Trotz der präzisen, knappen Ausdrucksmöglichkeiten, die das Lateinische bietet, hatten sich im anatomischen Wortschatz des 19. Jahrhunderts so verwirrend viele Ausdrücke angesammelt, dass es immer wieder zu Irrtümern kam. Ständig waren neue Wörter eingeführt worden, ganz nach der Empfehlung des im zweiten Jahrhundert nach Christus in Rom wirkenden griechischen Arztes Galenos, sich „um die Namen … keine Sorge zu machen, wenn nur die Sache die nämliche ist“.

Ein Verzeichnis hilft in Zweifelsfällen

So gab es zahlreiche Bezeichnungen für dieselben Körperteile, während andere Begriffe verschiedene Dinge meinten. Viele Begriffe waren nach verdienten Forschern benannt, was die Verständlichkeit erschwerte. Deshalb wurde auf dem internationalen Basler Anatomenkongress im Jahr 1895 das Verzeichnis der Basler Nomina Anatomica (BNA) zum Standardwortschatz erklärt, durch den 10.000 „überflüssige“ Formulierungen aus der Anatomie gestrichen wurden.

Im Wortschatz der Kliniker gibt es allerdings noch immer ein hohes Verwechselungspotenzial, wie der Medizinjournalist Werner Bartens in seinem Buch „Das sieht aber gar nicht gut aus“ betont: „Besonders gefährlich sind ähnlich klingende Präfixe. So hören sich Hyper- und Hypoglykämie fast gleich an, bedeuten aber das schiere Gegenteil – Über- und Unterzuckerung. Das Gleiche gilt für Hyper- und Hypotonie, hohen und niedrigen Blutdruck.

"Inter", "ante" oder "anti" klingen ähnlich

Auch Wort-bildungen mit inter (dazwischen) oder intra (innerhalb), ante (davor) und anti (dagegen), super (oberhalb) und sub (unterhalb) sind in der Medizin häufig – und werden ebenso häufig verwechselt.“

Patienten erschrecken mitunter, wenn sie mit unverständlichem Fachchinesisch konfrontiert werden. Dem Arzt kommt deshalb die Rolle eines behutsamen Übersetzers zu, wobei sich mancher lieber hinter seinem Spezialistenjargon verschanzt wie jener Mediziner, der den besorgten Eltern des anfangs nicht atmenden Neugeborenen erklärte, es sei „asphyktisch“. Damit wiederholte er auf griechisch, dass es „ohne Puls“ war, während er so tat, als hätte er damit eine Diagnose gestellt.

Der Name der Krankheit ist kein Heilmittel

Schon Immanuel Kant hatte sich im 18. Jahrhundert über die „Methode der Ärzte“ lustig gemacht, „welche glauben, ihrem Patienten sehr viel genutzt zu haben, wenn sie einer Krankheit einen Namen geben“. Wer sich damit in der heutigen Zeit nicht zufrieden geben möchte, kann immer noch um verständliche Aufklärung bitten.