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Ahrtal: Helfer kritisieren bürokratische Abwicklung der Entschädigung

Nach dem Hochwasser : Helfer kritisieren bürokratische Abwicklung der Entschädigung

„Ihr wart unsere Rettung“ sagen viele über die Hilfe der Privatunternehmen im Ahrtal. Doch statt der unkomplizierten Verrechnung – für die mündlich beauftragten Hilfen – sehen sich viele einem Bürokratiekampf ausgesetzt. Über ähnliche Erlebnisse berichten die selbst organisierten Mittelständler in einer Pressekonferenz am Nachmittag.

Hier eine Pressekonferenz, dort ein Statement vor laufender Kamera. Die nationale Berichterstattung zur Katastrophe im Ahrtal erreicht die Menschen auch nach mehr als drei Wochen noch. Wer in all den Sendungen nicht vorkommt, sind die Helfer der ersten Tage, die immer noch mit ihren oftmals teuren Gerätschaften vor Ort sind. Warum diese Ignoranz stattfindet, ist ihnen schleierhaft. Am Freitag meldeten sich die privaten Koordinatoren, die bislang erfolgreich über soziale Medien von ihrem Schaffen berichteten, vor der Presse zu Wort. In einer eilig anberaumten Pressekonferenz in der St. Josef-Kapelle in Walporzheim kamen die zu Wort, die zunächst in Walporzheim, später auch weiter ahraufwärts die Schar der privaten Helfer anlockten.

Alleine für den Bereich zwischen Walporzheim und Rech geht Wilhelm Hartmann von rund 500 engagierten Unternehmen aus dem Mittelstand aus, die mit rund 300 Maschinen vor Ort unterwegs sind oder waren. Der Fuldaer Unternehmer war als Helfer bei Oder- und Elbhochwasser in diesem Jahrtausend dabei und kann durchaus als Kopf hinter der Schar der Unternehmer bezeichnet werden. Schon früh meldete er das Kommen der Landwirt- und Forstwirtschaft beim damaligen Krisenstab im Kreishaus an, wurde zur Feuerwehr Bad Neuenahr geschickt und von dort zur Abräumung der riesigen Berge von Schwemmgut nach Walporzheim geschickt. „Dort könnt Ihr alles finden“, hatte ihm Rolf Seliger von der Kreisstadt-Wehr mit auf den Weg gegeben. Heute sagen Seliger und Silvio Faulstich, die für Hartmann immer noch die Ansprechpartner der örtlichen Wehr sind, immer noch zu ihm: „Ihr wart unsere Rettung.“

Es sind hohe Beträge, die die Helfer mit Personal und Maschinen einbrachten. Die ersten Tage ehrenamtlich, lässt sich eine solches Engagement auf Dauer nicht umsonst erbringen. „Ich fahre demnächst nach Hause und melde dort Insolvenz an“ zitierte Marcus Zintel einen Unternehmer, der zum Helfen gekommen und dann nicht mehr abgereist war. Zintel selbst ist ein gut vernetzter Abbruchunternehmer, er organisierte Maschinen und Fachpersonal, baute die auf knapp 100 Metern fortgespülte Bundesstraße 267 an der Bunten Kuh wieder auf, damit Helfer für Marienthal und Dernau keinen Umweg über die Grafschaft mehr fahren müssen. Telefonisch hatte der Landesbetrieb Mobilität (LBM) ihn dazu beauftragt. Aufträge – auch mündlich erteilte – würden unbürokratisch abgerechnet und bezahlt, hatten Innenminister Lewentz und Ministerpräsidentin Dreyer versprochen. Nichts davon passierte. Zintel schrieb Rechnungen über sechsstellige Beträge, die Kosten für ein Dutzend Leihmaschinen und Material wurden ihm derweil belastet. Vom LBM erhält er nun tägliche Mails mit immer neuen Forderungen nach Lieferscheinen oder Ankündigungen, der bei der Bundeswehr getankte Diesel müsse noch in Verrechnung gestellt werden.

Auch der Walporzheimer Ortsvorsteher Gregor Sebastian erteilt Aufträge. Aber keine mündlichen, zu schlecht sind die Erfahrungen. „Ich fahre jedes Mal mit meinem Fahrrad nach Hause und schreibe den Unternehmern eine Email, damit sie was in der Hand haben“, so Sebastian zur Situation vor Ort. Dreyer und Lewentz bekräftigten am Freitag noch einmal die unbürokratische Abwicklung. Noch am Morgen hatten die Unternehmer in ihre Pressekonferenz erklärt, es gehe ihnen nicht darum, ADD, TWH oder andere zu „bashen“, wie es auf Neudeutsch heißt. Ganz im Gegenteil, man arbeiten in der Krisenregion zumindest zwischen Walporzheim und Rech sehr gut mit den organisierten Helfern zusammen. Und man will weitermachen. Wilhelm Hartmann vermutet, dass man bis Weihnachten als Helfer vor Ort sein wird. Als Markus Wipperfürth, der der Riege des Mittelstandes mit seinen täglichen Videos ein Gesicht gibt, dann am Nachmittag der Pressekonferenz mit Dreyer und Lewentz beiwohnen wollte, wurde ihm der Zutritt verweigert.