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Ahrweiler nach dem Hochwasser: Landwirt übt scharfe Kritik an Organisation

„Das ist alles unfassbar schlecht koordiniert" : Hilfe von Landwirten in Ahrweiler offenbar nicht gewünscht

Zahlreiche Landwirte haben sich am Wochenende selbst organisiert, um unter anderem in Ahrweiler und in Altenahr bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Einige von ihnen, wie Chris Stoller, haben dafür eine weite Anfahrt auf sich genommen. Erwünscht sei die Hilfe seitens der Einsatzkräfte aber nicht überall, berichtet er.

Chris Stoller, ein Landwirt aus dem Kreis Uelzen bei Hamburg, ist am Freitagmorgen von Hamburg aus mit seinem Trecker nach Ahrweiler gefahren, um dort zu helfen. Über eine Whatsapp-Hilfe-Gruppe von Landwirten, die von Lohnunternehmer Markus Wipperfürth über Facebook gegründet wurde, organisieren sich hunderte von Landwirten aus ganz Deutschland, um in den betroffenen Gebieten zu helfen.

Chris Stoller war zuerst in Ahrweiler im Einsatz, am Sonntag half er dann in Altenburg beim Aufräumen. Er berichtet im Gespräch mit dem GA von schockierten und zutiefst bestürzten Anwohnern, von einer unfassbaren Kollegialität unter den Helfenden, aber auch von Problemen vor Ort. „Maßlos enttäuscht bin ich von der Bundespolizei und der Bundeswehr", erklärt er, während er in den Trümmern in Altenburg steht. Der kleine Ort an der Ahr ist vom Hochwasser besonders schwer getroffen worden. Der Sonntag sei der erste Tag, an dem die Bundespolizei Präsenz zeige. Richtig anpacken würden aber nur die freiwilligen Helfer, beschreibt Stoller die Lage. Schlussendlich seien er und weitere Landwirte aber sogar von den Einsatzkräften vor Ort darum gebeten worden, wieder abzuziehen, erzählt er. Die selbst organisierte Hilfe der Landwirte war offenbar nicht überall erwünscht.

Die hinzugezogenen Soldaten wüssten teils nicht, wo sie was tun sollen. „Das ist alles unfassbar schlecht koordiniert", meint der junge Landwirt, der seit Freitagnacht nicht viel mehr als drei Stunden geschlafen hat. Die freiwilligen Helfer organisieren sich selbst, packen mit an. Wo Hilfe benötigt wird, helfen sie. Lebensmittel und Sprit organisieren sie sich auf eigene Kosten selbst.

Unterstützung von offizieller Seite gebe es nicht. Die Kosten für alles, auch für beispielsweise geplatzte Treckerreifen, müssten sie selbst tragen, so Stoller. Einen Schlafplatz hatte er in der ersten Nacht auch nicht und arbeitete nahezu durch. In der zweiten Nacht fanden er und seine Kollegen eine Unterkunft dank der Freiwilligen Feuerwehr.

„Da hinten“, deutet er auf eine Gegend, in der sich nichts mehr befindet als Trümmer, „dort war mal ein Campingplatz. Die Wohnwagen finden wir im gesamten Stadtgebiet verteilt.“ Die Situation vor Ort in Altenburg ist dramatisch. Der Ort existiert quasi nur noch auf dem Papier. Fast alle Brücken sind zerstört, die einzig noch funktionierende dient Rettungs- und Einsatzfahrzeugen. Am Samstag durchquerten Polizisten mit Spürhunden die Trümmer, um noch Überlebende zu finden.

„Wenn wir hier mit dem Trecker Trümmer aufsammeln, heben wir sie zweimal auf. Beim ersten Mal sortieren wir noch aus, um zu schauen, ob sich Opfer der Flut darin verbergen“, berichtet Stoller. Der Landwirt, der in seiner Heimat auch bei der Freiwilligen Feuerwehr tätig ist, hat schon einiges gesehen, viele seiner Helferkollegen nicht. Stoller zeigt auf einen weißen Wohnwagen auf einer zerstörten Brücke. In diesem vermutet er noch einen Toten. „Die Anwohner hier haben uns erzählt, dass längst nicht alle Menschen den Campingplatz rechtzeitig verlassen haben.“

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