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Atomkriegs-Szenario wurde in Bonn geprobt: Einstiger fiktiver Bundespräsident kritisiert frühere Nato-Übungen

Atomkriegs-Szenario wurde in Bonn geprobt : Einstiger fiktiver Bundespräsident kritisiert frühere Nato-Übungen

Tief unter Weinbergen hat Deutschland einst das Bunkerleben bei einem möglichen Dritten Weltkrieg geprobt. Ein Buchautor hat ein damaliges fiktives Staatsoberhaupt enttarnt. Dieses hat das Durchspielen eines nuklearen Krieges schon damals kritisch gesehen.

30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung kritisiert der fiktive Bundespräsident der letzten Nato-Übungen im einstigen Regierungsbunker diese Simulationen eines Atomkrieges. „Sich auf Krisen vorzubereiten, indem das Verhalten in der Ausnahmesituation geübt wird, macht sicher Sinn“, teilt der frühere stellvertretende Chef des Bundespräsidialamtes, Meinhard Ade (76), der Deutschen Presse-Agentur mit. „Einem Szenario, welches das Durchspielen eines Atomkrieges in Deutschland durch Deutsche und damit die Einübung der Selbstvernichtung vorsah, konnte und kann ich keine Sinnhaftigkeit beimessen.“

Die regelmäßigen Nato-Übungen im einstigen Regierungsbunker unter Weinbergen im Ahrtal rund 30 Kilometer südlich von Bonn gab es bis zum Jahr des Mauerfalls 1989. Mehr als 1000 Menschen probten je zwei Wochen das Bunkerleben bei einem fiktiven Dritten Weltkrieg mit einem Notparlament und einem angeblichen Kanzler. Und mit einem „Bundespräsidenten übungshalber“. 1987 und 1989 war dies der hochrangige Jurist Meinhard Ade, was laut Jörg Diester, Autor mehrerer Bücher über den Regierungsbunker, bislang in der Öffentlichkeit unbekannt gewesen ist. Er sei erst kürzlich in Stasi-Akten auf Ade gestoßen.

Dieser im nordrhein-westfälischen Rheinbach lebende letzte „Bundespräsident übungshalber“ verkündete bei der letzten „Wintex“-Übung am 1. März 1989 tief unter der Erde fiktiv den Verteidigungsfall. Nach eigenen Worten hielt es der promovierte Jurist schon damals insgeheim für unwahrscheinlich, „dass ein Rückzug wesentlicher Teile von Bundesregierung samt Ministerialapparat und Bundestag wie Bundesrat aus (der damaligen Hauptstadt) Bonn in den Bunker im Ahrtal gerade in der aufgeheizten Lage einer dramatischen außen- und sicherheitspolitischen Zuspitzung ohne Bekanntwerden möglich gewesen wäre“.

Heute ist der ehemalige Regierungsbunker eine historische Dokumentationsstätte. Foto: dpa/Thomas Frey

Weitere Folge wäre laut Ade „der Verfall der Autorität dieser Verfassungsorgane gewesen, ohne die sie gerade in der existenziellen Krise des Staates handlungsunfähig geworden wären“. Er bezweifele auch, „dass die für den Rückzug in den Bunker vorgesehen Personen geschlossen dazu bereit gewesen wären“.

Das weitläufige einstige Geheimbauwerk bei Bad Neuenahr-Ahrweiler wirkte auf Ade bereits 1987 und 1989 als ein Relikt der sechziger Jahre, „als aus der Zeit gefallen“. Komfort fehlte in den abhörsicheren Sitzungssälen, Kantinen, 897 Büro- und 936 Schlafräumen mit Feldbetten. Immerhin hatte Ade einen Schlafraum für sich alleine.

Sein geräumiges Besprechungszimmer war nach seiner Erinnerung mit ausgesonderten Möbeln aus dem damaligen Amtssitz des echten Bundespräsidenten, der Villa Hammerschmidt in Bonn, ausgestattet. Ein rotes Sofa sei noch im heutigen Bunkermuseum im Ahrtal zu sehen. Ade erinnert sich auch noch an die altertümlichen Elektrowagen, „die wegen der erheblichen Entfernungen im Bunker“ benutzt worden sind. Bei dessen Bau bis 1971 waren zwei ungenutzte Bahntunnel auf insgesamt 17 Kilometern Länge genutzt worden.

Für den Notfall wurden Lebensmittelrationen im ehemaligen Regierungsbunker gehortet. Foto: dpa/Thomas Frey

Nach dem Mauerfall versuchte der Bund, seine bizarre Unterwelt zu verkaufen - vergeblich. Schließlich wurde der Bunker aus Gründen des Umweltschutzes entkernt. Nur 200 Meter Tunnel blieben als Museum erhalten, inklusive des Bundespräsidenten-Büros - wegen der Corona-Pandemie allerdings derzeit geschlossen.

Nach Worten des Koblenzer Bunkerexperten Diester sind die Akten des Bundesarchivs zu den Nato-Übungen im Ahrtal noch unter Verschluss, nicht aber Spionageakten der DDR zu dem Thema. Zwar habe deren einstige Hauptabteilung Aufklärung (HVA) vor 30 Jahren ihren riesigen Bestand an Unterlagen des Kalten Krieges vernichtet. In einem kleineren Konvolut von Kopien geschredderter Akten habe er dennoch detaillierte Beschreibungen der Bunkerübungen entdecken können.