Tierschutzvereine in Not Immer mehr Tierhalter verzweifeln an steigenden Kosten

Region · Manche Anrufer weinen am Telefon: Tierschutzvereine berichten von immer mehr Haltern, denen die Kosten über den Kopf wachsen. Gleichzeitig kämpfen die Vereine selbst ums finanzielle Überleben – hier und da gibt es Erfolge durch neue Ansätze.

Immer mehr Halter wollen ihre Katzen und andere Haustiere abgeben. Steigende Kosten bringen viele in finanzielle Not, Tierheime und Pflegestellen stehen ebenfalls unter Druck.

Immer mehr Halter wollen ihre Katzen und andere Haustiere abgeben. Steigende Kosten bringen viele in finanzielle Not, Tierheime und Pflegestellen stehen ebenfalls unter Druck.

Foto: Inga Sprünken

Viele Kinder wünschen sich zu Weihnachten ein Haustier. Dieser Wunsch ist nicht ganz einfach zu erfüllen: Ein lebendiges Wesen hat Bedürfnisse, und mit seiner Anschaffung müssen zumindest bei Hunden und Katzen alle Familienmitglieder einverstanden sein. Im besten Fall erklären sich alle bereit, Hund, Katze, Meerschweinchen oder Kaninchen zu versorgen. Wenn das nicht funktioniert, kann man das Tier nicht einfach umtauschen wie einen Pullover, der nicht passt – deshalb üben sich manche Tierschutzorganisationen vor den Feiertagen bei der Vermittlung bewusst in Zurückhaltung.

„Wir zögern das raus und wir sagen, überlegt es euch gut, auch für die Kinder“, berichtet Claus-Peter Krah. Der erste Vorsitzende des Tierschutzvereins Kreis Ahrweiler berichtet ebenso wenig wie die Vereine Rhein-Sieg, Siebengebirge, Euskirchen und Brühl von einer erhöhten Rückgabe von Tieren jetzt nach Weihnachten. Doch die Vereine kämpfen mit ganz anderen Problemen: Die Anfragen von Tierhaltern, die Hunde, Katzen, Kaninchen oder Vögel abgeben wollen, weil sie das Geld für Futter, Tierarzt und Medikamente nicht mehr aufbringen können, häufen sich.

Tierhalter rufen unter Tränen an

Zwei Entwicklungen wirken dabei ungünstig zusammen: Die Kosten für Tierarztbehandlungen sind zuletzt um 20 bis 25 Prozent gestiegen und dürften 2023 weiter steigen; gleichzeitig steigen auch Futterpreise und die Lebenshaltungskosten der Halter. „Es sind oft ältere Menschen, die hier weinend anrufen“, sagt Heike Schneider vom Gnadenhof Rheinbach, der alte und kranke Tiere aufnimmt oder an Pflegestellen vermittelt. „Viele Leute haben extreme Zukunftsängste, dass sie mit dem Geld nicht mehr auskommen.“ Sven Schwarz, zweiter Vorsitzender des Tierschutzvereins Euskirchen, berichtet, Halter würden teilweise sogar Kredite aufnehmen, um Tierarztrechnungen zu bezahlen.

Für Tierheime und private Pflegestellen kommen die vermehrten Anfragen zur Unzeit, denn auch sie müssen höhere Energie-, Futter und Tierarztkosten stemmen. Zudem sind die Unterbringungskapazitäten vielerorts erschöpft. „Wir sind voll“, konstatiert Claus-Peter Krah. Auch die „Standzeiten“ der Tiere haben sich verlängert. „Früher haben wir drei Katzen am Tag vermittelt. Im Normalfall haben wir die Tiere innerhalb von 23 bis 25 Tagen an neue Besitzer übergeben. Das ist jetzt anders“, sagt der erste Vorsitzende des Vereins, der in Remagen ein Tierheim mit 60 bis 70 Katzen und etwa 25 Hunden betreibt. Von der Kommune erhält der Verein, der ab 1. Januar die Gemeinde Wachtberg in seinen Zuständigkeitsbereich mit aufnimmt, eine Pauschale für die Aufnahme von Fundtieren. „Doch damit kommen wir nicht mehr hin“, betont Krah und hofft auf eine Erhöhung der Pauschale.

Auch Wildtiere müssen vermehrt gepflegt werden

Derweil ringen die Vereine auch mit steigenden Zahlen von verletzten oder kranken Wildtieren. Igel hätten in diesem Jahr besonders unter der Dürre gelitten, berichtet Sven Schwarz. Wegen der Trockenheit fänden die stacheligen Insektenfresser kaum noch Nahrung und müssten durch Fütterung über den Winter gebracht werden. Schwarz appelliert an die Menschen, bei der Hilfe für Wildtiere mehr Eigeninitiative an den Tag zu legen: „Viele machen es sich einfach, rufen bei uns an und möchten, dass wir ein krankes Tier abholen. Zur nächsten Aufnahmestation können die Leute in der Regel aber auch selbst fahren, das würde uns entlasten.“

Es gibt noch ein weiteres Problem: Das Spendenaufkommen, für Tierheimbetreiber eine wichtige und für Tierschutzvereine ohne kommunale Zuschüsse neben Mitgliedsbeiträgen die einzige Einnahmequelle, ist teilweise rückläufig. Einen dramatischen Einbruch um 70 Prozent nennt Claus-Peter Krah – es ist ein Hilferuf: „Wir kämpfen ums Überleben.“ Bei den übrigen Vereinen scheint der Rückgang weniger extrem auszufallen, mit um die 30 Prozent klaffen aber bei den meisten erhebliche Lücken in der Finanzierung. Das habe auch mit der Flutkatastrophe zu tun, meint Schwarz: Die Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft auch für notleidende Tiere sei 2021 sehr hoch gewesen und im Jahr darauf allmählich wieder gesunken.

Attraktivere Mitgliedskonditionen helfen

Darum ist der Verein, der vor neun Jahren noch 160 Mitglieder zählte, dazu übergegangen, die Mitgliedschaften attraktiver zu gestalten. Der Beitrag in Höhe von fünf Euro wird monatlich abgebucht und es kann auch monatlich gekündigt werden. „Nur wenn wir viele Mitglieder haben, haben wir auch politisch eine Stimme“, argumentiert Krah, der sich über die aktuell 500 Mitglieder freut. Hinzu kommen 120 Tierpatenschaften. „Die Leute suchen sich ein Tier aus und zahlen für dieses bis zu seiner Vermittlung monatlich zehn Euro“, erklärt der Tierschützer das System, das zur Finanzierung der vier fest angestellten Mitarbeiter, sechs Azubis, des Hausmeisters und der Notfallfahrerin beiträgt. Unterstützung kommt auch von vier Bundesfreiwilligendienstlern und zahlreichen Ehrenamtlern. „Das funktioniert so gut, dass die Hunde von uns gar nicht mehr ausgeführt werden müssen“, freut sich Krah.

Beim Tierschutzverein Siebengebirge, der überwiegend mit privaten Pflegestellen und etwa 80 Ehrenamtlern arbeitet, stellt sich dieses Problem nicht. Doch auch der auf dem Orscheider Tierschutzhof angesiedelte Verein kämpft mit den oben genannten Problemen. Darum hat er sich für die Vorweihnachtszeit etwas Besonderes einfallen lassen. „Wir haben eine Tannenbaumaktion bei zwei Fressnapf-Geschäften in Bad Honnef und Niederkassel-Ranzel gemacht“, erzählt Antje Firmenich. Dabei konnten Weihnachtsgeschenke in Form von Futter und Einstreu zugunsten der Tiere gekauft werden. „Die Kunden sind sehr spendabel gewesen“, freut sich das für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Vorstandsmitglied.

Von einem hohen Spendenaufkommen in der Vorweihnachtszeit berichtet auch Kerstin Weiser, die Vorsitzende des Tierschutzvereins Rhein-Sieg. Trotzdem arbeiten alle Tierheime am Limit, was der Deutsche Tierschutzbund bestätigt. Claus-Peter Krah gibt sich optimistisch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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