Ausstrahlung am 28. Juni Arte zeigt Dokumentation über die Flut an der Ahr

Bad Neuenahr-Ahrweiler · Eine rund 90-minütige Dokumentation des Kultursenders Arte schildert eindrücklich, was sich Mitte Juli 2021 im Ahrtal ereignet hat. Und sie ordnet die Flut an der Ahr in den globalen Klimakontext ein. Am 28. Juni wird die Produktion ausgestrahlt.

 Die zerstörte, historische Bogenbrücke über die Ahr in Rech (Luftaufnahme mit einer Drohne).

Die zerstörte, historische Bogenbrücke über die Ahr in Rech (Luftaufnahme mit einer Drohne).

Foto: dpa/Boris Roessler

Um das Unvorstellbare zu beschreiben, hat das Arte-Produktionsteam um Regisseur Matthias Fuchs die 90-minütige Dokumentation „Die Nacht, als die Flut kam – Protokoll einer Klimakatastrophe“ im Ahrtal gedreht. 134 Menschen verloren infolge der Flut dort ihr Leben, die Zerstörungen sind selbst ein Jahr später noch allzu präsent. Im Mittelpunkt des Films stehen die Schicksale Betroffener. Internationale Experten ordnen die verheerende Hochwasserkatastrophe aus dem vergangenen Juli historisch und im Kontext des immer rascher fortschreitenden globalen Klimawandels ein. Bei der von GA-Regionalressortleiter Jörg Manhold moderierten Pressevorführung im Lenné Schlösschen in Bad Neuenahr-Ahrweiler diskutieren Protagonisten und Wissenschaftler im Anschluss mit geladenen Gästen darüber, ob das ambitionierte Filmvorhaben gelungen ist.

 Alle Blicke sind auf die Leinwand gerichtet: Unter den Zuschauern bei der Doku-Vorführung im Lenné Schlösschen sitzen von der Flutkatastrophe im Ahrtal Betroffene, Protagonisten und Experten.

Alle Blicke sind auf die Leinwand gerichtet: Unter den Zuschauern bei der Doku-Vorführung im Lenné Schlösschen sitzen von der Flutkatastrophe im Ahrtal Betroffene, Protagonisten und Experten.

Foto: Martin Gausmann

Einzelschicksale aus dem Ahrtal stehen im Fokus

Schon die ersten Sequenzen ziehen die etwa 70 Zuschauer bei der Vorführung im Veranstaltungssaal des Lenné Schlösschens in ihren Bann. Über die Leinwand rauschen braune Wassermassen, Originalaufnahmen vom 14. Juli 2021. Die rohe Gewalt der Naturkatastrophe bricht sich selbst in Bildern Bahn. Dazwischen sprechen Flutopfer, die das Grauen von damals hautnah miterlebten. Darunter sind etwa die Dernauerin Rebecca Arnoldy-Heimansfeld, Oliver Grieß aus Insul und Feuerwehrmann Friedhelm Jakobs aus Bad Neuenahr-Ahrweiler. In Kurzinterviews kommen etwa ein Dutzend Zeitzeugen in der Produktion zu Wort, weitere in eingearbeiteten Privatvideos. Mitunter sind es schockierend eindringliche Sätze der Flutopfer, die sich beim Zuschauer einbrennen. „Ich habe den Klimawandel in meinem Wohnzimmer erlebt“, sagt etwa Arnoldy-Heimansfeld, deren Zuhause infolge der Flut komplett zerstört wurde.

„Es kam der Moment, in dem ich dachte: Entweder du reißt es jetzt, oder du gehst drauf“, sagt der Bundeswehrsoldat Theo Frisch, der sich mit seinem Kanu in Altenahr während der Flut anschickte, sieben Menschen das Leben zu retten. Während einer Hilfsmission war er mit einem Passagier gekentert, beide hätten um ein Haar ihr Leben in der starken Strömung verloren. Es sind mitreißende Einzelschicksale wie diese, die beim Zuschauer Bedrückung auslösen. Jedem im Raum wird mit diesen dramatischen Bildern abermals vor Augen geführt: Die Flut ist wie eine zerstörerische Urgewalt durchs Ahrtal gewalzt. Die Welt hat sich für viele Betroffene auf einen Schlag verändert. Klar wird auch: Noch immer herrscht vielerorts Fassungslosigkeit. Die Aufnahmen decken die Ohnmacht der Protagonisten schonungslos auf.

Wissenschaftler ordnen die Flutkatastrophe ein

Diese Beklemmung zu lösen, ist im Film Sache von namhaften internationalen Experten. Sie sollen das Unerklärliche erläutern und eine wissenschaftliche Antwort darauf liefern, wie es im Ahrtal soweit hatte kommen können. Mit dabei sind Hannah Cloke, Hydrologie-Professorin aus dem englischen Reading, Klima-Experte Robert Vautard von der Pariser Sorbonne oder Geograf Thomas Roggenkamp von der Uni Bonn. Mit messerscharfer Präzision nährt etwa Cloke den folgenschweren Vorwurf, dass rechtzeitige Warnungen ins Leere liefen, bevor das Unheil an die Ahr kam. Vautard erklärt mit verständlichen Worten, weshalb der Klimawandel für immer häufiger auftretende Naturkatastrophen mitverantwortlich ist und mit welchen Szenarien künftig zu rechnen sein wird, sollte das klimapolitisch avisierte 1,5-Grad-Ziel verfehlt werden.

Welche Ursachen und Auswirkungen das Hochwasser aus geografischer Sicht hatte und weshalb es bereits vergleichbare Flutkatastrophen im Ahrtal gab, beschreibt Experte Roggenkamp. Sein Fazit: „So groß die Katastrophe auch war: Eine mit vergleichbarer Wassermenge hat es bereits 1804 gegeben.“ Aber: Eine deutlich geringere Besiedelung, kaum versiegelte Flächen und weniger Treibgut könnten demnach dafür gesorgt haben, dass damals der Wasserstand niedriger gewesen ist. Roggenkamp: „Auf die Gegenwart trifft das nicht zu. Deshalb sind die Zerstörungen massiver als damals.“

Ein Film, der Aufklärungsarbeit leisten soll

Dass die Impressionen der Dokumentation nachhallen, hat die Diskussion im Anschluss an die Filmvorführung gezeigt. Im Austausch mit den Machern fühlen sich einige Zuschauer darin bestätigt, dass die Berücksichtigung wissenschaftlicher Warnungen das verheerende Ausmaß der Katastrophe hätte eindämmen können. Unter das Unverständnis mischt sich in den Redebeiträgen aber auch Zuversicht im Publikum. „Der Film zeigt, wozu Menschen in Ausnahmesituationen in der Lage sind“, sagt eine Zuschauerin. „Er kann womöglich einen Beitrag dazu leisten, dass bei möglichen Folgeereignissen weltweit besser reagiert werden kann.“

Das hofft auch der Regisseur, der mit seinem Film bewusst und wissenschaftlich fundiert auf die globalen Klima-Probleme aufmerksam machen will. Thematisiert werden etwa Starkregenereignisse in Asien, extreme Kälteeinbrüche in den USA sowie wiederkehrende Waldbrände in Australien. Das Fazit: Die Klima-Kapriolen werden zunehmen. „Nach vielen Gesprächen mit Wissenschaftlern und Betroffenen liegt die Vermutung nahe, dass lokale Faktoren und Klimawandel bei der Flut im Ahrtal zusammengespielt haben. Klar wird aber auch: Dass dieses Phänomen immer häufiger auftreten kann, liegt sehr wahrscheinlich an der globalen Erderwärmung“, sagt Fuchs.

Seine Doku soll mit ausdrucksstarken Aufnahmen Aufklärungsarbeit leisten, wenngleich auch am Regisseur einige Bilder nicht spurlos vorbeigehen. „Ich denke dabei insbesondere an die 19-jährige Feuerwehrfrau Katharina Kraatz, die in den Fluten ihr Leben verlor, und daran, dass ihre Mutter für unseren Film die Kraft dafür gefunden hat, darüber zu sprechen“, sagt Fuchs. „Das ging unter die Haut. Vieles ist meiner Crew und mir bei Recherchen und Dreharbeiten nahegegangen.“ Umso mehr hofft Fuchs, dass sein Film eine Hilfe dabei sein kann, die Katastrophe aufzuarbeiten. „Es ist ein Stück Traumabewältigung, das die Schicksale im Ahrtal mit Schicksalen weltweit verknüpft. Der Film zeigt, dass wir vor solchen Katastrophen nirgendwo die Augen verschließen können. Vielmehr müssen wir überall auf der Welt lernen, damit umzugehen.“