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Bad Neuenahr-Ahrweiler: Bewohner im Winter ohne Erdgasversorgung

Folgen der Flutkatastrophe : Tausende Bewohner im Ahrtal im Winter ohne Gasversorgung

Teile von Bad Neuenahr-Ahrweiler werden im Winter nicht mit Erdgas versorgt. Die Energieversorgung Mittelrhein empfiehlt den Bewohnern dort, sich jetzt zeitnah um eine Übergangsversorgung in Form von Flüssiggas zu kümmern.

Wie kommt die Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler angesichts der durch die Flutwelle ausgelösten dramatischen Schäden an den Versorgungsnetzen über den Winter? Antworten gab nun die Energieversorgung Mittelrhein (EVM) bei einer Pressekonferenz. Danach werden weite Teile der 30.000-Einwohner-Stadt – vor allem im nördlichen Teil – die Wintermonate ohne eine Gasversorgung sein. Mit Flüssiggas hofft man, zumindest provisorisch für Wärme in den Häusern sorgen zu können. „Die Menschen müssen in Zeiten einer maximalen Unsicherheit wissen, worauf sie sich in den nächsten Wochen und Monaten einstellen müssen“, sagte Bad Neuenahrs Bürgermeister Guido Orthen.

Flüssiggas soll zumindest provisorisch für Wärme in den Häusern sorgen

Die Dimensionen der Flutschäden am Erdgasnetz im Ahrtal sind gewaltig: 133 Kilometer Erdgasleitungen, 8500 Gaszähler, 3400 Hausdruckregler, 7220 Netzanschlüsse und 31 Gasdruckregel- und Mess­anlagen sind durch das extreme Hochwasser beschädigt oder sogar komplett zerstört worden, erklärte der Vorstandsvorsitzende der EVM, Josef Rönz.

Entsprechend aufwendig sei die Wiederherstellung der Gasversorgung im Kreis Ahrweiler. „Es handelt sich hier um das größte Schadens­ereignis in der Geschichte unseres Unternehmens. Wir sind seit der Katastrophennacht mit allen verfügbaren Kräften im Einsatz, um die Gasversorgung im Ahrtal so schnell wie möglich wiederherzustellen. Wir dürfen angesichts der bevorstehenden kalten Jahreszeit keinen einzigen Tag verlieren“, so Rönz. Insgesamt nehme die evm-Gruppe hierzu mindestens 20 bis 30 Millionen Euro in die Hand.

Im Rekordtempo werde an den Reparaturen sowie am Neubau zerstörter Leitungen gearbeitet. So entstehe derzeit innerhalb weniger Wochen eine komplett neue Hochdruckleitung, für die sonst zwei Jahre Planungs- und Bauzeit nötig wären. „Oberste Priorität hat für uns die Wiederversorgung der Kunden mit Erdgas“, erklärte Rönz.

Der Netzgesellschaft der Energieversorgung Mittelrhein, der Energienetze Mittelrhein (enm), sei es schon nach drei Tagen gelungen, verschiedene Orte in der Gemeinde Grafschaft über eine Transportleitung von Unkelbach aus wieder mit Erdgas zu erreichen. Aber: In den Wintermonaten könne es dort zu Engpässen kommen, da nur eine begrenzte Menge an Erdgas dort durchgeleitet werden kann.

Von Kripp über Sinzig und Bad Bodendorf erreicht die Hochdruckleitung das Gebiet von Bad Neuen­ahr-Ahrweiler und folgt dem Verlauf der Ahr. „Da auch sämtliche Ahrüberquerungen durch die Flut zerstört wurden, ist der Wiederaufbau der zerstörten Gas-Infrastruktur eine besondere Herausforderung“, erläuterte der Geschäftsführer der Energienetze Mittelrhein, Andreas Hoffknecht. Um etwa die Orte südlich der Ahr wieder mit Gas versorgen zu können, müssten zunächst Ahrquerungen neu geschaffen werden. Das geschieht derzeit an zwei Stellen: in Höhe Lohrsdorf und bei Heppingen.

Wenn an diesen Stellen wieder unterirdische Leitungen geschaffen würden und mit dem bestehenden Netz auf der anderen Seite der Ahr verbunden werden könnten, könne die Wiederaufnahme der Gasversorgung in den Bereich südlich der Ahr vorbereitet werden. „Wir rechnen damit, dass wir die Haushalte dort im Lauf des Monats Oktober wieder anschließen können“, fügte Hoffknecht hinzu.

Das bedeutet: Die südlich der Ahr gelegenen Stadtteile wie das Kurviertel, Beul, Bachem, auch Heppingen, Heimersheim, Green, Ehlingen, außerdem im Norden Gimmigen, Bengen auf der Grafschaft sowie Kirchdaun werden – so die Planung – bis voraussichtlich Ende Oktober mit Gas versorgt werden können.

Deutlich schwieriger gestaltet sich dagegen die Wiederaufnahme der Erdgasversorgung in den Stadtgebieten nördlich der Ahr. Die Hochdruckleitung zwischen Heppingen und Walporzheim, wo das Gasnetz endet, ist in einem solch starkem Maß beschädigt, dass das Netz dort nicht mehr nutzbar ist, teilte die ENM mit. „Wir haben uns daher dazu entschlossen, eine neue Hochdruckleitung zu bauen“, erklärte Hoffknecht.

Die Neuverlegung der Gashochdruckleitung sei von Lohrsdorf bis zum Kreisverkehr Ringener Straße erforderlich. Ein Bauabschnitt führt unterhalb der Weinberge entlang der Bundesstraße 266 bis zum Kreisverkehr an der Ringener Straße. „Von dort haben wir die Möglichkeit, die neue Leitung mit dem bestehenden Netz im Stadtkern zu verknüpfen, um dann sukzessive die nächsten Straßenzüge wieder anzuschließen“, führte Hoffknecht aus. Neben neuen Leitungen müssten aber auch Gasdruckregelanlagen neu errichtet werden. Fünf solcher Anlagen sind komplett zerstört, neun durch das Hochwasser stark beschädigt. Ohne diese Stationen sei der Betrieb des Gasnetzes in Bad Neuen­ahr-Ahrweiler nicht möglich.

Es kann bis März 2022 dauern bis die Orte wieder am Gasnetz angeschlossen sind

Ein weiteres Problem sei der Zustand der einzelnen Netzanschlüsse an den Häusern im Gebiet nördlich der Ahr. „Wir rechnen damit, dass sich in vielen Leitungen noch Wasser oder auch Schmutz befindet. Dann müssten wir diese Leitungen zunächst spülen, reinigen und trocknen, bevor wir wieder Gas darauf geben können“, hieß es von der EVM. Dies sei bei mehreren Tausend Anschlüssen im Flutgebiet eine sehr zeitaufwendige Herausforderung. „Das wird ein Marathonlauf“, so Hoffknecht.

Insgesamt rechnen EVM und ENM damit, dass die Erdgasversorgung im Gebiet zwischen Bad Neuenahr nördlich der Ahr und Walporzheim nicht vor Jahresende wieder aufgenommen werden kann. Bis voraussichtlich März 2022 könne es dauern, ehe der Norden der Kreisstadt, Ahrweiler, Walporzheim und Marienthal wieder am Gasnetz angeschlossen seien. Daher empfiehlt die Energieversorgung Mittelrhein, sich jetzt zeitnah um eine Übergangsversorgung in Form von Flüssiggas zu kümmern.