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Bad Neuenahr: THW baut neue Brücke - Geschäfte zerstört

„Eine unglaubliche Leistung“ : THW hat Brücke in Bad Neuenahr fertiggestellt

Das Technische Hilfswerk baut in wenigen Tagen die größte je von ihm errichtete Brücke über die Ahr. Bei einem Rundgang durch Bad Neuenahr bieten andere Beobachtungen weniger Grund für Optimismus.

Sie dürfen sich ruhig feiern lassen: die Brückenbauer des Technischen Hilfswerkes. Bis auf die Auf- und Abfahrten ist die neue Landgrafenbrücke in Bad Neuenahr fertiggestellt. Nach derzeitigem Stand wird die Verbindung zwischen dem Nordteil der Stadt und dem im Süden gelegenen Kurviertel mit seinen Ortsteilen Wadenheim und Beul ab Donnerstag befahrbar sein. 40 Experten der Fachgruppe Brückenbau haben in nur sieben Tagen diese wichtige, 52 Meter lange Verbindung über die Ahr geschaffen, nachdem die Flutwelle nahezu alle Brücken in der Kreisstadt zerstört hatte.

Die neue Brücke wiegt 150 Tonnen und besteht aus 14.500 Einzelteilen, die von mehr als 6500 dicken Schrauben zusammengehalten werden. Sogar 30-Tonner dürfen die neue Ahrüberquerung befahren, wenn sie denn für den Verkehr freigegeben wird. „Es ist die größte jemals vom THW in Deutschland gebaute Brücke“, sagt THW-Vizepräsidentin Sabine Lackner zum GA. „Eine unglaubliche Leistung“, schwärmt sie.

Das THW ist es auch, das vor Brückeneröffnung für eine funktionierende „Schifffahrt“ auf der Ahr sorgt. Mit dem Vier-Mann-Bötchen, der „Ahrida“, geht es auf die andere Seite in Richtung Bad Neuenahrer Innenstadt. Vordringliches Einkaufsziel: Powerbanks. Wie so oft: Eine private Initiative an der Hauptstraße kann weiterhelfen. Gott sei Dank. Beim Gros der 7,8 Milliarden Menschen umfassenden Erdbevölkerung kommt der Strom in aller Regel aus der Steckdose – bei 1700 Bad Neuenahrer Haushalten nicht.

Bei dieser Gelegenheit werden schnell noch ein paar pinkfarbene Gummistiefel, Größe 39, für die nette Nachbarin mit eingepackt. Wer hätte gedacht, dass diese Schuhwerkvariante in der ansonsten auf Eleganz und Stil bedachten Stadt einmal zum gängigen Outfit gehören würde. Wie auch verschlammte Jeans, ausgebleichte T-Shirts oder zerfledderte Jogginganzüge.

Bad Neuenahr: Alle Läden in Geschäftsstraßen zerstört

Sehr bedrückend wird der Gang durch die Geschäftsstraßen im Zentrum der Kreisstadt: Kein einziges Geschäft ist heil geblieben, kaum ein Schaufenster hat die Flutwelle überlebt: Der Einzelhandel ist untergegangen. Ob Poststraße, Telegrafenstraße, Hauptstraße oder Kreuzstraße: Alle, wirklich alle Geschäfte sind zerstört: Modegeschäfte, Drogerien, Antiquitätenläden, Kioske, Blumenläden, Bankfilialen, Reinigungen, Handy-Shops, Andenkengeschäfte. Kein einziges Restaurant, das in absehbarer Zeit wieder öffnen könnte.

Nachdem die haushohen Trümmer abtransportiert sind, offenbaren sich die ausgehöhlten Ladenlokale, die leergespülten Kneipen mit ihren teils noch im Schlamm stehenden Theken und ihrem zertrümmerten Mobiliar.

Überall wird saniert

So schlimm und trostlos sich auch alles präsentiert: In allen Ladenlokalen wird gearbeitet, wird gesäubert, wird saniert. Bereits am Mittwoch will ein niederländischer Kleidungs-Discounter an der Hauptstraße wieder öffnen. Eine Ausnahme. Wie lange es dauern wird, ehe die anderen vielen Einzelhändler ihre Waren und Dienstleistungen wieder anbieten können, ist offen.

 Das THW  beginnt mit dem Bau der  Brücke am Donnerstag vergangener Woche.
Das THW  beginnt mit dem Bau der  Brücke am Donnerstag vergangener Woche. Foto: Victor Francke

Bad Neuenahr ist derzeit kaum mehr ein Mittelzentrum. Selbst die Sicherung der Grundversorgung erscheint wegen der nur wenigen unbeschadet gebliebenen Vollsortimenter und Discounterfilialen fraglich.

Suche nach einem gepflegten Ambiente – anderswo

Immer häufiger werden nun Umzugswagen gesichtet. Einige Bad Neuenahrer wollen nicht mehr. Sie wollen weg. Zunächst zur Verwandtschaft, später vielleicht an einen anderen Ort, in eine Stadt ohne Zerstörung, Lärm und Dreck. In eine Stadt mit blühenden Parks, schönen Geschäften, Restaurants, Kulturleben und gepflegtem Ambiente. Also in eine Stadt, wie sie Bad Neuenahr bis zum 14. Juli war. Und in den nächsten Jahren nicht wieder sein wird.

Die Behörden im Ahrtal registrieren bereits einen wachsenden Bedarf an psychosozialer Notfallversorgung. In der Region seien mittlerweile über 100 Fachkräfte im Einsatz, gab der Leiter des Krisenstabs, Heinz Wolschendorf, am Sonntag bekannt.

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