Flutkatastrophe an der Ahr Eltern eröffnen Pâtisserie für verstorbene Tochter

Bad Neuenahr/Hamburg · Inka und Ralph Orth haben in Hamburg die Pâtisserie Johanna eröffnet. Benannt ist sie nach ihrer bei der Flut im Ahrtal verstorbenen Tochter. Warum sie das tun und was dieser ungewöhnliche Schritt für die trauernden Eltern bedeutet, berichtet Inka Orth dem GA.

 Inka und Ralph Orth stehen in ihrer Pâtisserie in Hamburg neben der Statue ihrer bei der Flut im Ahrtal verstorbenen Tochter Johanna.

Inka und Ralph Orth stehen in ihrer Pâtisserie in Hamburg neben der Statue ihrer bei der Flut im Ahrtal verstorbenen Tochter Johanna.

Foto: Pâtisserie Johanna/Martina Goyert

Ein eigenes Café – das war der Traum von Johanna Orth. Als gelernte Konditormeisterin brachte die junge Frau aus Bad Neuenahr beste Voraussetzungen dafür mit. Benennen wollte sie ihr Lokal nach ihrer Oma Marlies, sogar ein Logo gab es bereits. Doch Johanna Orth war es nicht mehr vergönnt, sich den Traum zu erfüllen. Mit nur 22 Jahren ertrank sie bei der Flut im Juli 2021. Sie ist eines von mindestens 135 Opfern, die bei der Katastrophe im Ahrtal verstarben.

Weit von der Ahr entfernt leben nun Johannas Eltern, Inka und Ralph Orth, den Traum ihrer Tochter. In der historischen Hamburger Speicherstadt, auch als Hafencity bekannt, haben sie am Freitag die auf süßes Gebäck spezialisierte Pâtisserie Johanna eröffnet. Die Pâtisserie ist nicht nur nach Johanna benannt, sie ist dort auch allgegenwärtig, auf vielen Bildern, gehalten in Schwarz-Weiß, und sogar in Form einer Statue.

Junge Menschen für das Konditor-Handwerk gewinnen

Im Hauptberuf war Inka Orth bisher Creative Director der gehobenen Seniorenresidenz Villa Sibilla, in der ihr Ehemann Ralph Orth Geschäftsführender Gesellschafter ist und die auch über ein eigenes Restaurant verfügt. In Hamburg fungiert Inka Orth nun offiziell als Inhaberin der ihrer Tochter gewidmeten Pâtisserie. Als Betriebsleiter hat sie den jungen Konditormeister Marcel Reinhardt aus Stuttgart eingestellt. Für die neue Herausforderung hat Inka Orth sich in vielen Seminaren Fachwissen angeeignet, wie sie berichtet. Ihr Ehemann kümmerte sich ihr zufolge um den Businessplan.

In der nach ihr benannten Pâtisserie ist die verstorbene Johanna Orth auf einer Reihe großformatiger Schwarz-Weiß-Bilder zu sehen.

In der nach ihr benannten Pâtisserie ist die verstorbene Johanna Orth auf einer Reihe großformatiger Schwarz-Weiß-Bilder zu sehen.

Foto: Pâtisserie Johanna/Martina Goyert

Auf der Speisekarte der Pâtisserie stehen neben Pralinen, Tartes und Plundergebäcken auch Kaffee und alkoholische Getränke wie Wein. Darüber hinaus gibt es, wie Orth gegenüber dem General-Anzeiger berichtet, große Seminarbereiche, wo künftig Pralinen-Kurse angeboten werden, aber auch Dozenten junge Konditoren schulen sollen. „Wir haben alle Visionen zusammengeführt, die Johanna hatte, eine eigene Pâtisserie mit Café, aber auch, das Handwerk weiterzugeben“, erläutert Orth. Junge Menschen will sie dafür gewinnen, eine Ausbildung im Konditor-Handwerk zu absolvieren.

Warum sie dafür nach Hamburg gegangen ist? „Hamburg ist seit über 30 Jahren unsere Lieblingsstadt“, erzählt Orth, deren Familie dort auch über eine Wohnung verfügt. Zudem gebe es viel Tourismus – und in jenem Häuserblock, in dem sich nun die Pâtisserie Johanna befindet, habe sich einst ein Kakaospeicher befunden. So schließe sich der Kreis.

In der Auslage der Pâtisserie Johanna locken Pralinen in verschiedensten Farben die Kundschaft.

In der Auslage der Pâtisserie Johanna locken Pralinen in verschiedensten Farben die Kundschaft.

Foto: Pâtisserie Johanna/Martina Goyert

Hamburg ist die Lieblingsstadt der Familie

Im Ahrtal sah Orth nach der Flut noch nicht wieder genug touristische Infrastruktur, um mit einer Pâtisserie erfolgreich zu sein. „Das große Problem ist, dass wir zurzeit viel zu wenig Hotelbetten haben“, moniert sie. Wenn der Tourismus sich nur oben auf dem Rotweinwanderweg abspiele, es unten aber keine Möglichkeit zum Übernachten gebe, sei es klar, das man den Aufenthalt dort nicht so genieße, wie man es sonst tun würde.

Was die Aufarbeitung der Flutkatastrophe angeht, so will Orth „nicht lockerlassen“, dass es zu einer Anklage kommt, „in erster Linie“ gegen den ehemaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU). Dieser sei seiner Verpflichtung nicht nachgekommen und müsse zur „Rechenschaft gezogen“ werden. „Wir werden uns dafür einsetzen, egal wo wir sind“, macht Inka Orth ihre Haltung und die ihres Mannes deutlich. „Wir setzen uns für Gerechtigkeit ein.“ Diese sei ihrer Tochter besonders wichtig gewesen. Ungerechtigkeit habe sie gehasst.

So wollen Orths nun zwischen dem Ahrtal und Hamburg pendeln, wobei insbesondere Inka Orth als Inhaberin der Pâtisserie es sein werde, die nun vermehrt nach Hamburg fährt. Ihr Mann, der in Bad Neuenahr auch eine Immobilienfirma betreibt, werde eher „unten“ bleiben, sagt sie.

Ganz von ihrer Familie getrennt ist Inka Orth dann aber mitnichten. Die Bilder von Johanna, die es in der Pâtisserie gibt, geben ihr, so sagt sie, das Gefühl, dass ihre Tochter bei ihr ist. „Das gibt mir ein gutes Gefühl, man spürt Johanna im ganzen Store. So soll es sein.“

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