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Fake News nach der Flutkatastrophe: Gerüchte und ihrte Auswirkungen

Fake News in der Unwetter-Katastrophe : Polizei tritt Falschmeldungen über Reduzierung der Einsatzkräfte entgegen

Ist die Steinbachtalsperre gebrochen? Wird Meckenheim evakuiert? Eine neue Flutwelle in Sinzig? Reduzieren Polizei und Rettung Einsatzkräfte? Die Starkregen-Katastrophe zieht auch eine Flut von Fake News nach sich. Das ist gefährlich – für Einwohner und Helfer.

Ein Schuhgeschäft in Meckenheim, vergangenen Donnerstag. Plötzlich ertönt im Verkaufsraum eine Durchsage: Die Steinbachtalsperre bricht! Der Laden muss schließen, Menschen eilen auf die Straße und springen in ihre Autos. In der Rheinbacher Innenstadt läuft ein Mann umher, ruft „rettet euch“, und phantasiert den Bruch der Talsperre herbei. Auch in Ahrweiler nahe des Ahrtors macht das Gerücht die Runde – und die Menschen fliehen in Panik in die Weinberge.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="de" dir="ltr">Keine Entwarnung! Es droht weiterhin akute Überflutungsgefahr unterhalb der <a href="https://twitter.com/hashtag/Steinbachtalsperre?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Steinbachtalsperre</a> durch Versagen des Absperrdammes. Große Teile des Dammes sind durch Überströmung weggebrochen. Parallel lastet durch den hohen Wasserstand ein enorm hoher Druck auf dem Damm. (1/4)</p>&mdash; BezirksregierungKöln (@BezRegKoeln) <a href="https://twitter.com/BezRegKoeln/status/1416353968003878912?ref_src=twsrc%5Etfw">July 17, 2021</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Diese Augenzeugenberichte zeigen: Vor allem um die Steinbachtalsperre im Kreis Euskirchen hat es in den vergangenen Tagen unzählige Gerüchte und Falschinformationen gegeben. Hält sie? Bricht sie? Ist sie schon gebrochen? Der Zustand des Bauwerks nach der Starkregen-Katastrophe hat auch viele Menschen im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis und darüber hinaus in Atem gehalten.

Gerüchte, Halbwahrheiten, beabsichtigte und unbeabsichtigte Fake News: In einer Katastrophe wie dieser sind die Grenzen fließend. Und es ist für die Menschen schwer, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden. Muss es schnell gehen, sind Leben, Gesundheit und Hab und Gut in Gefahr, bleibt oft keine Zeit, Informationen zu verifizieren. Zumal, wenn es keinen Strom, Handyempfang, Festnetz oder Internet gibt. Und wer kann dann noch den Unterschied hören, ob die Talsperre nun „zu brechen droht“, „kurz vorm Brechen steht“ oder „gebrochen ist“? Zur Verunsicherung beigetragen haben nicht zuletzt auch Mitteilungen wie die der Bezirksregierung Köln, die Sonntagmittag auf Twitter verbreitete: „Keine Entwarnung! Es droht weiterhin akute Überflutungsgefahr unterhalb der #Steinbachtalsperre durch Versagen des Absperrdammes. Große Teile des Dammes sind durch Überströmung weggebrochen.“

 Die Steinbachtalsperre im Nebel: Hält sie? Bricht sie? Ist sie schon gebrochen? Um den Zustand des Bauwerks rankten sich viele Gerüchte und Fake News.
Die Steinbachtalsperre im Nebel: Hält sie? Bricht sie? Ist sie schon gebrochen? Um den Zustand des Bauwerks rankten sich viele Gerüchte und Fake News. Foto: dpa/Jonas Güttler

Die größte Gefahr aber geht von Gerüchten aus, ob per Whatsapp, in sozialen Netzwerken oder auf er Straße. Meckenheim muss evakuiert werden? Diese Nachricht schockierte am Samstag viele – aber sie war falsch. Eine neue Flutwelle in Sinzig, wie irgendwelche Leute mit Megaphonen auf der Straße behaupteten? Unwahr. Ein Bruch der Rurtalsperre, wie Menschen im Internet schrieben? Nicht korrekt – es handelte sich um den Bruch des Rur-Damms im Kreis Heinsberg. Das Video von der brechenden Steinbachtalsperre? In Wahrheit Bilder vom Tagebau Inden bei Aachen. Vor allem der Kreis Ahrweiler und die Polizei Koblenz waren in den vergangenen Tagen schnell zur Stelle, um Fake News im Internet richtigzustellen.

Über die Verbreitung von Falschinfos hat Dirk Engstenberg, Kreisbrandmeister und Einsatzleiter im Rhein-Sieg-Kreis, eine klare Meinung: „Eine große Sauerei“, sagt er. „Es ist verheerend und hat katastrophale Folgen.“ Denn Fake News verschreckten nicht nur die Menschen, sondern behinderten die Arbeit der Einsatzkräfte. Die müssten dann die neuen, vermeintlichen Gefahrenmeldungen bewerten und oft ihren laufenden Einsatz umplanen oder abbrechen. „Das ist kriminell“, sagt Engstenberg. Solche Meldungen würden deshalb an die Polizei weitergegeben.

Bei der Bonner Polizei ist das Phänomen bekannt. Man habe einige Fälle von Menschen gehabt, die an den Orten der Zerstörung andere verunsichert hätten. Behördensprecher Robert Scholten berichtet unter anderem von einer älteren, verängstigten Dame. Diese hätte angerufen, weil ihr ein Unbekannter auf der Straße erzählt habe, sie müsse wegen des drohenden Dammbruchs ihr Haus verlassen. Was natürlich gelogen war.

Am Dienstag trat die Polizei Koblenz Falschmeldungen entgegen, die Zahl der Einsatzkräfte im Katastrophengebiet sei reduziert worden. „Es liegen uns Informationen vor, wonach Fahrzeuge mit Lautsprecher unterwegs sind, die Ähnlichkeiten mit polizeilichen Einsatzfahrzeugen haben“, heißt es in einer Mitteilung. Über die Lautsprecher werde wahrheitswidrig verbreitet, dass die Anzahl der Einsatzkräfte reduziert werde. „Das ist eine Falschmeldung“, betont die Polizei. Die Einsatzkräfte befinden sich weiterhin und ohne Unterbrechung im Katastrophengebiet.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="de" dir="ltr"><a href="https://twitter.com/hashtag/FakeNews?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#FakeNews</a> Fahrzeuge mit Lautsprechern, die polizeilichen Einsatzfahrzeugen ähneln, sind im <a href="https://twitter.com/hashtag/Katastrophengebiet?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Katastrophengebiet</a> unterwegs. Über die Lautsprecher wird die Falschmeldung verbreitet, dass Polizei- und Rettungskräfte die Anzahl der Einsatzkräfte reduziert. Wir sind ununterbrochen da!</p>&mdash; Polizei Koblenz (@Polizei_KO) <a href="https://twitter.com/Polizei_KO/status/1417413221808578560?ref_src=twsrc%5Etfw">July 20, 2021</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Bürger sollen auf ihre Urteilskraft setzen

Nicht immer stecke hinter jeder Falschmeldung aber eine böse Absicht, räumt Einsatzleiter Engstenberg ein. „Das funktioniert wie ein Schneeball: Der erste macht es mit Absicht, die anderen teilen dann die Information.“ Engstenberg rät Bürgern im betroffenen Gebiet, sich Informationen bei den Kommunen und Kreisen direkt zu holen – und ansonsten auf ihre eigene Urteilskraft und Gefahrenwahrnehmung zu hören. „Grundsätzlich erstmal nichts tun ist auch nicht gut.“

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Die Welle an Fake News hat auch die GA-Redaktion beschäftigt. Mehrfach haben die Redakteurinnen und Redakteure in den vergangenen Tagen Informationen überprüft, als falsch erkannt und dann Online und in der Print-Ausgabe richtiggestellt. „Die Menschen suchten in der unklaren Lage verlässliche Informationen“, sagt Sebastian Fink, Leiter des Digitaldesks beim General-Anzeiger. Eine Erfahrung dieser Tage sei allerdings, dass auch seriöse Quellen manchmal danebengelegen hätten und es oft nicht klar gewesen sei, welche Behörde eigentlich zuständig ist und wer die richtigen Informationen hat.

Um den vielen Falschinfos zur Steinbachtalsperre zu begegnen, griff die Feuerwehr derweil zu deutlichen Mitteln. In Flerzheim im westlichen Rhein-Sieg-Kreis sagten Wehrleute per Lautsprecher durch, dass der Ort nicht evakuiert werde und der Damm halte. Und die Feuerwehr Euskirchen veröffentlichte in der Nacht zu Montag einen Fotobeweis in den sozialen Netzwerken. Bei Facebook war ein Bild zu sehen, das die intakte Talsperre um 1.30 Uhr zeigen soll. Begleittext: „Aufgrund der Falschmeldung, der Damm der #Steinbachtalsperre wäre gebrochen, hat ein Hubschrauber der #Bundespolizei den Damm überflogen und keine Risse festgestellt!“ Am Montagmorgen folgte dann die offizielle Entwarnung.

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