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Flutkatastrophe im Ahrtal: 180.000 Tonnen Sperrmüll

Flutkatastrophe im Ahrtal : Kreis weiß nicht, wohin mit dem ganzen Müll

Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises Ahrweiler hat bereits in vier Wochen seit der Flut 180.000 Tonnen Sperrmüll eingesammelt – sonst sind es jährlich 7500 Tonnen. Allein für ihre Entsorgung rechnet der Betrieb mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag.

Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises Ahrweiler steht vor der größten Herausforderung seit seiner Gründung: Das kreiseigene Müllabfuhrunternehmen hat seit der Flutkatastrophe 180.000 Tonnen Sperrabfall aus dem Flutgebiet entfernt. Kreisbeigeordneter Horst Gies sprach am Donnerstagabend im Kreis- und Umweltausschuss von einer „unvorstellbar großen Menge“. Im Jahr fallen im Landkreis ansonsten durchschnittlich 7500 Tonnen Sperrmüll an. Nun wurde binnen von vier Wochen das 25fache der sonstigen Jahresmenge erreicht.

Insgesamt rechnet die Kreisverwaltung für die Müllentsorgung der Sperrabfälle, zu der auch Berge von Elektrogeräten, Treibgut, Lebensmittelabfälle und Problemabfälle gehören, mit Kosten von mehr als 70 Millionen Euro.

Zu Beginn der Sitzung stand ein Totengedenken. Vorgeschaltet waren zudem eine Sitzung des Werksausschusses des Abfallwirtschaftsbetriebes sowie eine Sitzung des Ausschusses des Eigenbetriebes Schul- und Gebäudemanagement. In allen drei Gremien standen die Folgen der verheerenden Flutkatastrophe im Mittelpunkt.

Gies, der im Kreishaus den erkrankten Landrat Jürgen Pföhler vertritt, teilte zum Thema Müll mit, man gehe davon aus, dass etwa drei Viertel der Abfälle bereits abtransportiert seien. Gies: „Aber es kommt immer neuer Sperrmüll dazu, der zunehmend mit Bauschutt, Schlamm und Erde vermischt ist.“

Kreis sucht nach weiteren Deponiemöglichkeiten für den Sperrmüll

Hauptproblem sei, wie die riesige Müllmenge vom Zwischenlager in Niederzissen weiterverteilt werde. 100.000 Tonnen habe man in eine Deponie nach Ochtendung fahren können. Deren Kapazitäten seien nun aber erschöpft. In Niederzissen lagerten derzeit noch mehr als 45.000 Tonnen Sperrmüll. „Damit ist die Anlage übervoll, zudem ist die Brandlast sehr hoch“, erklärte Gies.

Derzeit suche man weitere Deponiemöglichkeiten. So habe man unter anderem im Andernacher Hafen Schiffe mit Sperrmüll aus dem Ahrtal beladen. Ziel: Papenburg. Für die gigantischen Mengen an Bauschutt werde aktuell ein gesondertes Entsorgungs- und Recyclingkonzept entwickelt.

Fachfirmen wurden indes beauftragt, die angefallenen kontaminierten Schlämme zu entsorgen. „Die Schlammmengen überschreiten die vorhandenen Entsorgungskapazitäten bei weitem. Es ist geplant, die Schlämme zunächst zu trocknen und anschließend auf der Grundlage von Beprobungen weitere Entsorgungs- und Verwertungswege zu erschließen“, sagte der Vertreter des Landrates. Alleine für die Entsorgung des bisher angelieferten Schlammes sind mehr als zwei Millionen Euro angefallen. Unzählige Lkw-Fuhren werden noch erwartet.

„200 Helfer mit 60 Großfahrzeugen anderer Abfallentsorgungsbetriebe aus ganz Deutschland sind derzeit im Ahrtal im Einsatz“, führte der Kreisbeigeordnete aus. Die vorläufig auf 70 Millionen Euro geschätzten Abfallbeseitigungskosten will der Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises vorfinanzieren. Der Kreishaushalt soll für die nötige Liquidität sorgen.

Bedenken der Standsicherheit bei 800 Häusern

Thema war zudem der Zustand der in Mitleidenschaft gezogenen Häuser. 870 Gebäude seien inzwischen begutachtet worden, 25 wurden bereits abgerissen, bei mehr als 300 waren erhebliche Sicherungsmaßnahmen erforderlich, da sie kurz vor dem Einsturz standen.

Insgesamt geht man im Kreishaus aktuell davon aus, dass bei mehr als 800 Häusern Bedenken hinsichtlich deren Standsicherheit vorliegen. Statiker seien im Dauereinsatz, so Horst Gies. Sieben Schulen in Kreisträgerschaft sind stark beschädigt und können vorerst ihren Betrieb nicht aufnehmen. Betroffen sind hiervon mehr als 6000 Schüler. Besonders in Bad Neuenahr-Ahrweiler ist der Zerstörungsgrad an den Schulgebäuden hoch.

Die Kreisverwaltung beziffert die Schäden an den kreiseigenen Schulen auf 100 Millionen Euro. Die betroffenen Schüler sollen nun vorerst in Containerklassen untergebracht werden. So will die Gemeinde Grafschaft in Ringen eine ganze Container-Schule bauen lassen, um Schüler aus dem Talbereich aufzunehmen. Problem: Container sind seit Monaten kaum zu bekommen, sie werden bundesweit als Impfzentren eingesetzt. Laut Gies sind in den vergangenen Wochen 14.000 Anträge auf Gewährung von Soforthilfe bei der Kreisverwaltung eingegangen. Gewaltig ist das Spendenaufkommen: Der Kreis verzeichnet laut Gies Zahlungseingänge von 25 Millionen Euro.

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