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Flutkatastrophe im Ahrtal - Dreyer: Mehrheit der Bewohner könnte zurückkehren

Folgen der Flutkatastrophe : Dreyer: Mehrheit der Ahrtal-Bewohner könnte an alten Wohnort zurück

Können die Bewohner nach der Flutkatastrophe im Ahrtal dorthin wieder zurück? Geht es nach Ministerpräsidentin Dreyer, kann eine Mehrheit ihre zerstörten Häuser am ursprünglichen Standort wieder aufbauen. Doch nicht überall wird das möglich sein.

Nach Überzeugung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) kann die Mehrheit der Hochwasser-Opfer im Ahrtal ihre zerstörten Häuser am ursprünglichen Standort wieder neu aufbauen. „Klar ist aber auch, dass es Gebiete gibt, wo die Gefahren so groß sind, dass auch in Zukunft kein Wiederaufbau an gleicher Stelle erfolgen sollte“, sagte sie am Dienstag bei einer Regierungserklärung im Mainzer Landtag. Wie es mit den bei dem Starkregen im Juli zerstörten Kommunen weitergehen könnte, solle eine „Zukunftskonferenz“ beraten, die mit Beteiligung der betroffenen Bürger am 7. September erstmals tagen werde. Der Landtag beschloss zudem einstimmig die Einrichtung einer Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Katastrophe.

Dreyer erinnerte an die mindestens 134 Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer, die ihr Leben in der Flutnacht verloren. Insgesamt rund 65.000 Menschen seien direkt von der Naturkatastrophe betroffen, die in der Eifel einer „tiefe Spur der Zerstörung“ hinterlassen habe.

Nachdem die erste Phase der Katastrophenhilfe abgeschlossen sei, stünden inzwischen neue Herausforderungen im Vordergrund, erklärte die Ministerpräsidentin. So hätten viele Verantwortliche während der Sommerferien rund um die Uhr gearbeitet, um Kindern und Jugendlichen auch Katastrophengebiet einen Schulstart zu ermöglichen. Mit den Besitzern von Miet- und Ferienwohnungen liefen Gespräche, den Flutopfern vorübergehend Unterkünfte bereitzustellen. Den Angehörigen der Opfer sagte Dreyer auch Unterstützung bei der Einrichtung einer Gedenkstätte zu.

Dreyer musste ihre Erklärung zwischenzeitlich unterbrechen, als sich die Brandschutzanlage der Mainzer Rheingoldhalle nach einem Fehlalarm auslöste und eine Räumung des Saals notwendig machte. Nach kurzer Unterbrechung gab die Feuerwehr das Gebäude wieder frei, in dem sich der Landtag seit einigen Monaten wegen der Coronavirus-Pandemie versammelt.

CDU-Fraktionschef Christian Baldauf warf der Landesregierung schwere Versäumnisse beim Katastrophenschutz vor. Warnmeldungen seien buchstäblich ins Leere gelaufen, das Ausmaß der drohenden Gefahr von den zuständigen Landesstellen verkannt worden, erklärte er: „Niemand darf mehr im Schlaf sterben, nur, weil ihn eine Warnung nicht rechtzeitig erreicht.“ Für die Aufarbeitung der Vorgänge sei neben der von Regierung und Opposition geplanten Enquete-Kommission auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss nötig.

Einen Großteil seiner Redezeit hatte Baldauf seinem Parteifreund Horst Gies abgetreten, der die zerstörte Region im Landesparlament vertritt. „Was gäben wir darum, wenn wir heute die Zeit um sieben Wochen zurückdrehen könnten“, erklärte der Abgeordnete, der als Erster Beigeordneter nach dem Rückzug des Ahrweiler Landrats Jürgen Pföhler (CDU) auch die Geschicke des am schwersten betroffenen Kreises steuert. Fast sein ganzer Wahlkreis sei zerstört worden, erklärte Gies: „Ich kannte fast 50 der Verstorbenen.“

Nach der Flutwelle sei im Ahrtal innerhalb einer Nacht die selbe Menge an Sperrmüll angefallen wie sonst in 30 Jahren. Die Menschen vor Ort bräuchten nun dringend Hilfen bei der Wiederherstellung der Heizversorgung. Dennoch sei der Wille groß, das Ahrtal wieder aufzubauen, das für viele der Bewohner einst wie ein Paradies gewesen sei, sagte der Abgeordnete, der zum Schluss seiner Rede mit den Tränen kämpfte und aus den Reihen aller Fraktionen stehenden Beifall erhielt.

Zuvor hatte der AfD-Fraktionsvorsitzende Michael Frisch der Landesregierung vorgeworfen, bei den vielen Opfern der Flutwelle habe es sich um eine „Katastrophe mit Ansage“ gehandelt. In Mainz sei seit Monaten bekannt gewesen, dass die Alarmsysteme in der Region sich in unzureichendem Zustand befanden. Für den Wiederaufbau des Tals plädierte er für die Einrichtung einer „Sonderwirtschaftszone“.

Die SPD-Fraktionsvorsitzende Sabine Bätzing-Lichtenthäler versicherte ebenfalls, vor Ort geschehene Fehler müssten benannt werden. Sie nahm zugleich die Landesregierung gegen Vorwürfe in Schutz, Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten liefen zu unkoordiniert an: „Es gibt keinen Masterplan für den Wiederaufbau einer zerstörten Region. Es kann keine Bauanleitung geben, die wir umzusetzen haben.“

Alle Redner im Landtag würdigten das riesige Ausmaß der Hilfs- und Spendenbereitschaft für die zerstörte Region. Bätzing-Lichtenthäler sprach von einer „neuen Dimension der Mitmenschlichkeit“. Grünen-Fraktionschef Bernhard Braun erinnerte daran, dass mittlerweile auch viele Helferinnen und Helfer aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse Hilfe nötig hätten.

(epd)