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Gemeindeschwester: ältere Menschen im Ahrtal müssen ins betreute Wohnen

Gemeindeschwester aus Bad Neuenahr-Ahrweiler : Flutkatastrophe zwingt ältere Menschen ins betreute Wohnen

Als "Gemeindeschwester Plus" hilft Ingrid Neubusch normalerweise betagten Menschen im Ahrtal, so lange wie möglich in ihrem zu Hause zu bleiben. Einige, so fürchtet die Krankenschwester, werden nach Verlust ihres Heimes ins betreute Wohnen gehen müssen.

Alte Menschen sollen - so lange es geht - autark leben. Das ist Ingrid Neubuschs Wunsch. Sie ist "Gemeindeschwester Plus" im Stadtgebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler sowie der Grafschaft. Auch sie will möglichst lange selbstständig wohnen. Einigen älteren Menschen dürfte dieses Privileg durch die Jahrhundertflut jetzt aber genommen werden. Diese stehen an einem Scheideweg: Das Eigenheim ist zerstört, der Wiederaufbau dauert lange und kostet, je nach Versicherungssituation, sehr viel Geld.

"Viele Menschen sind erst vor Kurzem ins Ahrtal gezogen. Sie wollten ihren Lebensabend hier verbringen", berichtet Neubusch. Ein 80-jähriger Mann etwa werde von der Versicherung vollständig entschädigt. Doch er wird in eine betreute Wohnform ziehen, denn die Zeit, sein Haus wieder aufzubauen, hat er nicht.

Neubusch, die seit 1985 in Heimersheim beheimatet ist, kümmert sich normalerweise um alle möglichen Aufgaben und Fragen, die autonom lebende Senioren ab etwa 80 Jahren beschäftigen: Sie erstellt Medikamentenpläne, organisiert Fahrdienste für die Rentner, kümmert sich um einen Hausnotruf, Einkäufe oder Pflegestützpunkte in der Nähe. Die Flut hat ihr Aufgabengebiet erweitert.

Im Krieg hatten die Senioren mehr Angst und Hunger, die Zerstörung durch die Flut ist jedoch noch schlimmer

Wo kann man Wäsche waschen, wo duschen, wie komme ich zum nächsten Spendenlager? Diese Fragen beschäftigen Menschen, die alles verloren haben. Neubusch versucht diese, so gut es geht, zu klären. "Viele fragen aus der Ferne nach, ob Gas, Wasser oder Strom in ihrer Gegend wiederhergestellt sind. Manche suchen eine Wohnung. Auch Handys sind sehr oft gefragt. Für den Bedarf haben wir sogenannte Seniorenhandys organisiert", so Neubusch. Für die Beantwortung der Fragen müsse sie gut vernetzt sein.

Sie fragt im Einzelnen bei den Versorgern an, wie die aktuelle Lage im Haus der Betroffenen ist und leitet die Informationen dann weiter. Viele Senioren sind durch die Katastrophe neu zu Ingrid Neubuschs Kundenstamm hinzugekommen. Oft gehe es aber auch nur darum, den Betroffenen Gehör zu schenken.

"Manche Menschen sind psychisch sehr angeschlagen. Einige haben den Krieg als Kinder miterlebt und werden durch die Katastrophe daran erinnert. Sie sagen mir, die Angst und den Hunger von damals hätten sie in diesem Fall nicht. Die Zerstörung sei aber schlimmer."

Den Senioren den Alltag zu erleichtern, mache Neubusch große Freude. Sie sei momentan sehr gefragt und erhalte viel Dank. Manchmal seien es die betroffenen Senioren selbst, die Neubusch Mut machten, und nicht umgekehrt. Oft wacht sie nachts auf, weil sie nicht weiß, wie alles zu schaffen sei. Eines Tages jedoch, so die Krankenschwester, wird das Ahrtal wieder schön.

Das Projekt wird finanziert vom Landesministerium für Arbeit und Soziales, den Krankenkassen im Rheinland und dem Kreis Ahrweiler. Angestellt ist Neubusch bei der Caritas in der Bahnhofstraße 5, Bad Neuenahr-Ahrweiler. Erreichbar ist sie unter 0 26 41 - 75 98 60 oder Gemeindeschwester@caritas-ahrweiler.de.