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Kreis Ahrweiler/Rhein-Sieg-Kreis: So helfen Listen bei der Suche nach Vermissten

Kreis Ahrweiler und Rhein-Sieg-Kreis : So helfen Listen bei der Suche nach Vermissten

Alleine an der Ahr werden nach der Flutkatastrophe immer noch 155 Menschen vermisst. Um sie sorgen sich nicht nur die Betroffenen vor Ort. Menschen aus der ganzen Welt bangen um das Schicksal von Freunden und Verwandten.

In Heimerzheim ist ein Landwirt an einem Herzinfarkt gestorben, während der Flutpegel stieg. Ein Mann ist ertrunken, nachdem er auf der Kölner Straße zunächst auf einer Mauer stehend um Hilfe gerufen hatte. Irgendwann konnte er sich nicht mehr halten, fiel ins Wasser und ertrank. Ein weiterer Mann wollte im Keller nachsehen, ob Wasser eingedrungen ist und wurde von den Fluten überrascht. Er überlebte nicht. In Rech ist eine Frau samt ihrem Haus weggeschwemmt worden. Sie gilt als vermisst und ist bisher nicht gefunden worden.

In der Nacht zu Donnerstag der vergangenen Woche haben sich etliche dieser Schicksale abgespielt. „Wie im Krieg“, heißt es daher auch immer wieder über die Situation nach der Flutkatastrophe an der Ahr und in Teilen von Nordrhein-Westfalen. Nicht nur die Trümmer, die zerstörte Infrastruktur und die chaotischen Zustände lassen die betroffenen Städte und Gemeinden kriegsähnlichen Zuständen gleichen. Auch die Sorge um geliebte Menschen und die Trauerarbeit um die Toten sind den Betroffenen ins Gesicht geschrieben und begleiten sie im Alltag, während sie Schlamm schippen und mit Versicherungen telefonieren.

Menschen aus ganz Deutschland, ja aus der ganzen Welt, kennen Bewohner des Ahrtals und aus Erftstadt oder Rheinbach, sorgen sich und wollen Gewissheit über das Wohlergehen ihrer Geliebten und Bekannten. Nach den Weltkriegen wurden über Minuten die Namen der Toten im Radio verlesen. Auch heute, 100 Jahre später, sind es Listen – analoge und digitale – die bei der Suche nach Personen aus dem Katastrophengebiet helfen. Sie werden über Facebook in geschlossenen Gruppen geteilt, aber auch von offiziellen Einheiten der Polizei unermüdlich in den Dörfern oder Notunterkünften abgeglichen und aktualisiert. Bis zum heutigen Tag sind alleine an der Ahr 128 Tote zu beklagen und noch immer werden 155 Personen vermisst. In Nordrhein-Westfalen sind es 47 Tote und zwei Vermisste.

Die Zahl der Vermissten wird wohl nicht mehr steigen

Nach Meinung von Lars Brummer vom Polizeipräsidium Koblenz wird die Zahl der Vermissten nicht mehr allzu sehr steigen. Die Anrufe auf der Vermissten-Hotline seien stark rückläufig, in der Summe waren es mehr als 5000. Wird eine Person als vermisst gemeldet, erfolgt durch eine spezielle Einheit der Polizei zunächst ein Abgleich mit Namenslisten aus Krankenhäusern, vom Roten Kreuz, aus Anlauf- oder Auffangstationen. Der Abgleich wird permanent bei Aktualisierung der Listen durchgeführt.

Die Polizeikräfte, die für diese Arbeit unterwegs sind, gehören zur Einheit „taktische Betreuung“. Sie kümmern sich um die Opferangehörigen, allerdings nicht im Sinne der seelischen Betreuung, das machen Netzwerkpartner und Hilfsorganisationen, erklärt Holger Morjan die Arbeit. Er ist erster Polizeihauptkommissar des ständigen Stabs in Düsseldorf. Die Einheit sammele gezielt Quellen „im polizeilichen Auftrag“ – beispielsweise „Hinweise auf die Frage, wo es Sinn macht, noch nach Vermissten zu suchen oder wo die Angehörigen das letzte Mal gesichtet wurden“.

Ist die Person so nicht zu finden, wird es für die Polizei laut Brummer schwierig. Finden die Helfer Leichen, die nicht identifiziert werden können, kommt das Bundeskriminalamt zu Hilfe. Dann wird versucht anhand rechtsmedizinischer Untersuchungen, beispielsweise mit einem zahnmedizinischen Abgleich oder mit Bildern der Vermissten, die Identität der Opfer ausfindig zu machen. Nicht verifizieren konnte die Polizei die am Wochenende genannten Vermisstenzahlen von bis zu 3500 Personen. „Die Zahlen kamen nicht von uns“, so Brummer.

Privatpersonen organisieren sich über Social Media

Auch Privatpersonen beteiligen sich an der Suche nach Verwandten und Bekannten. Sie haben sich jetzt vielfach in sozialen Netzwerken im Internet organisiert. Eines davon heißt „Vermisst im Ahrtal Flutkatastrophe“ und wurde von A. L. aus Rheinbach gegründet, die nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen möchte. Am Telefon sagt sie: „Bei mir hat es mit der persönlichen Suche nach sehr guten Freunden aus der Gegend begonnen. Da ist dann schnell die Entscheidung gefallen: Wir müssen eine separate Seite aufmachen, nur für die Vermissten. Schon damit die Menschen nicht erst 25 Beiträge über Bagger oder Medikamentenwünsche lesen müssen.“

Gemeinsam mit einer Freundin, die die Moderation der Seite übernommen hat, ist das Projekt vergangenen Freitag gestartet. Mittlerweile hat die Gruppe mehr als 2300 Mitglieder. „Wir versuchen täglich mehrmals reinzuschauen, um die Informationen zu sortieren. Die Verstorbenen bleiben auf der Seite, weil die ja teilweise noch weiter gesucht werden. Da wird nur die Kommentarfunktion deaktiviert.“

Gefundene Personen wiederum würden mit Namen und Wohnort in einer separaten Liste archiviert, so L. weiter. 38 Personen beziehungsweise Familien sind schon erfolgreich auf die Gefunden-Liste gewandert. Über ihr Engagement sagt die Frau: „Es sind ganz viele Tränen dabei – Tränen der Verzweiflung, aber auch Tränen der Freude, wenn jemand gefunden wurde.“