Traumabewältigung im Flutgebiet Künstler initiiert mobile Beratungsstelle im Ahrtal

Kreis Ahrweiler · Alles in der Kiste: Künstler Rolf Habel ist mit einem mobilem Atelier im Ahrtal unterwegs. Nun ist seine Beratungsstelle in Sinzig eingetroffen. Mit seinem Projekt will helfen, kreative Potenziale zu entdecken.

 Alles in der Kiste: Rolf Habel mit mobilem Atelier.

Alles in der Kiste: Rolf Habel mit mobilem Atelier.

Foto: Hildegard Ginzler

Der Mann ist außer Puste. Kein Wunder, wenn die Mai-Sonne brennt und es per Fahrrad mit Anhänger von Bonn nach Bad Bodendorf und Sinzig geht, wo Rolf Habel seine „Mobile Beratungsstelle für Sehnsüchtige“ aufschlägt. Klingt amtlicher als es ist: Kein Apparat steht hinter ihm, kein Unternehmenspartner, null Sponsoring. Als Künstler eigeninitiativ unterwegs, will er kreative Angebote unterbreiten, ohne eine spezielle Klientel im Sinn zu haben. Grundsätzlich wendet er sich mit dem Solo-Projekt „an Leute, die Lust haben zu träumen, von Kindern bis Greisen“. Allerdings mit Fahrtziel Ahrtal: „Die Beratungsstelle hat im Moment die Flut zum Thema“, erklärt Habel.

Als Kreisstädter im Exil in Bonn

Wenn er derzeit in die Pedale tritt, dann um gezielt Freunde aufzusuchen, deren Leben mit dem Jahrhunderthochwasser schwankte wie sein eigenes. In Bonn sitzt er quasi im Exil. Ein Vertriebener kehrt zurück, nimmt temporär Fühlung auf mit dem Terrain um seinen Ex-Lebensmittelpunkt in der Kreisstadt: „Alle meine Sehnsüchte, meine Träume waren aufgescheucht und flohen in mein Herz, suchten Schutz vor der dämonischen Kraft der Flut. Meine Wohnung, in der ich auch arbeiten konnte, ist so nicht mehr bewohnbar.“ In Bonn fand er eine neue Bleibe.

 Die Beratungsstelle des Künstlers ist in Sinzig eingetroffen.

Die Beratungsstelle des Künstlers ist in Sinzig eingetroffen.

Foto: Hildegard Ginzler

Schön sei es dort, sagt er. Jedoch: „Meine Sehnsüchte pflegen und meinen Träumen Flügeln geben, das kann ich nur im Ahrtal. Sie sind dort groß geworden, meine Träume und der Mut, ihnen zu folgen.“ Habel hat dies klar für sich erkannt, zieht die Konsequenzen daraus. Schließlich muss es weitergehen mit der Kunst. „Ich bin Alltagsgegner, wenn ich meine Sachen erledigt habe, will ich raus auf den Spielplatz.“ Seinen versunkenen Kreativplatz ersetzt er durch ein portables System. Ihn interessierte, „ein mobiles Atelier zu packen, um alles dabei zu haben“.

Der Künstler führt die wichtigsten Utensilien mit sich

Und er hat wirklich alles dabei. Passgenau sitzt die schwere Kiste im Anhänger. Obenauf schützt eine Decke den teils empfindlichen Inhalt und notfalls auch den Radler bei einer unverhofften Übernachtung im Freien. Darunter befinden sich Malzeug, Papier, ein Musikinstrument, zwei Kameras, Beratungsschild und Notizbuch, in dem Habel Eindrücke festhält. „Kleine Traumfänger“ nennt er diese künstlerischen Werkzeuge.

Und die Beratung? Sie beginnt mit einem Gespräch – interessiert, auf Augenhöhe, berichtend, fragend. Der Künstler hakt nach: Hat die Flut für sein Gegenüber nicht auch gute Seiten gezeitigt, Befreiung von Festgefahrenem, materiellem Ballast? Fragen, die seinen Umgang damit spiegeln, lebt er doch nur mit dem Notwendigsten. Aber wieder künstlerisch gestalten zu können, ist elementar für ihn: „Ich wäre krank, wenn ich nicht solche Sachen machen würde.“

Habel sucht den Kontakt zu den Menschen

Habel, 1954 in Köln geboren, war nach seinen Ausbildungen als Glas- und Porzellanmaler sowie in freier Malerei an der FH Köln Mitbegründer und Mitarbeiter der Kunst- und Kreativitätsschule in Bergisch Gladbach. Als Sehnsuchtsberater tut er etwas für sich und andere. Er will in Kontakt kommen mit den Menschen, rüttelt mit seiner Sehnsucht nach dem Tal die Träume der Talbewohner wach, erweist sich als ein „Sprachverstärker“, lädt sodann zum Malen und Zeichnen ein, um zu zeigen, „dass solche Traumata viel kreative Kraft entfalten können“. Die Ergebnisse, die Tonaufnahme eines Liedes und etliche Aquarelle nimmt er mit, schwingt sich aufs Rad und lässt später wissen: „Bei der Rückfahrt habe ich mich beschenkt gefühlt, das gleicht den Verlust aus.“

Die kreativen Objekte wird er ausstellen: „Vielleicht über Bambusstangen an einem roten Faden.“ Am Sonntag, 22. Mai, 14 bis 18 Uhr, am letzten Tag der Bilderausstellung „Ja der Frühling“ von Detlef Lieffertz im Ahrweiler Weißen Turm, Altenbaustraße 5, wird die Beratungsstelle für Sehnsüchtige präsent sein.

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