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Innenminister in Bad Neuenahr: Seehofer stimmt auf „nationalen Kraftakt“ ein

Innenminister in Bad Neuenahr : Seehofer stimmt auf „nationalen Kraftakt“ ein

Innenminister Horst Seehofer hat Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks am Krankenhaus Maria Hilf in Bad Neuenahr besucht. Der Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe werde Milliarden kosten – und einen „nationalen Kraftakt“ erfordern.

An der St.-Pius-Brücke ist Schluss. Von Einsatzfahrzeugen abgesehen, kommt am Montagvormittag kein Auto durch. Also geht es zu Fuß über eine der wenigen verbliebenen Verbindungen über die Ahr im Kreisgebiet. Die Strömung im Fluss ist noch immer gewaltig. Treibgut wird mitgerissen. Ein Blick zur Seite zeigt, wie extrem der Fluss im Uferbereich gewütet hat. Trümmer so weit das Auge reicht. Auf der anderen Seite, am Krankenhaus Maria Hilf, hat sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) angekündigt. Er will Einheiten des Technischen Hilfswerks besuchen, die dort eine Anlage zur Aufbereitung von Trinkwasser aufgebaut haben. Alle Patienten des Krankenhauses wurden nach Remagen, Neuwied, Koblenz und Bonn verlegt.

Im Kreis Ahrweiler gibt es inzwischen 117 bestätigte Tote. Zudem werden 170 Menschen vermisst. Das sagte der Leiter der Kriminaldirektion in Koblenz, Stefan Heinz, einem Sprecher des Polizeipräsidiums Koblenz zufolge am Montag in Koblenz. Auf die Zahl kamen die Ermittler dem Sprecher zufolge nach dem Abgleich von Vermisstenmeldungen bei verschiedenen Stellen im Land. Teils seien Menschen mehrfach vermisst gemeldet worden.

Als die Brücke überquert ist, kommt dem Reporter eine Frau entgegen. Sie arbeitet als Krankenschwester in Maria Hilf. In der Nacht zu Donnerstag, als das Wasser kam, war sie im Dienst. Jetzt ist sie auf den Straßen der Kurstadt unterwegs, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Jetzt bietet sie einen Platz in ihrem Auto an. Richtung Krankenhaus müsse sie ohnehin. Auf den Besuch aus Berlin, so wird während der Fahrt deutlich, hätte sie verzichten können.

Bis Seehofer ankommt dauert es noch. Also weiter ins Kurviertel, wieder zu Fuß. Wer sich dort umschaut, sieht, dass es Bad Neuenahr, wie es vor der Katastrophe war, auf Jahre nicht geben wird, vielleicht nie mehr. Der Platz vor der Spielbank ist komplett verwüstet, zerstörte Autos auf beiden Seiten der Ahr, mal halb in den Trümmern versunken, mal mit dem Heck gen Himmel gegen einen Baum geschleudert. Das Vordach der Terrasse am Steigenberger ist eingeknickt, der Platz davor ebenfalls verwüstet. Wie groß der Schaden am Hotel insgesamt ist, ist nicht bekannt. Andere Hotels in der Gegend sind, dafür reicht ein Blick hinter die offengelegten Eingangsbereiche, zumindest im Erdgeschoss komplett zerstört.

Ganz in der Nähe sind die Ahr-Thermen – beziehungsweise, was von ihnen übrig geblieben ist. Unweit vom Eingang liegt ein Wohnmobil auf der Seite, daneben stapeln sich Stühle, umgestürzte Tische und weitere Möbel. Neben dem Thermal-Badehaus ist der Boden aufgerissen, Leitungen liegen offen. Davor haben Feuerwehrleute sich ein Lager eingerichtet.

Beim Stützpunkt des Technischen Hilfswerks am Krankenhaus lässt Horst Seehofer auf sich warten. Am Morgen war er mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bereits an der Steinbachtalsperre im Kreis Euskirchen. Irgendwann kommt er dann auch in Bad Neuenahr an. Begleitet wird er diesmal von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (SPD). „Wir erleben in diesen Tagen eine unfassbare Tragödie“, sagt Seehofer. Es handele sich um eine Ausnahmesituation, „die wir auch bei allen Anstrengungen vor Ort nur in einem großen nationalen Kraftakt bewältigen können“. Die Kosten für den Wiederaufbau schätzt er auf mehrere Milliarden Euro.

Kritik am Warnsystem des Katastrophenschutzes im Zusammenhang mit dem Hochwasser weist Seehofer zurück. Die Dinge in Deutschland hätten gut funktioniert. Er sagt allerdings auch: „Ich schließe nicht aus, dass wir das ein oder andere verbessern müssen.“ Aber die Warnmeldungen hätten „ohne jedes technische Problem vom Deutschen Wetterdienst und vom europäischen funktioniert“.

Für den Katastrophenschutz in Friedenszeiten sei nicht der Bund zuständig, sondern die Länder und die Landkreise. Seit einigen Monaten sei man aber dabei, die Unterstützungsleistungsleistungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für die Länder zu verbessern.

Unter Hinweis auf bisher 117 Todesopfer sagte Lewentz, die Todeszahlen stiegen nach wie vor an. „Und wenn Sie diese Verwüstungen hier sehen, dann können Sie sich vorstellen, dass wir noch weitere tote Menschen finden werden.“ Die Suche nach Vermissten sei nach wie vor schwierig, weil Daten und Mobilfunksysteme „zusammengeklappt“ seien. Jede Meldung müsse einzeln abgearbeitet werden. Bis zu 1200 Polizeibeamte seien im Einsatz. „Wir sind eingestellt auf eine enorm lange Lage. Das wird nicht in Wochen zu bewältigen sein, sondern wir gehen von Monaten aus“, macht der rheinland-pfälzische Innenminister deutlich. mit dpa