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Das Leid im Kreis Ahrweiler schmiedet zusammen: So erlebt ein ehemaliger GA-Redakteur die Flutkatastrophe

Das Leid im Kreis Ahrweiler schmiedet zusammen : So erlebt ein ehemaliger GA-Redakteur die Flutkatastrophe

Aus Fremden werden in Bad Neuenahr in der schlimmen Lage Verbündete. Das Miteinander von Menschen, die sich bislang vielleicht nur vom Sehen kennen, mündet in gemeinsames tatkräftiges Handeln. Das Gebiet rechts und links der Ahr ist gleichwohl so zerstört, dass viele keine Perspektive mehr erkennen.

Auch wenn die Tatkraft ebenso groß ist wie die Solidarität, auch wenn bereits viele Trümmer und zerstörte Autos von den Straßen und aus den Gärten entfernt sind, auch wenn im Bereich einer elendigen Eigenversorgung schon fast so etwas wie eine gewisse Routine eingekehrt ist, so bleibt die Sorge der im Ahrtal besonders von der Flutkatastrophe heimgesuchten Menschen, nämlich insbesondere bei denjenigen, die ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, was nun werden soll und die Frage, ob sie in Bad Neuenahr-Ahrweiler überhaupt noch eine Zukunft haben.

Das Gebiet rechts und links der Ahr ist so zerstört, dass viele keine Perspektive mehr erkennen. Es ist ein gigantischer Kraftakt: Unzählige Raupen, Bagger, Laster, Feuerwehrfahrzeuge, Kleintransporter, mit Schutt beladene Traktorgespanne rollen durch die Straßen der Stadt, um Wege wieder begehbar, um Verbindungen wieder passierbar zu machen. Vom Einsturz bedrohte Häuser werden derzeit abgerissen, immer wieder muss schweres Gerät zum Einsatz kommen, damit die vielen Tausend kleinen und großen Hindernisse beseitigt werden.

 Gregor Huse aus Düsseldorf, Helfer der Verpflegungsstation in der Bad Neuenahrer Stadtbibliothek, hält ein Aquarell in Händen, das eine 84-Jährige für das Helferteam gemalt hat.
Gregor Huse aus Düsseldorf, Helfer der Verpflegungsstation in der Bad Neuenahrer Stadtbibliothek, hält ein Aquarell in Händen, das eine 84-Jährige für das Helferteam gemalt hat. Foto: Victor Francke

Fast unerträglich: das damit verbundene Verkehrschaos in den teilweise engen Straßen, die enorme Lärmbelastung, die durch die Trockenheit der vergangenen Tage durch den getrockneten Ahrschlamm entstandene Staubentwicklung, die für gereizte Augen und belegte Atemwege sorgt. Bad Neuenahr-Ahrweiler mitsamt der weiteren Städte und Gemeinden im Ahrtal dürfte derzeit Deutschlands größte und komplizierteste Baustelle sein.

Zeitgleich arbeiten Spezialisten des Wasserwerkes und der Ahrtal-Werke unter so nie gekannten Stressbedingungen an der Wiederherstellung einer zumindest notdürftigen Versorgung. In einzelnen Straßen hat das bereits geklappt, in vielen auch am achten Tag nach dem Gau für die gesamte Region nicht. Auch bei der Nahrungsversorgung der Bevölkerung – zumindest südlich der Ahr – klappt es noch nicht so recht. Dank vieler erfolgreicher privater Eigeninitiativen konnte bislang eine Notversorgung eingerichtet werden. Beispielsweise in der Stadtbücherei. Hilfslieferungen mit Hygieneartikeln, Schaufeln, Schubkarren, Eimern sowie Nahrungsmitteln für Mensch und Tier werden dort in der Annahme angeliefert, dies sei mit der Stadt abgesprochen. Die Eingangstür war zuvor von Feuerwehrmännern aufgebrochen worden, um in der Flutnacht evakuierten Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Allerdings war die Stadtverwaltung nicht darüber informiert, dass sich in ihrer Immobilie inzwischen ein von freiwilligen Helfern betreuter und organisierter Versorgungsstandort etabliert hat, der seit zumindest sieben Tagen von morgens bis abends von unzähligen hungrigen und verängstigten Menschen aufgesucht wird. Schlussendlich wird nach einigen Gesprächen schnell eine unbürokratische Lösung zwischen den Helfern und der Stadt gefunden. „Danke“ schreibt eine betagte Dame auf ein von ihr selbst gemaltes Aquarell und übergibt es den Helfern der Verpflegungsstation, die sie zuvor mit Nahrung versorgt hatten. Die Dame wird just an diesem Tag 84 Jahre alt. Das Bild hat sie in der Nacht gemalt. Wie so oft in der Versorgungsstation: Tränen. Der Rührung und des Leids.

Am Johannisberg hat sich eine andere Initiative gefunden, die einen kleinen Tante-Emma-Laden aufgebaut hat. Für viele in Not geratene Menschen – und das sind fast alle hier – eine große Erleichterung. Andere sorgten dafür, dass ein mobiler Imbisswagen täglich von 10 bis 20 Uhr in der Unterstraße „mit wechselnder Speisekarte“ vor Ort ist und kostenlos warme Mahlzeiten ausgibt. Es sind derzeit vor allem die Privatinitiativen, die Not lindern.

Eng rückt die Nachbarschaft zusammen, das Miteinander von Menschen, die sich bislang nur vom Sehen kennen, mündet in einem gemeinsamen sehr tatkräftigen Handeln. Plötzlich sind alle per Du. Das gemeinsame Schicksal, die zusammen durchlebte schlimme Lage, schmiedet zusammen. Man lernt einander kennen – und schätzen. Das wird bleiben.

Der Tagesablauf hat eine andere Ordnung bekommen. Aufstehen, mit feuchten Tüchern eine Katzenwäsche, Abmarsch zur Wasserstation, um Kanister und Eimer abzufüllen. An der südlichen Kurgartenstraße gibt es für die in der Nähe lebenden Bewohner eine Kaffeestation. Auch wenn kein Cafe Crema oder Latte Macchiato „serviert“ wird: Man freut sich über ein Heißgetränk, das zumindest eine leichte Erinnerung an einen Filterkaffee wachhält.

Bei dieser Gelegenheit wird ein erster Plausch mit Leidensgenossen gehalten, gleichzeitig wird das Handy an einer aufgebauten Ladestation mit Strom versorgt, wenn der Generator dies zulässt. Und klar: Informationen – falsche wie richtige – werden ausgetauscht: Wo gibt es was und wann. Welche Brücke kann befahren werden und ob es stimmt, dass der ganze Stadtteil evakuiert werden muss – er muss es nicht. Einige Anlieger der stark zerstörten Unterstraße haben sich ein eigenes Stromaggregat beschaffen können. So hat die Gelsdorfer Firma Dohse Aquaristik ihren betroffenen Mitarbeitern kostenlos derartige Geräte zur Verfügung gestellt. Nun rattern die Generatoren auf den Balkonen und Terrassen, begleitet von den Tönen der rund um die Uhr allgegenwärtigen Martinshörner der Rettungs- und Einsatzfahrzeuge sowie den „Teppichklopfer-Geräuschen“ der über der Stadt kreisenden Helikopter. Nach ihrem Gang in die Versorgungsstation in der Stadtbücherei sind die Menschen voll bepackt und oft am Ende ihrer Kräfte. Auch ihrer psychischen Leistungsfähigkeit. Es fließen Tränen, besonders bei Älteren, die in Bad Neuenahr-Ahrweiler ihren Lebensabend in einer ruhigen Kur- und Badestadt verbringen wollten. In den schönen Parks, den schönen Straßencafés und Einkaufsstraßen, auf den Promenaden und am Fuße der Weinhänge, zu deren Füßen die Ahr doch so ruhig und idyllisch entlangfließt. Bis zur Nacht auf den 15. Juli, die nicht nur große Dunkelheit, sondern auch eine dramatische Änderung der hier lebenden Menschen bringen sollte. 

„Auf das Leben!“ heißt der Slogan, mit dem die Kreisstadt für die Landesgartenschau 2023 wirbt. In rund 630 Tagen sollte es eigentlich soweit sein. Im Ahrtal heißt es nun angesichts der Trümmerlandschaft „Auf das Überleben!“