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Die Poesie des Ausblicks: So erlebte ein Kunstprofessor vor 100 Jahren einen Besuch im Ahrtal

Die Poesie des Ausblicks : So erlebte ein Kunstprofessor vor 100 Jahren einen Besuch im Ahrtal

Willy Spatz besuchte vor mehr als 100 Jahren das Ahrtahl. Wie der Maler und Kunstprofessor die Landskrone bei Heimersheim erlebte.

Ob von Bad Neuenahr, Heppingen, Heimersheim oder Lohrsdorf aus, zur Landskrone hoch zu steigen ist allemal lohnend. Der gute Überblick, den man von dem markanten Basaltkegel ins Tal hat, erfreut die Wanderer. Strategisch günstig, bewog die Lage König Philipp von Schwaben zu Beginn des 13. Jahrhunderts dort eine Burg zu errichten zum Schutz seines Machtbereichs und der Aachen-Frankfurter Heerstraße.

Vom Bau vor gut 800 Jahren blieben spärliche Überreste. In der Schutzhütte ist einiges über die Burg zu erfahren, der jüngst der Förderverein für Archäologie, Kunst und Museumskultur Bad Neuenahr-Ahrweiler gemeinsam mit dem Archäologen Gabriel Heeren auf der Spur war. Ohne Ausgrabung, per Bodenradar, versucht man zu erkunden, wie die Bebauung aussah.

Gipfel, Sicht und Burgruine – ab 1906 auch eine Straußwirtschaft und von 1910 bis 1949 ein Ausflugslokal – lockten schon vor Zeiten ungezählte Gäste. Bei einigen verschmolz geschichtliche Neugier mit starkem Naturerleben. Willy Spatz (1861-1931) war dafür ein Paradebeispiel. Ein Glücksfall, dass der Maler und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf der Nachwelt ein historisch bedeutendes Tagebuch hinterließ. In 21 Bänden mit rund 10.000 Seiten verewigte er seine Eindrücke während des Ersten Weltkriegs, schrieb über die Ereignisse in Düsseldorf, klebte Kriegsberichte aus Zeitungen ein, dazwischen Ansichten von Orten, die er besuchte. Was er da wachen Sinnes und mit Begeisterung aufnahm, hielt er ebenso fest - ungefiltert.

Am Nachmittag zur Landskrone gewandert

Am 15. August 1916 weilt Spatz in Ahrweiler. Er bummelt „an der Innenseite längs der Stadtmauer, an die die alten Häuschen der Ärmsten angeklebt sind. Was für Baracken, für armselige, was für zerfallende alte Behausungen – aber auch wie malerisch das Ganze! Mir schwirrte es im Kopf ob all der Formen, die ich da sah“. Des Nachmittags wandert er mit dem Maler Carl Weisgerber zur Landskrone: „Je höher wir stiegen, um so gewaltiger wurde die Aussicht. Schon kamen die Rheinberge in Sicht, die Ruine Olbrück, die Tomburg, die Eifeler Höhen, die Grafschaft – wir schwelgten in Schönheit.“

Oben angelangt sind sie vollends entzückt: „Lauter Täler, Felder, Ort­schaften, Berge u. Wälder! Wir konnten uns nicht satt genug sehen.“ Vor dem Gasthof Möhren lassen beide „schweigsam die Poesie des wunderbaren Ausblicks dieses Stückchen Erde auf uns einwirken“. Bis ihre Kontemplation jäh zerbirst unter Klavierklängen und feurigem Gesang „Haltet aus! haltet aus!“ aus dem Wirtschaftsraum: „Wackere Feldgraue waren’s, die, nun genesen, hier ihren Abschied vom schönen Ahrtal feierten; mancher Bekannte war unter ihnen. Gespendete Zigaretten und Wein versetzten sie in die fröhlichste Stimmung.“

Pause im Gasthaus auf dem Bergplateau

Die Stimmung des Kunstprofessors sollte der Umstand weiter heben, dass „der Wirt, „Herr Möhren in Glaskästen, all das übersichtlich aufgestellt, was er hier oben auf der Landskrone bei der Bloßlegung der Mauerreste gefunden hatte. Wahrlich, es war des Fesselnden zu viel. Hier waren wir an einer alten Kulturstätte! Die Funde hier oben erzählten viel aus der keltischen, römischen, fränkischen Zeit, aus der Zeit des Mittelalters.“ Wie hätte sich Spatz gegrämt, hätte er voraussehen können, dass alle Fundstücke im Zweiten Weltkrieg und durch den Brand des Gasthauses 1949 verloren gingen.

Im Hochsommer des Ersten Weltkriegs-Jahres 1916 indes sieht er euphorisch Tongefäße, irisierende Glasüberbleibsel, Münzen und Schmuck, alles römisch, wie er glaubt, außerdem „keltische Armspangen und Fibulen, Reste von Panzerhemden, zierlichen holländischen Tonpfeifen Pfeilspitzen, Beile, Steigbügel, Messer, Reste von Kacheln und Krügen aus mittelalterlicher Zeit, Karthaunen und Kanonenkugel waren hier aufgestellt, kurzum alles, was die große Vergangenheit hier erinnerte“.

Er imaginiert die vermeintliche Geschichte der Burg: „Der Wohnsitz der Kelten, der Römer hier oben; dann, wie die Burg selbst 1208 von König Philipp gebaut, von Gegenkönig Otto IV erobert u. vollendet wurde; wie Friedrich II. sie 1214 erstürmte, wie sie im 30-jährigen Krieg von Baudissin am 10. Dez 1632 erstürmt wurde; im Februar 1633 von den Spaniern u. Kur-Kölner wieder zurückerobert wurde; wie sie im holländischen Kriege 1677 verbrannt und endlich wie sie 1682 durch Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg gesprengt wurde.“

Archäologische Funde der alten Stauferburg

Die Sammlung bezirzte ihn. Zwar sah er Vergleichbares in Museen: „Aber wie ein Apfel besser mundet, der frisch vom Baume gepflückt u. nicht im Laden gekauft ist, so gewährten auch hier die Fundgegenstände, die an Ort u. Stelle, auf der wir standen, bloßgelegt waren, erhöhteren Reiz.“ Erneut studierte er sie mit drei Freunden am 31. August: „Wir ließen uns unsern Genuß nicht trüben durch die Schlussbemerkung einer kleinen Schrift über die Burg Landskron“. Dort stand, trotz einiger Objekte aus dem 3. Jahrhundert, dürfe man nicht auf frühe menschliche Ansiedelungen auf dem Berg schließen, denn laut Bestandsverzeichnis des Eigentums von Damian von Quad von 1526 „befand sich auf der Burg unter anderem ein kleines Museum u. Raritätenkabinett, das wohl dem Kunst- u. Sammelsinn früherer Besitzer seine Entstehung verdanke.“ Damit waren die vier Freunde keineswegs einverstanden.

Doch schieden sie beglückt, konnten sich kaum trennen vom Berg: „Wir waren uns alle darin einig: Wer die Landskrone nicht gesehen, der hat an der Ahr nichts gesehen!“