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Wahl im Ahrtal: So lief die Bundestagswahl im Flutgebiet

Wählen im Ahrtal : So lief die Bundestagswahl im Flutgebiet

Lange Schlangen haben sich vor den Wahlzelten im Ahrtal gebildet. Einige Wähler aus dem Ahrtal schildern, wie sich die Hochwasserkatastrophe auf ihre Entscheidung auswirkt.

Gut zehn Wochen nach der verheerenden Hochwasserkatastrophe steht auch im Ahrtal die Bundestagswahl im Fokus. Hunderte schlendern deshalb am Sonntag bei bestem Wetter in die provisorischen Wahlbüros und eigens errichteten Zelte auf zentralen Plätzen in Altenahr, Ahrweiler oder Bad Neuenahr, um ihre Stimme abzugeben.

Die Stimmung unter den Wählern ist ambivalent. Die vergangenen Wochen haben den Menschen im Flutgebiet persönlich viel abverlangt. Das beeinflusst einige in ihrer politischen Entscheidung. Speziell die Kreisverwaltung erntet viel Kritik und Häme. Andere Stimmberechtigte halten an ihrer parteipolitischen Überzeugung fest, sehen sich durch die Flutkatastrophe sogar darin bestätigt.

Der Spätsommer zeigt sich an diesem Wahlsonntag von seiner schönsten Seite. Nicht viel deutet vor den meisten der kurzfristig eingerichteten Wahllokale darauf hin, welches Ausmaß der Verwüstung die Flut dort Mitte Juli hinterließ.

Altenahr: Armin Seiwert leitet das provisorische Wahlbüro der Verbandsgemeinde Altenahr an der Sommerrodelbahn. Nach zögerlichem Start herrscht dort bereits am frühen Vormittag heitere Betriebsamkeit. Coronakonform werden die Wähler durch den Haupteingang ins Wahlbüro geschleust, geben ihre Stimme ab und verlassen den lichtdurchfluteten Raum durch die Terassentür. In wenigen Minuten ist das ganze Prozedere vorüber. Ganz so, als sei es nie anders gewesen. Dabei war in den vergangenen Tagen ganz und gar nichts so wie immer. Das weiß auch Siewert, der eigentlich Büroleiter der Verbandsgemeinde Brohltal ist und mit seinem Team die Verwaltungskollegen aus Altenahr unterstützt. „Es ist für uns das erste Mal, dass wir im Rahmen der Amtshilfe eine andere Verwaltung bei einer Wahl unterstützen“, sagt er. „Es war für uns eine Selbstverständlichkeit, zu helfen. Die Gemeinde Grafschaft hat die Verantwortung für die Briefwahl übernommen. Bisher hat alles hervorragend funktioniert, auch unter diesen besonderen Umständen.“

Frank Hoegen hat seine Stimme abgegeben. Auch wenn ihm die Wahl im Moment „nicht besonders leicht“ gefallen sei. „Weder CDU noch SPD sehe ich noch als wirkliche Volkspartei an“, sagt der Mann aus Berg. „Deshalb habe ich mich für das geringste Übel entschieden.“ Von der Flut war Hoegen nicht direkt betroffen. „Aber ich denke, dass einiges nach der Flut nicht richtig gelaufen ist. Dabei fallen mir fehlende Kontrollen bei den Soforthilfen ein.“ Sein Vorwurf: „Viele Gelder gelangen nicht dorthin, wo sie dringend gebraucht werden.“ Mit Blick auf die Wahlkampfpannen von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sagt Hoegen: „Dass Herr Laschet beim Besuch im Flutgebiet im falschen Moment gelacht hat, kann für einige hier durchaus den Ausschlag geben, eine andere Wahl zu treffen.“

Auch Rainer Moskopp hat in Altenahr gewählt und nahm dazu die Anreise zum Not-Wahlbüro mit dem Motorrad in Kauf. „Aber dafür gibt es ja nun mal triftige Gründe.“ Sein Eindruck ist, dass sich viele in seinem Umfeld von der Politik im Stich gelassen fühlen. „Ich war selbst mehrfach im Ahrtal als freiwilliger Helfer im Einsatz. Diese Enttäuschung darüber ist mir überall begegnet“, sagt Moskopp. „Ich denke, diese Katastrophe ist für alle politischen Ebenen eine Herausforderung, der sie allerdings nicht gewachsen sind.“

■ Ahrweiler: Von einem politischen Umdenken der jüngeren Generation ist auch Esther Meurer überzeugt. Sie habe kurzfristig anders entschieden als ursprünglich geplant, so die Bachemerin, die ihren Stimmzettel im provisorischen Wahlzelt in Ahrweiler in die Urne warf. Auf dem Supermarktparkplatz, auf dem das Zelt steht, sind schon am Morgen kaum noch Stellplätze frei. Meurer musste für die Stimmabgabe gut 20 Minuten anstehen. Für sie sei das „kein Problem“ gewesen, aber: „Wenn ich an ältere Menschen denke, finde ich das schon schwierig.“ Dass das Hochwasser die Wahlentscheidungen in ihrer Heimat nachhaltig beeinflusst, steht für Meurer außer Frage. Auch sie spricht davon, dass sich Flutopfer alleingelassen fühlten. „Besonders die mangelhafte Unterstützung für betroffene Menschen mit psychischen Problemen fällt mir auf. Immerhin ist für viele die Lebensgrundlage weggebrochen. Daher haben die Menschen einfach Angst.“

Andrea und Sven Remuß hingegen halten an ihrer ursprünglichen Wahlentscheidung fest. Daran habe auch die Flut nichts ändern können, obwohl das Wohnhaus des Paares aus Ahrweiler stark beschädigt ist. „Wir haben viel gelesen und wissen, dass der Landrat Jürgen Pföhler im Fokus steht“, sagt Sven Remuß. „Allerdings ist das Hochwasser aktuell nur ein Thema, das uns beschäftigt. Dazu kommen auch Schwerpunkte wie Bildungs- und Digitalpolitik, die uns schon zuvor beschäftigt haben. Solche Themen dürfen dem der Flut unserer Ansicht nach in nichts nachstehen.“

Das Paar begreift die aktuelle Lage nach der schrecklichen Katastrophe zugleich als Chance. „Da jetzt viele Straßen offenliegen und die Infrastruktur vielerorts renovierungsbedürftig ist, sollten beim Wiederaufbau unbedingt Aspekte des Umweltschutzes und der modernen Infrastruktur berücksichtigt werden. So kann es gelingen, aus der Not eine Tugend zu machen.“ Dass die Stimmabgabe im Zelt erfolgen muss, stelle für sie ebenfalls keine Hürde dar. „Uns ist es egal, wo gewählt wird. Fest steht: Es ist wichtig zu wählen, schließlich ist es eine Bundestagswahl.“ Kein gutes Haar lassen Kirsten und Jan Gebhardt an der Organisation der Urnenwahl und den langen Schlangen vor dem Zelt. „Die Abwicklung ist äußerst dürftig. Wir stehen hier mit unseren Kindern schon seit mehr als 20 Minuten in der Schlange. Es war so viel Zeit, genügend Wahlhelfer bereit zustellen und das Ganze hier vernünftig zu organisieren“, finden beide. Das Paar habe zwar alle Unterlagen zur Wahl erhalten, allein die Ruhe zwischen Flut-Chaos und Schadensbewältigung habe aber gefehlt, um das alternative Briefwahlverfahren rechtzeitig zu bewerkstelligen.

Welche Auswirkungen die Flut auf die Wahl auf Bundesebene haben wird, will Jan Gebhardt nicht prognostizieren. Aber: „Allein die Posse um unseren Landrat kann nicht gut sein für eine Partei und das Ansehen der Politik allgemein. Es ist stellenweise bitter, wie sich die Verantwortlichen aus der Affäre ziehen und ich denke, mit meiner Meinung bin ich nicht allein.“↓

■ Bad Neuenahr: Carmen Hermann aus Heppingen muss warten. Auch in Bad Neuenahr reihen sich mehr als 100 Wähler in einer Schlange vor dem Wahlzelt auf. „Ich finde die Lösung mit dem Zelt gut“, sagt sie mit einem Lächeln, während sie sich langsam dem Eingang nähert. Auch sie sei von der Flutkatastrophe betroffen, lebte tagelang abgeschnitten von der Außenwelt und sei nun übergangsweise bei ihrer Verwandtschaft untergekommen. Thematisieren wolle sie das persönliche Drama um die Flut aber bei ihrer Wahlentscheidung nicht weiter. „Denn für so etwas gibt es keinen Präzedenzfall. Zum Glück!“, sagt Hermann. „Deshalb gibt es bei solch schrecklichen Vorkommnissen auch in so vielen Bereichen verständlicherweise keine Routinen.“

Allerdings kann auch sie sich einen Seitenhieb auf den Kreis nicht verkneifen. „Von mir aus dürfte die Aufarbeitung der Geschichte des Landrats durchaus schneller gehen. Das hätte viel pragmatischer erfolgen müssen, um auch den Wählern ein Signal zu senden.“

Die erste Abstimmung mitten in einer Krisensituation ist es auch für Gaby Schneider. „Daher sind die Umstände für die Stimmabgabe für mich das geringste Problem“, sagt die Bad Neuenahrerin. „Die Nahversorgung krankt, die Energieversorgung wird nur schleppend besser. Das sind die eigentlichen Probleme.“ Lobende Worte findet Schneider für den unermüdlichen Einsatz freiwilliger Helfer in der Region. „Wir hatten selbst 20 Leute bei uns, die Schlamm geschippt haben, als gäbe es kein Morgen. Von offizieller Seite kam dagegen nicht viel Hilfe.“ Auch wenn sie derzeit noch „mit Bauarbeiten in mehreren Häusern alle Hände voll zu tun“ habe, will Schneider nicht meckern. Sie sagt in Anlehnung an Noch-Bundeskanzlerin Angelika Merkel: „Wir sind Bad Neuenahrer, wir schaffen das!“