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Ein Anwohner aus Bad Neuenahr-Ahrweiler berichtet: „Was ist aus unserem Bad Neuenahr geworden“

Ein Anwohner aus Bad Neuenahr-Ahrweiler berichtet : „Was ist aus unserem Bad Neuenahr geworden“

Rund 1700 Haushalte haben im Ahrtal nach wie vor keinen Strom – zumindest Brauchwasser gibt es wieder im Stadtgebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler südlich der Ahr. Ein Anwohner berichtet aus dem Krisengebiet.

Seit 16 Tagen kein Strom, seit 16 Tagen kein Licht, seit 16 Tagen kein Kühlschrank, kein Herd, keine Kaffeemaschine, kein Staubsauger. Gott sei Dank ist nach Abrücken des schleswig-holsteinischen DRK an der südlichen Kurgartenstraße eine von einem THW-Generator versorgte Kabeltrommel liegengeblieben und spendet Strom: Handys und Notebook können weiter geladen werden. Wenigstens das. Einer hat sogar seinen Akku-Staubsauger und seinen Rasierapparat dort angeschlossen.

Auch wenn man durch die dicht vorbeifahrenden Schwerlast- und Baufahrzeuge in dichten, einem schier den Atem nehmenden, Staubwolken eingehüllt dort sitzt: Hauptsache ist, dass der Kommunikationsstrang via Smartphone aufrecht erhalten bleibt.

Nun grassiert die Befürchtung, die Kabeltrommel könnte schon bald ebenso verschwinden wie das DRK, das in den vergangenen Tagen abends warmes Essen ausgegeben hat.

Nachts bleiben weite Teile der Stadt im Dunkeln

Rund 1700 Haushalte sind derzeit nach wie vor nicht mit Strom versorgt. Nachts bleiben weite Teile der Stadt im Dunkeln. Man geht mit Einbruch der Düsternis ins Bett und wacht mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Wenigstens Brauchwasser gibt es wieder. Der Gang mit Eimern und Gießkannen zur nächsten Wasserstation kann also entfallen: Die Klospülung funktioniert inzwischen so, als wäre am 15. Juli nix passiert. Das ist aber auch das einzige. Ein Hubschrauber-Pilot ruft an und erklärt, am Bad Neuenahrer Flugplatz seien Nahrungsmittel und Hygieneartikel gelagert. Er könne zwar fliegen, aber nicht fahren – und auch schlecht an der südlichen Kurgartenstraße landen. Irgendwie wird es noch klappen, die Lebensmittel auf die Südseite der Ahr zu bekommen.

Alle Hoffnungen ruhen ohnehin derzeit auf der provisorischen Brücke, die sich an der Landgrafenstraße der Vollendung nähert. Das Bauwerk selbst steht, die Zuwegungen, die Auf- und Abfahren, müssen aber noch bewerkstelligt werden. Sobald das Bauwerk befahrbar sein wird, können die Lebensmittelgeschäfte auf der nördlichen Ahrseite wieder erreicht werden – sofern sie geöffnet haben.

Die Klink Niederrhein hat derweil die Versorgungslücken an der südlichen Kurgartenstraße geschlossen. Ab 16 Uhr gibt es dort seit Freitagnachmittag warmes Essen. Und Insider wissen inzwischen auch: Seit Freitagmorgen wird dort ein Frühstücksbüfett aufgebaut. Endlich keine Wurst aus Dosen, endlich kein Gummibrötchen, endlich frischer Käse, endlich feinster Filterkaffee, endlich wohlriechende Butter, endlich ein Frühstück nicht im Freien in Staub und Dreck, endlich eine saubere, gepflegte, freundliche Atmosphäre. Endlich, endlich, endlich.

Das Personal der auf Stoffwechsel- und Tumorerkrankungen spezialisierten, derzeit allerdings evakuierten Klinik, ist so freundlich und hilfsbereit, wie man es eigentlich nur von der Belegschaft eines Nobelhotels erwarten kann. Vorbildlich. „Unbezahlbar“, meint ein Besucher. Sogar im Wortsinn hat er recht. Geld wird keines genommen.

Die Anwohner räumen nun nach und nach ihre Keller aus

An den Straßenrändern türmen sich derweil neue Sperrmüll- und Schutthalden. Längst ist noch nicht alles entfernt. Nicht jeder konnte seinen Keller oder das überflutete Wohnzimmer bislang räumen. Nach und nach geschieht dies jetzt. „Abenteuer einer Rettung“ lautet der Titel eines am Straßenrand liegenden Heftchens, das aus irgendwelchen Tiefen irgendeines Kellers ans Tageslicht befördert wurde. Auch wenn die unmittelbaren Rettungsaktionen, bei denen es um Menschenleben ging, abgeschlossen sind, so bleibt weiterhin das Abenteuer, ohne Strom und ohne Trinkwasser zu leben. Hoffentlich nicht mehr lange.

Die eigene verstaubte Wohnung, das verdreckte Umfeld, die zerstörte Landschaft, der Baulärm, der Krach der in der Nachbarschaft dröhnenden Generatoren: So langsam schlägt alles aufs Gemüt. „Was ist nur aus unserem schönen Bad Neuenahr geworden“, sagt eine ihren Rollator vor sich hinschiebende betagte Frau und blickt fragend in die nahe Zukunft: „Wie soll es bloß werden?“