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Situationsbericht aus Bad Neuenahr: Wenige Lichtblicke im Trümmerland

Situationsbericht aus Bad Neuenahr : Wenige Lichtblicke im Trümmerland

Für Unterstraße und Mittelstraße in Bad Neuenahr soll es angeblich erst in drei Wochen wieder Strom geben. Doch stimmen die Gerüchte, die Flut-Betroffene am Frühstücksbüfett der Klinik Niederrhein austauschen? Die vage Hoffnung bleibt, dass vielleicht doch „schon“ in den nächsten Tagen Strom aus den Steckdosen kommt.

„Wie soll das alles jetzt weitergehen? Wann gibt es wieder Strom, wann Trinkwasser? Welche Straßenverbindungen sind intakt, welche nicht?“ – Wenn man als Bewohner der südlich der Ahr gelegenen Straßenzüge die Gastfreundschaft der Klinik Niederrhein an der Hochstraße genießt, die allmorgendlich zum Frühstücksbüffet lädt und den betroffenen Bürgern damit eine wichtige Anlaufstelle bietet, dann ist man schnell einem Bombardement von vielen, sehr berechtigten Fragen ausgesetzt. Grund ist die unzuverlässige Informationslage.

Für die Unterstraße und Mittelstraße soll es angeblich erst in drei Wochen wieder Strom geben, weiß ein Gast im Frühstücksraum, und beruft sich auf angebliche Aussagen des städtischen Energieversorgers, der Ahrtal-Werke. Kommt es so, wäre dieser Straßenzug dann sechs Wochen lang ohne jede Stromversorgung gewesen. Versuche des General-Anzeigers, eine Klärung herbeizuführen, gehen ins Leere. Schließlich sind die Ahrtal-Werke selbst Opfer der Flutwelle geworden. Schwierig, da eine gesicherte Information zu bekommen.

Also bleibt die vage Hoffnung, dass vielleicht dann doch „schon“ in den nächsten Tagen Strom aus den Steckdosen kommt. Nach nunmehr 20 Tagen Minimalisten-Camping in der eigenen Wohnung ein nachvollziehbarer Wunsch.

Es reicht jetzt einfach

Kein Mensch hat mehr Lust, sich nach Einbruch der Dunkelheit nur noch mit der Taschenlampe in den eigenen vier Wänden bewegen, sich nicht duschen zu können, keine Lampe anschalten, keinen Kühlschrank, Fernseher, eine Kaffeemaschine oder Staubsauger in Betrieb nehmen zu können. Es reicht jetzt einfach. Regen hat eingesetzt, die Straßen sind wieder verschlammt. Es ist mühsam, sich auf dem glitschigen Boden dicht neben den vorbeidonnernden Lastern, Baggern und Schleppern zu bewegen. Wenigstens hat der Regen den durch die Straßen wabernden und sich in allen Poren festsetzenden Staub zumindest für ein paar Stunden gebändigt. Lang ist die Schlange an einem privaten Stand, an dem ein Wok in Betrieb ist, in dem ein chinesisches Nudelgericht dampft.

Kein Wunder: Das DRK ist abgerückt, wann, wo und wie es im Viertel wieder etwas zu essen gibt: Keiner weiß es. Vielleicht die 200 Landes-Logistiker, die im Krisenstab schalten und walten. Die Bevölkerung jedenfalls ist nicht informiert. 10 000 warme Essen sollen fortan täglich auf dem Haribo-Gelände in der Grafschaft gekocht werden. Wie die dann nach Bad Neuenahr-Ahrweiler gelangen und wo sie wie verteilt werden: Null-Information. Also: lieber mal vorsichtshalber den Wok-Stand belagern.

Frage der Schuldzuweisung wird diskutiert

Reichlich voll gelagert ist inzwischen auch der Korb mit Schmutzwäsche. Freunde aus dem benachbarten Nordrhein-Westfalen nehmen an der Landesgrenze zwei Wäschekörbe mit staubverseuchten Kleidungsstücken in Empfang, gleichzeitig sind sie so freundlich und laden zwei Akkusauger auf, die sogar wieder aus dem NRW-Land abgeholt werden können, da die Piusbrücke nun auch für Nichtrettungskräfte freigegeben und befahrbar ist und einer fröhlichen Fahrt auf die andere Ahrseite mit Anbindung nach Bonn nichts mehr im Wege steht. Erst recht nicht, wenn im Laufe der Woche die vom THW gebaute Landgrafenbrücke in Betrieb genommen werden kann. Lichtblicke im Trümmerland.

Und klar: Ob im Frühstücksraum oder am Wok-Stand, überall wird die Frage der Schuldzuweisung diskutiert. Schnell wird die „mediale Personalisierung“ aufgegriffen: Der Landrat ist schuld. Und schnell erinnert man sich an Adolf Sauerland, den Duisburger Oberbürgermeister, der in Folge der dramatischen und tragischen Ereignisse bei der Loveparade 2010 zurücktreten musste, obwohl gegen ihn nie staatsanwaltschaftlich ermittelt wurde und er spätestens seit 2015 auch juristisch als vollumfänglich rehabilitiert gilt. In den sozialen Medien produzieren sich dessen ungeachtet seit Tagen zahllose „Fachleute“, die selbstverständlich „genau wissen“, wie sich der „Sachverhalt darstellt“ und dass man selbstverständlich wissen konnte, dass ein Ahr-Tsunami auf einer Breite von je 300 Metern rechts und links vom Ufer auf die Städte und Gemeinden zurollt. Vielleicht ist es angebracht, zunächst einmal in Ruhe die erforderliche Aufklärungsarbeit zu leisten und die erforderliche Sachlichkeit einkehren zu lassen.

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