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Gesichter aus der Region: Wie Betroffene und Helfer die Flutkatastrophe erlebt haben

Gesichter aus der Region : Wie Betroffene und Helfer die Flutkatastrophe erlebt haben

Tausende Menschen haben nach dem Hochwasser alles verloren, die Aufräumarbeiten dauern an. Wie haben Betroffene die Katastrophe erlebt? Wer sind ihre Helfer? Hier kommen einige von ihnen zu Wort.

Die Nacht, als viele Straßen in Bad Neuenahr in den Fluten der Ahr untergingen, wird Verena Zaschke (46) niemals mehr vergessen. „Es war gegen Mitternacht, mein Mann und ich wollten gerade ins Bett gehen, als es draußen plötzlich total laut wurde“, erinnert sie sich. Der Blick aus dem Fenster im ersten Stock ihres Hauses an der Antoniusstraße ließ das Ehepaar erstarren. „Das Wasser schoss in die Keller und stieg in Sekundenschnelle. Autos schlugen gegen Hauswände, auch Baumstämme.“ Verena Zaschke und ihr Mann weckten die beiden Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, und flüchteten ein Stockwerk höher. Da stand das Wasser bereits knapp unter ihrem Balkon. Das Erdgeschoss, in dem die verstorbene Großmutter gewohnt hat und jetzt als Wohnung für ihre Eltern hergerichtet werden sollte, war komplett überflutet. Der Familie blieb nichts als warten. „Wir haben Teelichter angezündet, es war ja stockdunkel.“ Erst am nächsten Nachmittag konnten sie das Haus verlassen. Eine Tante aus Beuel holte die Kinder ab. Bei ihr ist inzwischen die ganze Familie untergekommen. „Meine Tochter will nicht mehr in die Wohnung zurück, sie ist traumatisiert.“ Das Kind bekomme jetzt psychologische Unterstützung. Verena Zaschke ist sich bewusst: „Wir sind nochmal mit einem blauen Auge davongekommen. Andere hat es viel, viel schlimmer erwischt.“

   Elke Artelt
Elke Artelt Foto: Jörg Manhold

Elke Artelt wohnt in der Kölner Straße in Heimerzheim im ersten Stockwerk. Die Flut schnitt ihr den Fluchtweg ab. Das Wasser erreichte zwar nicht ihre Wohnung, aber sie saß nach der Überschwemmung 24 ohne Strom, Telefon und Nachrichten in ihrer Wohnung. Am Abend wurde sie mit einem Rettungsboot des Technischen Hilfswerkes ausgeschifft.

   Edeltraud und Heinz Michaelis
Edeltraud und Heinz Michaelis Foto: Jörg Manhold

Edeltraud und Heinz Michaelis mussten nach der Evakuierungsanordnung ihr Haus im Odendorfer Köpengarten verlassen. Sie wurden zunächst in die Turnhalle von Heimerzheim gebracht und konnten später in ein Hotel nach Troisdorf. Sie waren überglücklich über die erfahrene Hilfsbereitschaft. Erst am Montag konnten sie wieder zurück in ihr Haus.

 Maria Peters
Maria Peters Foto: Axel Vogel

Für den 19 Jahren alten David Krebs-Rahi aus Witterschlick ist Maria Peters seine „Unwetterheldin“. In der Nacht des Unwetters war Krebs-Rahis BMW quasi vor dem Haus der 84-jährigen Peters in Ludendorf im Wortsinne „abgesoffen“. In seiner Not und völlig durchnässt wusste der junge Mann nicht wohin. Doch er fand Zuflucht im Haus der Seniorin – und durfte dort die Nacht über bleiben, obwohl Maria Peters selbst große Sorge hatte: Ihr Keller stand unter Wasser. Trotzdem für Peters selbstverständlich: „Ich helfe immer gerne und hatte in dem Fall keine Hemmungen.“ Damit war ihre Hilfsbereitschaft keineswegs erschöpft: Einer Mutter mit ihrer zehnjährigen Tochter gewährte sie ebenfalls Unwetterasyl.

   Siegfried Richter
Siegfried Richter Foto: Jörg Manhold

Siegfried Richter ist Anwohner der Vorgebirgsstraße in Heimerzheim und erlitt das Schicksal vieler in dem Swistort. Der Bach wurde zu einem reißenden Fluss und überschwemmte Keller und das Erdgeschoss. Alle Möbel und Habseligkeiten wurden unbrauchbar. Sein Glück: Er hat viele Freunde, die vorbeikamen und mit anpackten.

   Edmund Zock
Edmund Zock Foto: Axel Vogel

Vor der Flutkatastrophe hätte man gesagt, Edmund Zock wohnt schön: Nur eine schmale Straße trennen sein Haus in Heimerzheim vom Swistbach. Doch am Mittwoch vergangener Woche änderte sich das jäh. „Unser Untermieter in der Kellerwohnung ist wachgeworden, weil das Wasser aus den Steckdosen kam. Er hat dann sofort meine Schwester im Erdgeschoss geweckt. Fünf Minuten später wären sie ertrunken“, schildert Zock. Er ist unendlich dankbar dafür, dass viele Arbeitskollegen und Freiwillige sofort zur Stelle waren, um zu helfen. „Sie haben gepuckelt, dass ich dachte, die kriegen einen Herzinfarkt. Man selber steht neben sich und weiß gar nicht, wo man anfangen soll“, sagt er. In Keller, Erdgeschoss und Garage musste die Familie so gut wie alles wegwerfen. Nur im Garten stehen noch ein paar wenige Dinge, die vielleicht noch zu retten sind – wie ein paar Skier. „Als ich am Wochenende das erste Mal den Löffel in eine Dosensuppe gesteckt hab, kamen mir die Tränen. Nicht, weil es was zu essen gab, sondern weil die Hilfsbereitschaft so groß ist“, sagt der sichtlich mitgenommene Heimerzheimer.

   Bernd Hüls
Bernd Hüls Foto: Jörg Manhold

Bernd Hüls ist Feuerwehrmann aus Königswinter. Er half mit seinem Gerätewagen und einer starken Pumpe, überschwemmte Keller in Rheinbach zu leeren. Dabei war das gar nicht so einfach, die Schläuche so zu verlegen, dass sie sicher saugen können, ohne dass sie verstopfen. Pro Keller brauchten die Helfer schon mal vier Stunden. Dann zogen sie weiter zum nächsten Haus.

   Samira Kerner
Samira Kerner Foto: Jörg Manhold

Arwed Presuhn, Anja Kerner und Samira Kerner waren froh, als sie nach Aufhebung der Evakuierungsanordnung wieder zu ihrer Tankstelle nach Odendorf zurückkehren durften. Dort wartete viel Arbeit auf sie, denn der Schlamm hatte sich rund um die Zapfsäulen und im Verkaufsraum zentimeterdick breitgemacht.

   Thomas Graf       und Stefan Mayer
Thomas Graf und Stefan Mayer Foto: Stefan Mayer (rechts) und Thomas Graf/Axel Vogel

Die Heimerzheimer Stefan Mayer und Thomas Graf sind vom Hochwasser verschont geblieben. Angesichts der Lage in ihrem Dorf, wollten sich aber nicht darauf verlassen, dass irgendwann Hilfe kommt. Am Freitag nach der Flut, 23.30 Uhr, fiel die Entscheidung zur Nachbarschaftshilfe. Angefangen hat die Gruppe vor der Bücherei St. Kunibert mit einer Bierzeltgarnitur und Klebezetteln. „Mittlerweile können wir das halbe Dorf versorgen“, sagt Mayer umringt von Spenden wie Wasserflaschen, Obst, Handschuhen und Arbeitsgerät. „Wir müssen schon gar nicht mehr anfragen, die Spenden finden uns auch so“, freut sich Mayer. Nachbar Viktor Kaiser regelt den Verkehr – zunächst auf Eigeninitiative, mittlerweile mit Zustimmung der Gemeinde. Zur Hauptaufgabe hat die Gruppe es sich aber gemacht, Hilfesuchende und Helfer zu vermitteln. In einem Ordner haben sie übersichtlich auf mehreren Seiten notiert, wer wo Unterstützung braucht. „Viele kommen von außerhalb, um zu helfen. Wir hatten Leute aus Erftstadt, Hürth, Köln, Düren, Bremen und Lettland“, berichtet Mayer. Hat keiner mehr Angst vor Corona? „Corona ist gefühlt weg. Die Priorität ist verschoben. Hier geht es gerade viel greifbarer ums Überleben.“

   Nicolas Henriksson   (links) und seine Begleiter
Nicolas Henriksson (links) und seine Begleiter Foto: privat

Vielleicht liegt Helfen Nicolas Henriksson einfach: Hauptberuflich organisiert er Hilfs- und Umweltprojekte in Dritte-Welt-Ländern. Vom Unwetter ist der Bonner selbst verschont geblieben. „Aber ich konnte dann nicht sagen: Bei uns ist der Keller nicht vollgelaufen, jetzt schmeißen wir den Grill an.“ Am Wochenende setzte er sich deswegen mit Freunden ins Auto, um im Ahrtal zu helfen. „Immer, wenn wir ältere Leute gesehen haben, haben wir unsere Hilfe angeboten“, sagt der 24-Jährige. Die Strategie ging auf: Viele waren froh, dass ihnen jemand die kaputte Waschmaschine aus dem Keller trug. Und ansonsten hieß es: Schlammschippen. Für ihn sei sein Einsatz auch eine Erfahrung, die Sympathie und Mitgefühl aufbaut und ihn lehrt, mit Katastrophen umzugehen. Inmitten des Elends sei es den Helfern immer wieder gelungen, auch für die Betroffenen kleine Glücksmomente zu schaffen. „Es ist die Kunst – und die Krux – vor Ort die Stimmung zu heben“, sagt er. „Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass wir am Abend nach Bonn zurückkommen, zu Dusche, sauberem Bett und warmer Mahlzeit, während die Menschen da seit einer Woche ohne Abwasser ins selbe Klo machen. Das macht mir schon zu schaffen.“

   Jannik Weber
Jannik Weber Foto: privat

Jannik Weber wurde eher zufällig zum Helfer. Als eine Bekannte auf Facebook Unterstützung für betroffene Freunde in der Ahrweiler Altstadt suchte, warf er am Samstag seine Freizeitpläne über den Haufen und schloss sich der Gruppe an. Als sie mit dem Haus der Freunde fertig waren, kam es dem 27-Jährigen aber nicht richtig vor, direkt wieder nach Hause zu fahren. Also zog die Gruppe weiter zu den nächsten Menschen, die Hilfe brauchen konnten. Am Sonntag kehrte Weber zurück und räumte mit einem 66-jährigen Weinhändler dessen Laden aus. „Zwei Lockdowns hat er überstanden – und dann das. Er hat keine Ahnung, ob er sich davon nochmal erholen kann. Ich persönlich wüsste auch nicht, ob ich hier überhaupt nochmal einen Laden eröffnen würde. Es weiß ja niemand, ob sich das nicht wiederholt.“ Wein im Wert von rund 10 000 Euro haben sie an diesem Tag wegwerfen müssen. Einen Teil konnten sie verschenken. „Aber die Leute wollen im Moment dann doch lieber Brot statt Wein.“

   A. Van Weerelt, S. Klinghammer
A. Van Weerelt, S. Klinghammer Foto: Nils Rüdel

Annebet Van Weerelt, 52, und Sarah Klinghammer, 43, sind Freundinnen – und gemeinsam packen sie als private Helferinnen in den verwüsteten Orten im Ahrkreis mit an. Van Weerelt ist Niederländerin, Klinghammer wuchs in Nigeria auf, lebt seit 21 Jahren in der Region und arbeitet für die UN. Die beiden kennen sich von der Bonn International School und gehen jede zweite Woche gemeinsam an der Ahr wandern, wie die Niederländerin erzählt. „Und wenn wir nun schon nicht wandern können, dann können wir wenigstens helfen“, sagt sie. „So können wir auch etwas zurückgeben.“ Die beiden waren schon mehrfach mit dem Helfer-Shuttle von Grafschaft aus ins Katastrophengebiet unterwegs, wo sie gemeinsam mit den betroffenen Hausbewohnern schleppen, fegen und säubern. „Es ist furchtbar“, sagt Klinghammer über ihre Eindrücke von Ahrtal, „wie in einem Kriegsgebiet“. Eine Frau, die bei der Flutwelle beinahe ertrunken ist, wollen sie bald wieder besuchen. „Die Leute brauchen einfach Hilfe“, sagt Van Weerelt.