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Zwölf Brücken, ein Kloster und ein Bunker: Winterwanderung auf dem Ahrsteig

Zwölf Brücken, ein Kloster und ein Bunker : Winterwanderung auf dem Ahrsteig

Volontär Simun Sustic trotzt winterlichen Temperaturen und entdeckt die vielseitige Etappe sechs des Ahrsteigs. Er stellt fest: Ein Winzer muss hier schwindelfrei sein.

Über zwölf Brücken musst du gehen, um Etappe Nummer sechs zu überstehen. Peter Maffay kannte den Ahrsteig vermutlich nicht, als er seinen Chart-Hit sang, und auch mir sagte er bis vor kurzem wenig. Als Neu-Bonner und Volontär beim GA mit erster Station im Ahrgebiet zögere ich nicht lange. „Hast du Lust, wandern zu gehen?”, lautet die Frage aus der Redaktion.

Klar, ich bin dabei. Der Fotograf und ich treffen uns am Wanderparkplatz im von Bad Neuenahr-Ahrweiler westlich gelegenen Ortsteil Walporzheim. Er stammt selbst von hier, kennt sich bestens aus. Zu meinem Vorteil, denn er wird mir später noch einiges zeigen können. Los geht es über einen schlammigen und rutschigen Weg entlang der Ahr. Wenngleich der Januar nicht zwingend der dankbarste aller Wandermonate ist, so habe ich doch den schönsten Tag ergattert.

Aber geregnet hat es. Die Route ist nichts für Wankelmütige: Spätestens beim ersten, schmalen Aufstieg heißt es Contenance bewahren, um nicht den steilen Hang hinunter zu purzeln. Der Fotograf ist schneller und sicherer als ich. Kein Wunder: „Ich bin hier früher mit dem Rennrad runtergeheizt. Dass die dünnen Reifen einen jeden Stein haben spüren lassen, war mir egal.” Wir überqueren mehrere kleine Holzbrücken, die uns über den Wingsbach führen.

Kloster wurde 1838 als Konvent der Ursulinen gegründet

Vom Parkplatz Quarzkaul geht es zum ersten Blickfang: dem ehemaligen Kloster Calvarienberg. Dieses wurde 1838 als Konvent der Ursulinen, eines Nonnenordens, gegründet. Seit 2017 ist das Kloster als solches aus verschiedenen Gründen geschlossen. Die Nonnen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen zu erziehen und zu bilden, und so ging aus dem Kloster ein Gymnasium und eine Realschule für Mädchen hervor.

Seit 1997 nimmt das Gymnasium auch Jungen auf, seit 2017 ist es nach Schließung des Klosters durch eine Stiftung geführt. Von hier aus präsentiert sich das Ahrtal das erste Mal im breiten Panorama. Man sieht von weitem bereits die Sehenswürdigkeiten Ahrweilers: die St. Laurentius-Kirche, die älteste Hallenkirche des Rheinlandes. Das Ahrtor, ein geschütztes Kulturdenkmal. Die Römer-Villa, ein antiker römischer Gutshof. Und die nicht fertiggestellte Eisenbahnstrecke, welche in den ehemaligen Regierungsbunker oberhalb der Weinlage Marienthal mündet. Als jemand, der an dem ebenfalls beliebten Wandersteig im Rothaargebirge aufwuchs, sind mir Berge nicht neu. Aber Weinberge, die gleich ein ganzes Tal umschließen, verblüffen mich. Wie schade, dass nicht Spätsommer ist.

Es geht wieder in den feuchten, kühlen Wald. Hoch gewachsene, massive Nadelbäume umringen den Wanderweg. Nach einem Abstieg in Zick-Zack-Form ist Ahrweiler erreicht. Ich streife den Ort lediglich, laufe an vorstädtisch anmutenden Einfamilienhäusern vorbei.

Die Reben blicken fast etwas traurig drein

Nach wenigen hundert Metern geht es über einen sehr engen, steilen Pfad direkt neben einem Wohnhaus wieder aufwärts. Man findet sich in einer weiteren Weinlage wieder, der Steinkaul. Viele Winzer sind hier nicht anzutreffen. Die vielen tausend Reben blicken fast etwas traurig drein. Klar, es ist Winter. Dafür können ja die Weinstöcke nichts.

Es geht etappenweise geradeaus und bergauf im Wechsel. Vorbei an Weingütern, leeren Pferdekoppeln, nochmal Weingütern, vereinzelten Spaziergängern und, was wohl – wieder Weingütern. Zwei Frauen aus Bachem führen einen Labrador aus, erzählen von mindestens 20 Touren über den gesamten Ahrsteig. Nicht schlecht, das sind umgerechnet immerhin 2000 Kilometer Strecke. Oder drei Millionen Schritte. Der beste Abschnitt sei der fast alpine, herausfordernde Teil zwischen Ahrbrück und Rech, versichern sie mir.

In so einer Zeit ist es still im Wald. Mal ein Vogelkrächzen, mal nur das Rauschen der Ahr, die während meines Aufstiegs wieder zu mir gefunden hat. Unterhalb einer Straße dann die Zäsur: es geht endlich bergab. Und zwar über einen steilen Trampelpfad, mitten in das Bachemer Tal. Wenn nicht gerade eine Pandemie ihren dunklen Schleier über die Welt der Kultur legt, hallen hier die Stimmen des Bachemer Männerchors durch den Wald. Davon zeugt ihre Schutzhütte, mitten in der Idylle des Waldes gelegen. Noch 6,3 Kilometer bis Bad Neuenahr.

Am Fuße des Berges befindet sich eine kleine Ruhestätte: die Lourdes-Kapelle. Ein winziger Backsteinbau mit einem entsprechend hohen Glockenturm. Marienbilder und zahlreiche Kerzen schmücken das dunkle Innere des Gotteshauses, welches gerade so genug Platz für eine Handvoll stiller Pilger bietet. Vor dem Eingang friemelt ein Fahrradfahrer in neongrüner Weste seine Kopfhörer aus den Ohren. Ich frage ihn, was ihm am Ahrsteig am meisten gefällt. „Boah, alles ist schön, wenn man sich für die Natur begeistert. Unser Wandersteig ist ein schönes Fleckchen Erde.”

Nach einem kurzen Moment der Ruhe geht die Reise weiter. Allerdings in die falsche Richtung. Da der Ahrsteig an keiner Gabelung Gelegenheit bietet, falsch abzubiegen, schaue ich wohl gar nicht mehr auf die Schilder und marschiere wie selbstverständlich geradeaus. Irgendwann dämmert mir, dass ich meine Route verlassen habe. Zu meinem Glück weisen mir zwei hilfsbereite Senioren den Weg. Ich habe einen ganz schönen Umweg gemacht. Anderthalb Stunden habe ich verloren. Doch nachdem es eine ganze Weile wieder bergauf ging, entschädigt der Ausblick für die Mühen: Von einer Lichtung erblicke ich die imposanten Steilhänge Bachems.

Kilometerweiter Blick bis nach Bad Neuenahr

Ein Winzer muss hier schwindelfrei sein, scheint mir, und dazu am besten ein geübter Bergsteiger. Viele Höhenmeter trennen mich vom Bachemer Tal. Bis nach Bad Neuenahr kann ich von hier aus blicken, kilometerweit.

Nachdem ich dort schließlich am Ziel meiner schleifenförmigen Route vom West- zum Ostend der Stadt angekommen bin, weiß ich, was ich nun brauche, um den Abend gebührend seinem Ende zuzuführen: ein kühles Glas vom Rebensaft.

Damit ist ein unterhaltsamer Wandertag im Ahrtal zu Ende gegangen. Und ich bin um einige schöne Eindrücke reicher.