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Bad Neuenahr-Ahrweiler: Evakuierung und Notunterkünfte: „Wir haben gar nichts mehr“

Bad Neuenahr-Ahrweiler: Evakuierung und Notunterkünfte : „Wir haben gar nichts mehr“

In der Notunterkunft Landskrone in Heimersheim, einem Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, sind derzeit zwischen 200 und 300 Personen untergebracht. Sie alle wurden evakuiert aus ihren Häusern oder von Sammelstellen. Darunter sind viele ältere Menschen. Sie alle sind gezeichnet von ihren schrecklichen Schicksalen.

Eine Frau in gestreiften Leggins läuft am Freitagmittag langsam den kleinen Schotterweg von der Festhalle zum Parkplatz in Heimersheim, einem Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler – in der Hand eine blaue Ikea-Tüte. Darin sind die einzigen, wenigen Sachen, die ihr geblieben sind. Sie versucht die Fassung zu bewahren. Es gelingt ihr nicht. Sie sagt nur: „Wir haben gar nichts mehr.“ Die Frau und ihr Mann, auch noch in Pyjama-Hosen, wollen Ihren Namen nicht nennen. Sie kommen aus Bad Neuenahr-Ahrweiler – da wohnten sie zumindest mal. In der Nähe des Casinos steht, oder stand mal, ihr Haus. Seit Freitagnacht 3 Uhr befanden sie sich in der Notunterkunft Landskrone. Jetzt fahren sie mit ihrem Neffen an einen anderen sicheren Ort.

Die Schrecken der Nacht zu Donnerstag werden sie niemals vergessen: „Das Wasser kam in Minuten.“ Am Donnerstagmorgen brachten sie sich bei Freunden, in einer höher gelegenen Wohnung, in Sicherheit und wurden in der Nacht gegen 22 Uhr von dort evakuiert. Fünf Stunden später kamen sie in der Notunterbringung, der Festhalle Landskrone, an. „Die ganze Evakuierung ist unglaublich schrecklich abgelaufen. Der Transport war eine Zumutung.“ Unverständnis haben sie auch für die Ereignisse in der Katastrophennacht. Die Feuerwehr habe zwar abends Warnung gegeben, aber nur für die andere Straßenseite. Doch in Sicherheit waren sie in ihrer Wohnung nicht. Die Erleichterung, dass sie noch leben, ist groß. „Unsere Nachbarn sind tot.“ Das Schlimmste aber war für sie, dass sie noch in der Katastrophennacht Leute beobachtet haben, die zum Plündern kamen. Die Polizei habe sie aber gestellt.

Oben auf der Anhöhe vor der Festhalle stehen etwa 30 weitere Gerettete in der Schlange für die Essensausgabe. Darunter auch die Großfamilie Cottier aus der Mittelstraße in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Urgroßmutter, Großeltern, eine sechsjährige Enkelin und der Hund Teddy. Die Mutter hat sich samt dem zweijährigen Enkel in Meckenheim bei Freunden einquartiert. Die Familie geht davon aus, dass sie noch einige Tage in der Notunterkunft verbringen wird. Frische Kleidung für die Enkelin haben die Hilfskräfte vor Ort gestellt: rosa Turnschuhe und ein Hello-Kitty Shirt. Die Kleine wollte nicht von der Seite ihrer „allerbesten Oma“ weichen.

Was die Familie über die Rettungsnacht und die Evakuierung berichtet, ähnelt den Schilderungen des Ehepaares. Oma Dianne Cottier erzählt: „Wir waren am Mittwochabend noch am Casino unterwegs die Ahr angucken und sind dann zurück gerannt. Um 0.30 Uhr war das Wasser schon auf der Treppe zum ersten Stock.“ Cottier ist noch in die „Fluten gesprungen, um das Handy zu sichern“. Die Uroma habe die wichtigsten Sachen, unter anderem Papiere und Wechsel-Kleider für die Urenkelin, rausgelegt – sie wohnte im Erdgeschoss. Die Wassermassen seien aber so schnell gekommen, dass es ihr nicht mehr gelang, die Sachen zu greifen: „In drei Minuten war das Erdgeschoss vollgelaufen“, erzählt Cottier. Gemeinsam haben sie sich in die höheren Stockwerke gerettet. Nachdem sie mehrere Stunden dort ausgeharrt hatten, gab es einen Aufruf, zur Sammelstelle in der Stadtbibliothek zu kommen. Dorthin gelangte die Familie zu Fuß. Später evakuierte die Bundeswehr diese Sammelstelle. Darüber sagt Dianne Cottier: „Es war furchtbar, gerade für die alten Leute. Wie ein Viehtransport war es.“ Warum die Bundeswehr keine Busse stellen konnte, ist für sie unbegreiflich.

In der Halle sitzen etliche Menschen auf Stühlen oder liegen auf Isomatten. Ihre Haltung, die fahlen Gesichter – sie sprechen Bände. Ein Polizist kann nur schätzen, dass hier aktuell zwischen 200 und 300 Menschen untergebracht sind. Er schätzt, dass die Notunterkunft mindestens noch für weitere drei bis vier Tage bestehen bleibt. Hier gibt es immerhin Essen, frische Kleidung und Strom für die Geretteten, unter denen auffällig viele ältere Menschen sind. Viele von Ihnen sind sprachlos.

Ein winzig kleiner Hoffnungsschimmer am Mittag unten auf dem Parkplatz: Patrick Schneider steht vor einem Lkw der Firma „Schlagwein und Taglieri“, wo er angestellt ist. „Mein Chef kommt aus dem Dorf, wohnt aber zum Glück weiter oben am Berg. Wir helfen heute alle den Anwohnern beim Ausräumen der Häuser und beim Abtransport des Schutts.“