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Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler spricht über die Lage der Stadt

Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler : „Wir wollen unsere Heimat wieder aufbauen“

Bad Neuenahr-Ahrweilers Bürgermeister Guido Orthen spricht über die Lage in der Stadt nach der Flutkatastrophe - wie viele Menschen betroffen sind und wie die Versorgung funktioniert.

 „Trotz aller Sorgen und Nöte ist es uns jetzt in der momentanen Situation sehr wichtig, deutlich zu machen, wie dankbar wir für die überwältigende Unterstützung der zahlreichen Helfer aus dem gesamten Bundesgebiet sind“, sagte der Bürgermeister der stark zerstörten Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, Guido Orthen, am Rande von Aufräumarbeiten nach der Flutkatastrophe im Ahrtal. Eine Katastrophe dieses Ausmaßes sei ohne diese ehrenamtliche Hilfe nicht einmal ansatzweise beherrschbar. „Im Angesicht der umfassenden Schäden im gesamten Ahrtal wäre ohne diese unglaublich bemerkenswerte und selbstlose Unterstützung sowie die gegenseitige Hilfeleistung der Menschen im Tal an die bereits erreichten Fortschritte bei der Bewältigung der Katastrophe nicht zu denken. Die hierfür empfundene Dankbarkeit, kann man kaum in Worte fassen“, erklärte Orthen.

Nach wie vor gebe es noch immer eine recht hohe Anzahl an Vermissten. Es sei zu befürchten, dass die Zahl der getöteten Menschen noch steigt. Verlässliche Zahlen könnten daher noch nicht genannt werden.

Koordinierung der Einsatzkräfte und -geräte ist schwierig

Obwohl beim Einsatz der großen Anzahl an Hilfskräften, Einsatzfahrzeugen, Bagger, Raupen, Abschleppwagen, THW-Spezialfahrzeugen, Traktorgespannen hin und wieder der Eindruck entstehe, dass die Rettungs- und Aufräumarbeiten nicht immer sinnvoll koordiniert sind, verweist Orthen dennoch auf die professionellen Rettungsarbeiten, die schnell angelaufen seien. Unbestreitbar habe es bei der Koordination der weiteren Katastrophenschutz- und Aufräumarbeiten Anlaufschwierigkeiten gegeben. Orthen: „Mit Blick auf die Größe und verkehrliche Erschließung des Katastrophengebietes sowie des Umfangs der Schäden ist dies auch nicht überraschend. In den letzten Tagen funktioniert die Abstimmung aber zunehmend besser.“

 An der Wiederherstellung der Strom- und Wasserversorgung in der Stadt werde mit Hochdruck gearbeitet. Aufgrund der immensen Schäden an den Versorgungsnetzten sei eine belastbare Einschätzung, bis wann eine vollständige Versorgung in der Stadt wieder gewährleistet werden kann, nicht möglich.

Wie berichtet, wurden in den vergangenen Tagen mehrfach Gerüchte laut, die Gasversorgung könne auch noch im Herbst oder gar Winter mangelhaft oder vielleicht auch gar nicht gewährleistet sein. Dazu sagte das Stadtoberhaupt: „Auch hier sind die Schäden immens. Bis eine flächendeckende Gasversorgung wieder erfolgen kann, werden Monate vergehen. Ob bis dahin Provisorien eingerichtet werden können, ist in den kommenden Wochen zu prüfen.“                                                                                                                   

Orthen konnte bestätigen, dass durch die Stadt bereits in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli Notunterkünfte in den Dorfgemeinschaftshäusern Gimmigen, Kirchdaun und Ramersbach sowie der Landskroner Festhalle eingerichtet werden konnten.

Versorgungsproblem südlich der Ahr besteht nach wie vor

Diese würden, wie auch die Grundschule Heimersheim, weiterhin von betroffenen Bürgern sowie von Einsatzkräften genutzt. Hinzu seien Unterkunftsmöglichkeiten in Grafschaft-Ringen gekommen, die aktuell durch Kräfte des Katastrophenschutzes genutzt würden. Unzählige Menschen seien zudem bei Verwandten und Freunden in der näheren und weiteren Umgebung untergekommen. Allein in der Stadt sei von rund 25 000 unmittelbar betroffenen Personen auszugehen. Orthen: „Über die Zahl derer, die ihre Wohnungen zumindest vorübergehend verlassen mussten, kann man derzeit nur spekulieren.“

 Zur schlechten Verpflegungssituation der Menschen im südlichen Stadtgebiet – Wadenheim, Beul, unmittelbares Kurgebiet  – sagte Orthen, dass die Versorgung mit Artikeln des täglichen Bedarfs in der Stadt grundsätzlich gesichert sei. Ein Defizit bestehe jedoch in den Bereichen südlich der Ahr, da sich alle Einkaufsmöglichkeiten auf der nördlichen Ahrseite befinden und Alternativen, etwa in der Verbandsgemeinde Brohltal, nicht für alle Menschen erreichbar seien. Orthen: „Eine Ausweitung der Versorgung der Bevölkerungen auch in diesen Bereichen des Katastrophengebietes liegt in der Verantwortlichkeit des Landes.“

Das Land hat in der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung einen Krisenstab eingerichtet, von wo aus die Gesamtkoordination gesteuert wird. Allerdings: bislang für die Menschen südlich des Ahrufers mit mäßigem Erfolg.  Oberste Priorität habe die Wiederherstellung der Ver- und Entsorgungsnetze, also Strom, Wasser, Abwasser, Fernwärme und Gas. Auch die Ertüchtigung der noch vorhandenen Ahrquerung sowie die Errichtung von Notbrücken stehe ganz oben auf der Agenda der Stadt und der aktuell Verantwortlichen. Bund und Land hätten umfangreiche Unterstützung für den Wiederaufbau des Ahrtals in Aussicht gestellt. Orthen: „Wir haben keinen Anlass, an dieser notwendigen Zusage zu zweifeln.“

Errichtung von Notbrücken läuft an

Was die Verbindungen über die Ahr angeht, so liefen derzeit insbesondere Abbruchmaßnahmen sowie die Vorbereitungen für die Errichtung von Notbrücken. Der Bau der Behelfsbrücke an der Landgrafenstraße werde etwa eine Woche dauern und anschließend auch die Nutzung durch schwere Fahrzeuge ermöglichen.

 Orthen verwies für die in Not geratenen Menschen auf die Soforthilfen von Land, Kreis und Stadt, um eine finanzielle Absicherung für kurzfristig notwendige Anschaffungen zu gewährleisten. Klar sei jedoch, dass es sich dabei lediglich um eine erste Hilfe handeln kann. Weitere Hilfsprogramm seien angekündigt und müssen nun auch zügig an den Start gebracht werden. Wie es nun mit dem Wohnungsbau in der ohnehin bislang einem hohen Zuzugsdruck ausgesetzten Stadt weitergehe, vermochte das Stadtoberhaupt angesichts der vielen nun wohnungslos gewordenen Menschen nicht zu sagen. „Für eine belastbare Einschätzung ist es noch zu früh. Klar ist aber, dass eine Vielzahl von Wohnungen im gesamten Stadtgebiet – mindestens vorübergehend – nicht bewohnbar sein werden. Dies wird zwangsläufig dazu führen, dass Bürger vorübergehend außerhalb der Stadt werden wohnen müssen“, so Orthen. 

Wiederaufbau der Kulturlandschaft ist das langfristige Ziel

Das Ahrtal bleibe allen derzeitigen Katastrophenszenarien zum Trotz eine einzigartige Kulturlandschaft mit gastfreundlichen und herzlichen Menschen. Auch wenn selbstverständlich auch die touristische Infrastruktur schwerste Schäden genommen habe, würden die Menschen im Tal alles daransetzen, so bald wie möglich den Wiederaufbau zu beginnen. „Wir wollen unsere Heimat wieder aufbauen“, sagte Guido Orthen. 

Angesichts der weitreichenden Schäden müsse man realistisch davon ausgehen, dass es Jahre dauern werde, bis die Infrastruktur wieder ein Niveau erreicht habe, wie es vor der Katastrophe vorhanden war. Die Unterstützung der Bürger untereinander sei enorm, sagte Orthen. „Unzählige Menschen helfen ihren Nachbarn, Bekannten und Freunden bis zur Erschöpfung. Die Solidarität in der Nachbarschaft, im Ortsteil, in der gesamten Stadt ist überwältigend.“ Ohne diese ausgeprägte Hilfsbereitschaft und gegenseitige Unterstützung sei die Bewältigung der Katastrophe nicht möglich.