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Die Geschichte eines Volksfestes an der Ahr

Bad Neuenahrer Kirmes-Geschichte(n) : Die größte Kirmes im Ahrtal

In Bad Neuenahr findet in diesem Jahr keine Kirmes statt. Das größte Volksfest im Ahrtal musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Viele erinnern sich noch daran, wie man in vergangenen Jahrzehnten dem Rummel in der Bad Neuenahrer Innenstadt mit großer Vorfreude entgegensah.

Herbstzeit – Kirmeszeit, das gilt seit jeher für das Bad Neuenahrer Volksfest, das größte seiner Art im Kreis Ahrweiler. Traditioneller Termin ist rund um das Oktoberwochenende. Diesmal gibt es keine Fahrgeschäfte auf dem Mosdes-Parkplatz, keinen Spießbraten bei der Feuerwehr. Die Kirmes ist wie so viele Veranstaltungen der Pandemie zum Opfer gefallen.

Gewöhnlich präsentieren Schausteller eine Vielzahl an Attraktionen. Fahrgeschäfte sorgen für Nervenkitzel. Man sieht bunte Lichter, Flackern und Glitzer, dazwischen ein Schild „Liebesäpfel und Schokofrüchte“. Es geht eben nicht nur heiß und fettig, sondern auch süß und klebrig. Das war schon immer so, fast immer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten junge Leute bereits Spaß mit der „Raupe“, einer Berg- und Talbahn, Vorgänger der Schmetterlingsbahn. Doch Gertrud Schumacher ging in den späten 1940ern „am liebsten auf das Kettenkarussell“. Von den Anfängen der wiederbelebten Kirmes weiß die Zeitzeugin noch, „dass sie schon Ende der Wendelstraße begann, aber insgesamt alles ganz klein war“. Hans-Jürgen Ritter erinnert sich, wie er als Kind in den 1950ern, „mit großen Augen vor den Fahrgeschäften stand; man versuchte, besonders brav zu sein, um von vielen Verwandten Kirmesgeld zu kriegen“.

Seinerzeit sei es ein Fest für Einheimische gewesen. Die Kirmes wuchs mit den Jahrzehnten, räumlich und zeitlich. Fünf Tage sie seit Jahren vom Fassanstich am Freitag bis zum Höhenfeuerwerk am Dienstag. Schon lange dabei: das Riesenrad. Immer noch gefragt: die Schmetterlingsbahn. Ob sie wollen oder nicht, da kommen die Fahrgäste einander näher. Tempo und Fliehkraft prickeln um die Wette. Kinderkarussells und Autoskooter zählen ebenso zu den Klassikern. Was gab’s an Fahrgeschäften jüngeren Typs? „Octopussy“ ließ die Gondeln an Krakenarme kreiseln. Wagemutige steuerten die Überkopfshcaukel „Intoxx“ an. Aus dem Rennen ist jedoch seit Jahrzehnten die Boxbude, in deren Ring der „Kopfschlächter von der Grafschaft“ gegen den Matador des Budenbesitzers antrat.

Sprung zurück ins Jahr 1910, als die damalige Ahrweiler Zeitung am 8. Oktober berichtet: „Kirmesklimbim an allen Ecken und Enden.“ Von Bäckerjungen ist die Rede, die Streuselkuchen und Torten abliefern, an denen sich der Besuch erquicken soll. Am Nachmittag strömt alles zum Kirmesplatz: „Männlein und Weiblein, vor allem aber die holde Jugend, die ersparten oder freundlich gestifteten Nickel krampfhaft in der Hand haltend. Von weitem schon hört man die große Karussell-Orgel knatschen.“

Seit wann aber feiert man die Kirmes im Ort? Und mit welchem Kirchenpatron ist sie verbunden? Heimatforscher Hans-Jürgen Ritter: „Ich wüsste nicht, dass es irgendwo explizit angesprochen wird“. Da 1875 die Orte Wadenheim, Hemmessen und Beul zur Gemeinde Neuenahr zusammengelegt wurden, die seit 1927 den Bad-Titel trägt, darf man davor gleich drei Kirchweihfeste annehmen. Beul hat mit der Willibrorduskirche ein teils aus dem 13. Jahrhundert stammendes Gotteshaus. Für Wadenheim wird erstmals 1131 eine Kirche erwähnt. Nachfolger war die auf Höhe des alten Rathauses erbaute Josefskapelle, eine Filialkirche von Sankt Willibrord für die Pfarrangehörigen links der Ahr. In Hemmessen ist 1571 eine Antoniuskapelle belegt, die man 1869 abriss, neu erbaute und ihr den heiligen Sebastian als zweiten Schutzpatron zuwies. Hingegen wurde die Josefskapelle 1904 abgerissen, da 1901, ebenfalls links der Ahr, die Rosenkranzkirche fertiggestellt und von da an die neue Hauptkirche der Gemeinde war.

Großes Tanzvergnügen anlässlich der Kirmes

Mit den Patronatsfesten der frühen Gotteshäuser stimmt der Kirmestermin im Oktober nicht überein, allerdings mit dem am 7. Oktober gefeierten Rosenkranzfest, Feiertag der neuen Kirche. 1899 begann ihr Bau. Schon 1891 setzten Verhandlungen ein. Bis 1895 zurück reichen in den Oktober-Ausgaben der Ahrweiler Zeitung die Annoncen für Tanzvergnügen zur Neuenahrer Kirmes. Hans-Jürgen Ritter kann präzisieren, dass die Kirmes ab 1890 im Oktober abgehalten wurde, bis dahin jedoch im November, zum Ende der Kursaison. Mit dieser Terminverschiebung wechselte zugleich der Veranstaltungsort.

Neuenahrer Kirmes, als der Skooter noch „Auto-Selbstfahrer“ hieß. Foto: Martin Gausmann

Mit Musik zogen die Junggesellen durch die Straßen

Ritter fand dazu einen Bericht vom 3. November 1938 über die Kirmes im Ortsteil Beul: „In früheren Jahren, als die Badestadt noch nicht war und man nur die drei kleinen Dörfchen Hemmessen, Wadenheim und Beul kannte, war diese (Beueler) Kirmes schon immer ein gern besuchtes Volksfest. Mit Musik zogen am Morgen die Junggesellen von der alten Kirche aus durch die Straßen und nachmittags leiteten sie gleichfalls durch einen Umzug den Beginn der Tanzmusik ein.“

Zur Beuler Kirmes zogen die Junggesellen also von der Willibrorduskirche aus, und für den heiligen Willibrord zeigt der Heiligenkalender den 7. November als Gedenktag an. Damit scheinen hinreichend Anhaltspunkte gegeben, um festzustellen: Die Neuenahrer Kirmes im Oktober um das Fest der „Jungfrau Maria vom Rosenkranz“ ist an die Rosenkranzkirche gekoppelt. Sie löste die Willibrorduskirche als Hauptkirche ab, an die mit ihrem Patron Willibrordus zuvor das Kirmesgeschehen im November gebunden war.