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Neuer Einsatz für Instrument von Dirk Pollerberg: Ein Flügel für den guten Zweck

Neuer Einsatz für Instrument von Dirk Pollerberg : Ein Flügel für den guten Zweck

Er war bekannt wie ein bunter Hund und mit vielen Talenten gesegnet: 2018 starb der Bad breisiger Musiker Dirk Pollerberg. Der Klavierbauer Adelhard Kraus macht Pollerbergs in die Jahre gekommenes Instrument nun fit für ein neues Leben in der Ukraine.

Das wird gerade sehr vermisst: Flink anberaumte muntere Treffen, die unversehens die Ideen befeuern. Umso mehr berühren in Zeiten der Pandemie wunderbare Geschichten, die zustande kommen, weil Menschen ohne langes Überlegen für eine gute Sache bereitwillig an einem Strang ziehen. So geschehen zur Rettung des Flügels des Bad Breisiger Musikers Dirk Pollerberg.

Nach seinem Tod 2018 kam das Instrument bei Trödelhändler Frank Ewerhardy in der Biergasse unter. Im „schönste Strößje von der Welt“, wie Pollerberg es besungen hatte, war der vieltalentierte promovierte Literaturwissenschaftler auch aufgewachsen. Dass er so musikalisch war, wurde in seiner Heimatstadt besonders beachtet. Als Pianist mit enormem Repertoire bereicherte er die Kultur Niederbreisigs und spielte auch auf der „Schäferhütte“ Oberbreisig. Der Mann mit attestiertem „absolutem Gehör“ komponierte, gab Klavierunterricht, sang im Kirchenchor St. Marien und spielte in der Pfarrkirche die Orgel. Nachdenklich konnte er sein, witzig – nicht nur als Karnevalsprinz – aber auch hitzig.

Liebe zum Beruf und soziale Einstellung

Vom Verbleib des Flügels wusste Leonhard Janta. Unter Freunden kam jüngst zur Sprache, wie schön es wäre, das Instrument, welches so viele Menschen beglückte, wieder spielbar zu machen. Einer, der das professionell beherrscht, ist Adelhard Kraus aus Weibern. Mehr noch, der Klavierbaumeister hat aus Liebe zum Beruf und seiner sozialen Einstellung wegen schon mehrfach Klaviere vermittelt und unentgeltlich überholt, damit sie in der Ukraine zu neuem Leben erwachen.

Sowie er vom Flügel im Trödellager erfuhr, wollte er zur Wiedererweckung beitragen. „Der Dirk war ein Genie mit all seinen Fähigkeiten“, sagt er. „Aber er hat das nicht genug zur Geltung bringen können.“ Denn Geschäftssinn war ihm fremd. Ein „aggressiver Spieler“ sei Pollerberg gewesen. Der Klavierbauer muss es wissen, mehrfach stimmte er ihm den Flügel. „Da waren schon mal mehrere Seiten gerissen“. Janta kennt auch die Anfänge: „1971 bekam Dirk den Flügel Marke Weiss zum Abitur. Andere Kameraden erhielten ein Auto, er aber, wegen seiner Sehschwäche und seiner musikalischen Begabung, das Instrument.“ 10 000 Mark blätterten die Eltern dafür hin.

50 Jahre später legen Freunde Pollerbergs und der Musik spontan zusammen um Ewerhardys Unkosten für die Unterbringung zu begleichen. So ziehen Leonhard Janta und Uschi Röcke mit, der Apotheker Andreas Windscheif, die Künstlerin Irene Eigenbrodt aus Kripp, früher Musiklehrerin und ihr Sohn Florian Hertweck, Architekturprofessor in Luxemburg.

Vor der Restaurierung muss das Instrument – mit sechs bis sieben Zentnern kein Leichtgewicht – erst einmal aus dem prall gefüllten Lager heraus. Kraus gewinnt als Helfer Bernd Schricker, Präsidiumsmitglied und Beauftragter der Auslandshilfe des DRK-Kreisverbands Ahrweiler und DRK-Mitarbeiter Gerd Schricker. Geschickt rangieren die beiden Brüder aus Weibern den Rot-Kreuz-Transporter aus der engen Biergasse durch die Toreinfahrt des einstigen Schultheißenhofes. Kraus und die Schrickers haben gemeinsam bereits etliche Tasteninstrumente zugunsten von Hilfslieferungen nach Osteuropa verladen. „Sieben Klaviere, und dieses Instrument“, resümiert der Klavierbauer.

Für den Flügel fertigte er vorab eigens einen Transport-Schlitten. Am Tatort packt er mit an und dirigiert die Männer, zu denen noch Steven Kochhäuser, „die rechte Hand von Franky“, hinzustößt. Sie befestigen den Schlitten an der geraden Flügelseite. Vorab werden Flügeldeckel und „Lyra“ (Pedalkonstruktion) demontiert und danach alle drei Flügelfüße abgeschraubt. Dann aber wuchten sie mit vereinten Kräften gleichzeitig das Instrument hochkant auf den Schlitten. Einmal muss es in dieser Position noch angehoben werden, um ihm ein Rollbrett unterzuschieben. Geschafft. Aufatmen. Nach ein paar Metern geht es über die hydraulische Rampe ins Innere des Transporters.

Frank Ewerhardy reicht zwei Kartons Noten „aus der Klavierbank“ hinterher. „Bank-Noten“ scherzt einer der Umstehenden. „Wenn es läuft, wie geplant“, so Bernd Schricker, „geht das Instrument in diesem Juli oder Oktober per Hilfstransport ins ukrainische Luzk, Hauptstadt des Oblast Wolyn“. Zwei Sattelschlepper voller zumeist medizinischer Hilfsgüter sind für das ärmste Land Europas bestimmt. Das heißt gut 1600 Kilometer Hinfahrt, Stunden Warten an der Grenze, Anfahren von Kliniken, Waisenhäusern, Schulen. Die Kreis-DRK kooperiert vor Ort mit dem Ukrainischen Roten Kreuz, das alle Waren nach Bestimmungsort registriert. Adelhard Kraus setzt zur Generalüberholung an. Er will „den Flügel komplett reinigen, die akustische Anlage und Mechanik instand setzen, defekte und fehlende Saiten ersetzen, den Flügel einregulieren, ihn stimmen und den Korpus aufarbeiten“. Zuletzt macht er Pollerbergs Flügel transportfähig und wünscht „Gute Fahrt“.