Heilbadgeschichte Bad Neuenahr: Eine Diplomarbeit für die Uni Köln analysierte 1952 die Entwicklung

Heilbadgeschichte Bad Neuenahr : Eine Diplomarbeit für die Uni Köln analysierte 1952 die Entwicklung

Der Schatz kam aus der Tiefe. Nachdem der Kaufmann Georg Kreuzberg in den Jahren 1852 bis 1856 bei Beul warme Quellen gefunden und die Erlaubnis erhalten hatte, das Mineralwasser für Heilzwecke zu nutzen, war der Grundstein für einen Kurort gelegt: Bad Neuenahr.

1859 konnte die erste Kursaison eröffnet werden, zwei Jahre später wurde der "Große Sprudel" in 90 Metern Tiefe erbohrt und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der "Willibrordus-Säuerling". Kreuzbergs Entdeckung hat der ursprünglich ländlich-ärmlichen Gegend einen neuen Stempel aufgedrückt.

Die Entwicklung hat Heinrich Oeffner 1952 in einer Diplomarbeit für die Uni Köln untersucht. Wer die wirtschaftsgeografische Studie heute liest, versteht, warum sich ein Fleck im Vergleich zu vielen Nachbarn so radikal anders entwickeln konnte und wie ein ganzer Landstrich profitierte.

Etwa die Verkehrsinfrastruktur. Schon 1880, früher als in vergleichbaren Orten, erhielt das Bad von Remagen aus über eine Nebenbahn bis Ahrweiler Anschluss an die Rheinschiene. Und Remagen wurde Schnellzug-Station. Mit dem Bahnhof im Ort entwickelte sich die Besucherzahl rasant. Für 1913 sind 25.000 Gäste mit 428.000 Übernachtungen belegt.

1875 war das rechts der Ahr liegende Beul mit den links liegenden Orten Wadenheim und Hemmessen zu "Bad Neuenahr" vereint worden. Bei unbefestigten Straßen und der einen Knüppelbrücke über den Fluss ging es immer noch sehr einfach zu. Aber schon bald stand eine Holzbrücke, 1872 die erste eiserne Brücke, um die Jahrhundertwende waren es zwei Fußgängerbrücken und eine Fahrbrücke.

Straßen wurden befestigt, erhielten Bürgersteige, 1878 sorgten 27 Petroleumlampen am Abend draußen für Beleuchtung. Für den Kurbetrieb musste anfangs ein kleines Haus mit Badezellen, 18 Fremdenzimmern und einer Trinkhalle reichen. Aber schnell setzte eine rapide "Entwicklung der ärmlichen Bauernsiedlungen" (Oeffner) ein.

Häuser wurden vergrößert, Bauern richteten Zimmer her, ein Teil der Kurgäste logierte im benachbarten Ahrweiler, aus dem Gasthaus wurde ein "Grand Hotel". Schon 1860 war das erste Kurhotel fertig, drei Jahre später standen bereits zehn "große Hotels", kurz vor der Jahrhundertwende 18. Auch Geschäfts- und Wohnhäuser wuchsen in die Höhe.

Bis heute prägt die stilistische Vielfalt der Gründerzeit mit Balkonen, Veranden, großzügigen Verzierungen das Kurviertel und Teile der Stadt. Es war eine anspruchsvolle Klientel, die vor dem Ersten Weltkrieg abstieg, "schwerreiche galizische Juden und russische Großgrundbesitzer", die sich einkleiden ließen und mit Luxusgütern eindeckten.

"Goldene 20-Rubel-Stücke bildeten kein seltenes Trinkgeld", schreibt Oeffner. Folge war, dass Restaurants, Cafés, Bäckereien, Lebensmittel- und Feinkostgeschäfte aus dem Boden schossen, Tabakwarenläden, Friseure, Maßschneidereien, Schuster, Autovermietungen und -reparaturbetriebe, Malerfirmen und Schreinereien. Vor der Jahrhundertwende waren 16 Geschäftshäuser da, 1914 standen 75.

Mit hochkarätigen Läden vom Juwelier über Mode und Porzellan bis hin zu feiner Schokolade nahmen die Angebote in den Kur-Kolonnaden eine herausragende Stellung ein. Ärzte eröffneten ihre Praxen, Geldinstitute siedelten sich an, Rathaus und Post erhielten repräsentative Bauten. Und die Bevölkerung wuchs: von 1021 im Jahre 1843 auf weit mehr als das Dreifache 1905.

Zu dem differenzierten, gehobenen Warensortiment, das auch Einheimische und Bewohner der Nachbarorte lockte, kamen exquisite kulturelle Angebote, von denen die Ortsbevölkerung ebenfalls profitierte - für sie eine gute Gelegenheit, Wissen und Horizont zu erweitern. Bauten, Parks, Promenaden, Sportanlagen verdrängten die Landwirtschaft.

Und da die sicheren Arbeitsplätze Kräfte vom Acker lockten, fanden Bauern von der Grafschaft neue Absatzmärkte im Kurort. Krieg und Inflationszeit bescherten dem Bad ein Auf und Ab. Schließlich gab es kurz vor dem Zweiten Weltkrieg noch einmal einen Aufschwung, als 1938 23 300 Gäste anreisten.

Mit 36.000 Fremden war 1951 der Höhepunkt in dem von Oeffner untersuchten Zeitraum erreicht. In der Zahl enthalten sind zum Teil auch Besucher der 1948 gegründeten Spielbank und Tagungsteilnehmer. Denn Bad Neuenahr hatte sich einen Ruf als gut erreichbarer und angenehmer Kongressort gemacht.

Andererseits war die Klientel der Kurgäste - viele wohnten jetzt in Kliniken der Sozialversicherungen - im Vergleich zur Jahrhundertwende weitaus weniger zahlungskräftig. Goldene Rubel rollten nicht mehr.

Info: Diplomarbeit: Heinrich Oeffner: "Bad Neuenahr als Fremdenverkehrsort. Eine wirtschaftsgeographische Studie". Köln 1952.

Der Verkehr

20 Jahre lang, bis 1880, mussten Bad Neuenahrer Gäste von Remagen und Sinzig aus mit täglich einmal, ab 1863 im Sommer zweimal, verkehrenden Postkutschen Vorlieb nehmen. Als Alternative boten sich ein- oder zweispännige Haudererwagen an, Lohnkutschen, die die Fremden mit Sack und Pack zu den Hotels beförderten.

Später fuhren die Lohnkutschen vom Bahnhof Bad Neuenahr zu den Quartieren und zu Ausflügen an die Mittelahr. 40 dieser Gespanne prägten 1907 das Straßenbild. "Benzinmotorwagen" mit 20 Sitzplätzen gab's nach der Jahrhundertwende für Fahrten an die romantische Mittelahr. Ein völlig neues Gefährt stellte die "Elektrisch gleislose Bahn Ahrweiler".

Sie transportierte das Kur-Publikum im Sommer 30 Mal täglich nach Walporzheim und zurück, in der ersten Saison, 1906, wurden 88 000 Fahrgäste gezählt. Sensationelle Neuerungen waren ab 1910 von Livrierten chauffierte repräsentative Omnibusse der großen Hotels. Auf den Schienen rollte in den 1930er Jahren der Ahrgold-Express. ne