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Fußball in Oberwinter: TuS Oberwinter wird 100 Jahre

Als die „Englische Krankheit“ kam : TuS Oberwinter feiert 100 Jahre

Neun junge Männer, die sich fürs Fußballspielen begeisterten, gründeten vor 100 Jahren in einer Gaststätte den TuS Oberwinter. Der Fußball wurde damals, weil er von der Insel kam, häufig als „Englische Krankheit“ tituliert.

Neun junge Männer aus dem Hafenort trafen sich vor 100 Jahren im Oberwinterer Gasthaus „Zum Goldenen Anker“, um einen Fußballverein zu gründen. Der Waffenstillstand von Compiègne und mit ihm der Erste Weltkrieg lagen da gerade mal eineinhalb Jahre zurück. Beinahe jede Familie hatte auf dessen Schlachtfeldern Söhne verloren, viele junge Männer Klassenkameraden und Freunde. Umso mehr dürstete die Jugend nun nach Frieden, Normalität und Vergnügen.

Das führte auch dazu, dass in den Jahren 1919 und 1920 landauf, landab eine Vielzahl von Sportvereinen gegründet wurde. Im Kreis Ahrweiler waren das etwa der FC „Luzencia“ Niederlützingen, die SC Blau-Weiß Bodendorf, Niederzissen, Westum, Rot-Weiß Mayschoß und der SV Remagen (alle 1919) sowie Ahrweiler Ballspiel-Club, HTC Neuenahr, SC Kempenich und VfR Waldorf (alle 1920).

Fußball als Popkultur

Fußball war damals eine aufkommende Popkultur, die zunächst keineswegs die gesellschaftliche Anerkennung genoss, die der Fußball heute hat. Männer, die vor dem Krieg dem runden Leder hinterhergejagt waren, sind noch belächelt, als Proleten oder gar als Vaterlandsverräter beschimpft worden. Denn der Fußball wurde damals, weil er von der Insel kam, häufig als „Englische Krankheit“ tituliert. Und der Pastor befürchtete, dass der Sonntag seine Heiligkeit verliert, wenn an diesem Tag gebolzt würde.

In dieser Situation also trafen sich im „Goldenen Anker“ in Oberwinter Heinrich Arenz, Wilhelm Prinz, Willy Müller, Josef Schwenzer, Johannes Clemens, Karl Häger, Jakob Schneider, Rudolf Seeger und Willy Weygold. Sie gründeten einen Ausschuss mit Willy Weygold als Vorsitzendem und beauftragten ihn damit, eine erste Satzung zu erarbeiten. Die Kunde von der Versammlung sprach sich im Dorf innerhalb kürzester Zeit herum, sodass bereits am Tag danach eine ganze Reihe weiterer Jugendlicher aus dem Ort Interesse an einem solchen Verein anmeldete.

Kopfzerbrechen bereitete den Gründern die Sportplatzfrage, denn in Oberwinter fehlte es an einem geeigneten Gelände. Die Lösung des Problems kam schließlich aus Köln: Der damalige Oberbürgermeister der Domstadt, Konrad Adenauer, der nach dem Zweiten Weltkrieg erster Bundeskanzler werden sollte, verpachtete der Gemeinde Oberwinter eine in Rolandseck unmittelbar am Rhein gelegene Wiese, die zum damaligen Beamten-Erholungsheim der Stadt Köln gehörte. Dann dauerte es gar nicht mehr lange, bis das Gelände hergerichtet und mit Bohnenstangen ein Tor improvisiert worden war. Ein Rugby-Ei, das ein amerikanischer Soldat dem Verein überlassen hatte, diente als Fußball.

Erstes Spiel gegen Mehlem

Im Mai 1920 kam es auf dem Platz zum ersten sportlichen Kräftemessen – bei dem die Oberwinterer dem SV Mehlem mit 3:7 Toren unterlagen. Das rief die ersten „Sponsoren“ auf den Plan, die dem Verein mit materiellen Zuwendungen auf die Beine halfen. So konnten die Oberwinterer Kicker bald richtige Tore und auch einen brauchbaren Ball ihr eigen nennen. Damit der nicht im Rhein landete, wurde zum Strom hin bald ein Ballfangzaun errichtet. Dennoch war der TuS zunächst nicht viel mehr als ein informeller Zusammenschluss. Zur eigentlichen Gründungsversammlung, bei der auch eine Satzung verabschiedet wurde, trafen sich die Mitglieder erst am 1. September 1920.

Dem für die damalige Zeit guten Sportplatz war es zu verdanken, dass am 28. September 1920 auf Einladung des TuS 16 Gastvereine nach Oberwinter kamen, um sich bei einem Turnier miteinander zu messen. Im Mai 1921 gab es ein zweites Turnier – diesmal sogar mit 18 Mannschaften. Ende 1921 trat der TuS Oberwinter dem Deutschen Fußball-Bund und dem Deutschen Turner-Bund bei. Bei der Jahreshauptversammlung am 27. April 1922 zählte der Verein dann bereits 60 Mitglieder. Als am 16. und 17. Mai 1925 mit der Bevölkerung und auswärtigen Vereinen das fünfjährige Bestehen des TuS gefeiert wurde, war das eine willkommene Gelegenheit, die erste Vereinsfahne zu weihen.

Nach kriegsbedingter Pause kehrte erst am 12. Februar 1949 wieder das Leben in den Verein zurück. Hubert Nicot, der vor dem Zweiten Weltkrieg beim klassenhöheren Remagener Sportverein gespielt hatte, begann 1948, gerade aus der Kriegsgefangenschaft in die Heimat zurückgekehrt, in Oberwinter mit dem Aufbau einer 1. Mannschaft und der A-Jugend. Bald bot der TuS auch Feld-Handball, Volley- und Basketball an, und unter dem Dach des Vereins wurde gewandert, geturnt und Tischtennis gespielt. 1969 wurde das Sportplatzgelände am Rheinufer für andere Zwecke benötigt. Nach zwei Jahren in Remagen und Unkelbach ist 1971 dann die neue TuS-Sportanlage in Bandorf zur Nutzung freigegeben worden.

Weil der Sportplatz in Bandorf längst ausgelastet ist, hat sich Antonio Lopez, der aktuelle Vorsitzende des aktuell 450 Mitglieder zählenden TuS, den Bau einer Kleinspielfeldanlage neben dem großen Spielfeld zur Aufgabe gemacht. Dort könnte der Fußballernachwuchs von den Bambini bis zur E-Jugend spielen. Veranschlagte Kosten dafür: 75.000 Euro.