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Hospiz-Verein Rhein-Ahr hat neue Pläne für 2020 - Interview mit Theologin Ulrike Dobrowolny

Interview mit Theologin Ulrike Dobrowolny : Hospiz-Verein Rhein-Ahr hat neue Pläne für 2020

Die Theologin Ulrike Dobrowolny ist seit zehn Jahren Vorsitzende des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr und wagt einen Ausblick auf das neue Jahr. Der Verein hat viele Kooperationen mit anderen Trägern geschlossen.

Kaum war sie Mitglied im Hospiz-Verein, ist die Diplom-Theologin Vorsitzende geworden. Das ist jetzt zehn Jahre her. Zum neuen Jahr blickt Ulrike Dobrowolny auf das vergangene Jahrzehnt zurück, vor allem aber auch voraus auf 2020, in dem ein neues Projekt anläuft, mit dem der Hospiz-Verein noch viel mehr Menschen als bisher erreichen und die Versorgungsstruktur im Kreis Ahrweiler wesentlich ausbauen möchte. Mit Ulrike Dobrowolny spach Andrea Simons.

Gleichsam aus dem Stand sind Sie beim Hospiz-Verein eingestiegen und gleich an die Spitze gewählt worden. Wie kam das?

Ulrike Dobrowolny: Ich wollte nicht nur anderen Menschen durch meine Tätigkeit als Supervisorin bei ihrer Tätigkeit helfen, Konflikte in der Seelsorge-Arbeit klären und beraten, sondern auch selbst etwas bewegen. Themen wie Sterben und Tod und auch Leiden halte ich für wichtig. Sie dürfen nicht ausgegrenzt werden in unserer Gesellschaft. Deshalb bin ich Mitglied des Hospiz-Vereins geworden und hatte von vornherein auch die Absicht, aktiv mitzugestalten und mich einzubringen.

Warum sind diese Themen so wichtig?

Dobrowolny: Weil Sterben Teil des Lebens ist. Weil angesichts des demographischen Wandels die Herausforderungen nicht weniger werden und weil ich den hospizlich-palliativen Gedanken eines würdevollen Lebensendes ohne Schmerzen, mit einem größtmöglichen Maß an Lebensqualität und Selbstbestimmtheit vertrete. Nicht zu vergessen: Was Menschen sich am Lebensende wünschen, ist nicht Medizin, sondern dass sie nicht alleine sind.

Wieso bewegen diese Themen Sie persönlich so sehr?

Dobrowolny: Das hat auch mit meiner Biographie zu tun, in der auch das Thema Leid oft eine Rolle gespielt hat. Meine Mutter und ihre Familie sind aus Ostpreußen geflohen, und meine Eltern sind beide an Krebs gestorben. Schon als Jugendliche habe ich in einem Kreis mitgearbeitet, der sich um alleinstehende Menschen gekümmert hat, und wahrscheinlich habe ich auch deswegen Theologie studiert, weil mich die Frage nach dem vom „lieben Gott“ zugelassenen Leid in der Welt beschäftigt hat. Im Studium auch bei „meinem“ Professor Johann Baptist Metz kam immer wieder die Frage auf, wie man nach Auschwitz noch von einem Gott reden kann. Ebenso ging es um die Suche nach einer Gesellschaft, die Verschiedenheit aushalten kann. All das hat mich bewegt und geprägt.

Im vergangenen Jahrzehnt sind auch viele Menschen bewegt worden, dem Hospiz-Verein Rhein-Ahr beizutreten.

Dobrowolny: Es freut mich sehr, dass mittlerweile rund ein Prozent aller Bürger im Kreis Ahrweiler Mitglied im Hospizverein sind. Unsere Mitgliederzahl ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als das Doppelte auf fast 1400 angewachsen. Das zeigt, dass wir wirklich eine Bürgerbewegung geworden sind, die breite Unterstützung und Bedeutung hat. Angesichts von immer mehr Begleitungen, die wir durchführen, zeigt das aber auch, dass das Bedürfnis der Menschen nach hospizlich-palliativer Versorgung groß ist.

Was bedeutete Ihnen die Eröffnung des Hospizes im Ahrtal vor vier Jahren?

Dobrowolny: Das war ein Meilenstein, auf den der Hospiz-Verein mehr als 20 Jahre hingearbeitet hat. Für die Notwendigkeit sprechen die extrem hohe Auslastung von rund 97 Prozent und dass dort jedes Jahr mehr als 100 Sterbende und Schwerstkranke auf ihrem letzten Lebensweg begleitet werden. Obwohl wir gesetzlich verpflichtet sind, fünf Prozent der Unterhaltskosten des Hospizes selbst aufzubringen, ist das stationäre Hospiz gut aufgestellt und der Personalschlüssel mit 1,1 Pflegekraft pro Hospizgast einer würdigen Begleitung am Lebensende entsprechend. Das ist nur möglich dank der Unterstützung der Bevölkerung und durch die vielen Einzelspenden von Bürgern und Initiativen.

Da ist es um den Personalschlüssel in Kliniken und Altenpflegeeinrichtungen ganz anders bestellt.

Dobrowolny: Genau. Deshalb geht es uns auch immer um die ambulante Versorgung, die neben der Trauerarbeit ja von Beginn an zu unserem Tätigkeitsfeld gehört und essenzieller Teil unseres Tuns ist. Wir begleiten immer noch dreieinhalb Mal mehr Menschen außerhalb des Hospizes, also bei sich zu Hause oder auch im Krankenhaus oder im Seniorenheim, und haben im vergangenen Jahr Kooperationen mit fast allen diesen Einrichtungen im Kreis Ahrweiler geschlossen.

Und dort soll es im neuen Jahr Neuerungen geben?

Dobrowolny: Ja. Weil die meisten Menschen, auch dank besserer ambulanter Versorgungsmöglichkeiten und daher längerer Verweildauer zu Hause, heutzutage erst sehr spät in eine Altenhilfeeinrichtung kommen und dann schon multimorbide, also von vielen Erkrankungen gleichzeitig betroffen, sind. Entsprechend sind sie zu versorgen und könnten auch schon hospizlich-palliativ begleitet werden. Die Pflegeeinrichtung haben uns gebeten, sie an dieser Stelle bei der Ausbildung ihres Personals zu unterstützen, und wir sind gerne Helfer und Begleiter der Einrichtungen.

Wie soll das geschehen?

Dobrowolny: Gemeinsam mit Pflegeeinrichtungen, Sozialdiensten und Pflegediensten haben wir überlegt, was ihnen nützt. Deshalb bietet der Hospiz-Verein in 2020 erstmals eine speziell ausgearbeitete Palliative-Care-Schulung für Pflegepersonal, Pflegehelfer und Hauswirtschaftskräfte vor Ort im Kreis Ahrweiler an. Unser Ziel ist, dass alle, die mit Sterbenden und deren Angehörigen arbeiten, eine Basisqualifikation erhalten: die, die direkt in der Pflege arbeiten und alle von der Leitungsebene bis zur Reinigungskraft.

Bis hin bis zur Reinigungskraft?

Dobrowolny: Ja, weil es sein kann, dass sich jemand mit dieser besser versteht als mit irgendjemandem sonst in seinem täglichen Umfeld. Weil vielleicht jemand, der so oft kommt und absichtslos und unbedarft vom normalen Leben redet, damit auch einen Menschen in einer Einrichtung auf seine Weise erreicht. Wir möchten das Personal in den Einrichtungen insgesamt ein Stück sicherer in hospizlich-palliativen Fragen machen, dass es sich den Umgang mit Sterbenden mehr zutraut und die Weiterbildung auch als Aufwertung und Bereicherung erlebt. Gleichzeitig werden so viel mehr Menschen hospizlich-palliativ erreicht als es allein durch unsere Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen geschehen kann, auch wenn deren Zahl stetig wächst. Damit machen wir einen qualitativen Sprung und heben unsere Arbeit sozusagen auf eine andere Ebene.

Wie ist die Fortbildung aufgebaut?

Dobrowolny: Die Basisqualifikation haben wir ganz neu konzipiert. Sie wird vom Hospiz-Verein finanziert und umfasst insgesamt 40 Stunden. Weil angesichts des vielerorts herrschenden Personalnotstands kaum eine Einrichtung lange am Stück auf einen Mitarbeiter verzichten kann, wird die Weiterbildung auf zwei Mal zwei und ein Mal einen Tag binnen eines Monats verteilt. Teilnehmer erhalten ein Zertifikat vom Deutschen Hospiz- und Palliativverband und haben damit auch schon das erste von vier Modulen zur Palliative-care-Ausbildung absolviert. Der erste Kursus im März ist schon ausgebucht. Die Anmeldungen für November laufen schon.