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Ahrweiler: Staatsanwaltschaft prüft Todesfälle bei Sinziger Lebenshilfe

Flutkatastrophe : Staatsanwaltschaft prüft Todesfälle bei Sinziger Lebenshilfe

In einem Wohnheim der Lebenshilfe in Sinzig starben bei der Flutkatastrophe zwölf Menschen. Die Staatsanwaltschaft Koblenz überprüft den Vorfall – und ein Inklusionsaktivist fordert, Menschen mit Behinderung dezentraler unterzubringen.

Die Toten bei der Sinziger Lebenshilfe werden zum Fall für die Justiz: Nach dem bei der Flutkatastrophe in der vergangenen Woche in einem Wohnheim der Selbsthilfevereinigung zwölf Menschen mit Behinderung starben, hat die Staatsanwaltschaft Koblenz ein Prüfverfahren eingeleitet. Das teilt Oberstaatsanwalt Thorsten Kahl auf Nachfrage des General-Anzeigers mit. Es werde derzeit geprüft, ob ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt und falls ja, „wem ein solches zur Last gelegt werden kann“.

Die entsprechenden Prüfungen dauerten noch an. Wann mit deren Abschluss gerechnet werden kann, könne er, so Kahl, nicht abschätzen, da dies von vielen Faktoren abhängig sei. Es handele sich nicht um ein förmliches Ermittlungsverfahren, schreibt der Oberstaatsanwalt.

Matthias Mandos, Geschäftsführer der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, verteidigt gegenüber dem General-Anzeiger, dass während des Vorfalls in dem Heim in der Pestalozzistraße, wo es etwa 40 Wohnplätze gibt, in den frühen Morgenstunden des vergangenen Donnerstags nur eine Nachtwache im Dienst war. Diese konnte nur einen Teil der Bewohner aus dem Erdgeschoss in den ersten Stock bringen – und damit in Sicherheit.  Die personelle Besetzung war Mandos zufolge das, was „vorgeschrieben und genehmigt“ worden sei. Alles sei so schnell gegangen, dass der Mitarbeiter die Bewohner nicht habe erreichen können, selbst abgeschnitten gewesen sei. Mandos ist wichtig zu betonen, dass die Räume nicht abgeschlossen waren. Es handele sich um ein offenes Wohnheim. Eingeschlossen gewesen seien die Bewohner vom Wasser.

Indes fordert Constantin Grosch, Inklusionsaktivist und Vorsitzender des Berliner Vereins Ability Watch, der sich für Menschen mit Behinderung einsetzt, Behinderte dezentraler unterzubringen – idealerweise in Wohnungen mit einer Eins-zu-eins-Betreuung. Mit einer solchen Betreuung sei das Leben in einer eigenen Wohnung für alle Behinderten möglich. In großen Heimen seien sie, weil dort viele von ihnen zusammenkommen, einem vergleichsweise höheren Risiko ausgesetzt. Mit Blick auf die Flut in Sinzig sagt er: „Wären die Menschen in einer kleineren Gruppen untergebracht gewesen, wäre die Opferzahl geringer.“

Die Einrichtungen treffe bei derartigen Katastrophen keine Schuld, doch begünstige ihre Struktur das Risiko. Sinzig, darauf weist Grosch hin, ist in jüngerer Zeit nicht der erste Fall, bei dem Menschen in einer Behinderten-Einrichtung ums Leben kamen.  So wurden im April vier Menschen mit Behinderung in einer Einrichtung in Potsdam getötet, mutmaßlich von einer Pflegerin. Nachdem im nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen in einer Einrichtung Pfleger Behinderte eingesperrt und verletzt haben sollen, hat die NRW-Landesregierung eine Überarbeitung des Wohn- und Teilhabegesetzes auf den Weg gebracht.

Grosch selbst leidet unter Muskeldystrophie und ist auf einen Rollstuhl angewiesen.  Er habe Zugriff auf eine Einzelbetreuung. Daher sei er einem geringeren Risiko ausgesetzt, als 20 Personen, die sich einen Betreuer teilen müssen. „Mit welchem Recht?“, fragt er.