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Bad Neuenahr: Wie sich Menschen in der Not neu entdecken

Situationsbericht aus Bad Neuenahr : Wie sich Menschen in der Not neu entdecken

Die Ver­sor­gungs­la­ge im Bad Neuenah­rer Stadt­ge­biet süd­lich der Ahr weist nach wie vor er­heb­li­che Män­gel auf. Die La­den­lo­ka­le, Re­stau­rants und Knei­pen stehen aus­ge­höhlt und ge­spens­tisch leer da.

Barbara Rasting lebt so richtig auf. Seit zwei Wochen betreibt die rüstige Dame ihr neues „Einzelhandelsgeschäft“ an der Bad Neuenahrer Unterstraße. In ihrer Garage. Dort sind Schubkarren und Eimer, Schaufeln und Besen, Handschuhe, Gummistiefel und Overalls erhältlich. „Meine Heimwerkerabteilung“, lächelt die 77-Jährige und lässt den Blick auf die benachbarte „Kleiderabteilung“ schweifen. Dort sind – der Größe nach fein sortiert – T-Shirts, Hosen, Pullover, Damenkleider, Röcke und Blusen zu bekommen.

Die frühere Einkaufsleiterin großer Modehäuser hat lange nach Eintritt in ihren Ruhestand eine neue Aufgabe gefunden: „Mir geht es trotz der Katastrophe gut. Ich freue mich, wenn ich so Menschen helfen kann“, sagt sie. In der Not hat sich Barbara Rasting mit ihren Qualitäten neu entdeckt. Längst ist ihr Garagen-Laden zur bekannten Adresse geworden. Auch für Anlieferer: Plötzlich hält ein Transporter und lädt drei funkelnagelneue Schubkarren und eine Kiste einzeln verpackter T-Shirts in verschiedenen Größen ab. Gestern kam eine Lieferung neuer Besen an. Als handele es sich um bestellte Ware.

Barbara Rasting hilft beim Ausladen, sortiert die Ware und räumt sie säuberlich und übersichtlich an die dafür vorgesehene Stelle in ihrem „Geschäft“. Ordnung muss schließlich sein. „Diese Arbeit habe ich so richtig vermisst“, freut sie sich über ihre neue, selbstgewählte Arbeit. Auch wenn die Waren alle kostenlos abgegeben werden und sie natürlich keinen Cent verdient, merkt man schnell: Barbara Rasting ist erfüllt von ihrem Treiben.

Neue Behelfsbrücke an der Landgrafenstraße soll ab Donnerstag befahrbar sein

Es geht ihr trotz allgegenwärtiger Not und sichtbarem Elend gut. „Es kann ja nur besser werden“, meint sie. Zum Beispiel, wenn ab diesem Donnerstag die neue Behelfsbrücke an der Landgrafenstraße befahrbar sein wird. Die Auf- und Abfahrten sind gemacht, der Asphalt ist auf den Brückenrampen aufgebracht. Erste Fußgänger haben sich bereits über das fast 40 Meter lange Bauwerk drüber gewagt und einen Gang vom Süden der Stadt in den nördlichen, in den Innenstadtbereich unternommen. Viele Trümmer und Sperrmüllmassen sind bereits beseitigt.

Die zerschlagenen Schaufensterscheiben der im Zentrum gelegenen Geschäfte sind entfernt. Ausgehöhlt und gespenstisch leer stehen die Laden-, Restaurant- und Kneipenlokale nun da. Die Hoffnung: Der Einzelhandel wird findig und ideenreich genug sein, um so schnell wie möglich wieder Leben in die derzeit toten Geschäfte zu bringen. Einfach wird das nicht. Zumal die komplette Innenstadt neu gepflastert, Bürgersteige neu aufgebaut, Lampen installiert, Leitungen neu verlegt werden müssen.

Bad Neuenahr: In weiten Teilen der Stadt noch kein Strom

Da es auch am Tag 21 nach der Flutkatastrophe in weiten Teilen der Stadt keinen Strom, geschweige denn Trinkwasser, gibt, liegt nach wie vor ein Akzent auf der notdürftigen Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln. Auch wenn inzwischen das Bayrische Rote Kreuz aus Straubing das Regiment im südlichen Bad Neuenahrer Stadtbezirk übernommen hat und seit Dienstag von 12 bis 14 Uhr an der Stadtbücherei bemüht ist, warme Mahlzeiten auszugeben, so hapert es einmal mehr an einfachsten Organisationsstrukturen. Es weiß nämlich kaum einer, dass dort Warmes in Becher gefüllt wird und zur Verteilung kommt.

„Wir haben gleich am ersten Tag viele Mahlzeiten wegschmeißen müssen“, sagt ein enttäuschter DRK-Helfer. Vielleicht hätte eine Lautsprecherdurchsage geholfen. Und vielleicht reicht es auch einfach nicht, einen Pavillon ohne einen einzigen Tisch und ohne jede Sitzgelegenheit, ohne jeglichen Regenschutz aufzubauen, um auf sich in einer kaum einsehbaren Ecke an der Stadtbibliothek aufmerksam zu machen. „Selten erlebt, dass eine Organisation so unorganisiert ist“, sagen die Leute. Eine Kritik, die sich insbesondere – einmal mehr – an den in der Ahrweiler AKNZ waltenden Krisenstab richten dürfte.