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Fluthelfer an der Ahr berichten über Erfolge und kommende Projekte

Fluthelfer-Organisationen im Ahrtal : Wie Freiwillige die Hilfe an der Ahr verbessern wollen

Die Helfer-Organisationen sprechen sich drei Monate nach der Flut im Ahrtal für eine engere Kooperation und eine bessere Kommunikationspraxis aus. Vertreter einiger Initiativen des Netzwerks äußern sich zudem zu Zukunftsprojekten in den Flutgebieten.

Egal ob in bedruckten T-Shirts und mit einem Stemmhammer in den Händen oder in Einsatzkleidung auf dem Schaufelbagger – überall in den Flutgebieten tummeln sich seit drei Monaten freiwillige Helfer, um die gröbsten Folgen der Flutkatastrophe zu beseitigen. Mit unermüdlichem Körpereinsatz und schwerem Gerät packen Tausende mit an, lassen sich in ihrer Freizeit kreuz und quer durchs Ahrtal fahren, schleppen Eimer voller Schlamm und Schutt, setzen zerstörte Straßen instand, stemmen und meißeln Wände ab oder versorgen Menschen mit Kaffee und leisten seelischen Beistand. Viele reisen für diesen Knochenjob täglich an und ab, andere bleiben gleich da und campieren in Zelten.

Zweifelsfrei ist es eine Arbeit, die Substanz kostet – allerdings auch zählbare Erfolge einbringt. Das belegen die Aussagen der Helfer, die in einer konzertierten Aktion des Helfer-Stabs Hochwasser Ahr ihre 100-Tage-Bilanz ziehen und Ausblicke auf künftige Projekte geben. Nachholbedarf machen die Organisationen mehrheitlich in der Kommunikationspraxis aus. Das soll sich aber rasch ändern, denn: „Es ist sinnvoller, wenn nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern wir es schaffen, die Kräfte zu bündeln“, sagt Missy Motown, Sprecherin des Helfer-Stabs, der sich als „Sprachrohr der ehrenamtlichen Hilfe“ versteht und als Dachorganisation zwischen Helferinitiativen und Behörden vermittelt.

Strukturen sollen zusammengeführt werden

Das Netzwerk der freiwilligen Hilfe ist gewaltig. Mehr als 91 Organisationen, Akteure und Initiativen zählen zum festen Kern, darunter etwa der Helfer-Shuttle aus der Grafschaft und zig Camps im Flutgebiet. Über den Flut-Einsatz der vergangenen Wochen berichtet etwa Thilo Vogel von den Dachzeltnomaden in Rupperath. Täglich rund 100 Helfer eskortiert die Organisation seit 80 Tagen ins Ahrtal. „Wir haben etwa 30.000 Arbeitsstunden in 110 Haushalten geleistet und mehr als 150.000 Euro aus privaten Spenden für Werkzeuge eingesetzt“, sagt er. Seine Initiative mit „Camp-Charakter auf der grünen Wiese“ sei über die sozialen Netzwerke gegründet worden, unterstütze in „flexiblen Teams“ schwerpunktmäßig bei der Entkernung von Häusern in Dernau, Altenburg, Mayschoß oder Bad Münstereifel.

„Bei uns herrscht seit Wochen ein starkes Wir-Gefühl. Camps wie unseres bringen Leben in das Katastrophengebiet, der Helfereinsatz spendet Betroffenen zudem Hoffnung. Der tägliche Kontakt berührt Helfer und Flutopfer gleichermaßen“, sagt Vogel. Seine Forderung: „Wir sollten unsere Strukturen mehr vernetzen, den Austausch ankurbeln.“ Zudem gelte es, mögliche Spendenfinanzierungen zu prüfen und Rekrutierungsoptionen in sozialen Medien zu optimieren, um Helfern den Einsatz im Ahrtal schmackhaft zu machen. Vogel: „Außerdem sollten sämtliche Camps winterfest gemacht werden. Denn wir wollen über die kalte Jahreszeit hinaus Hilfe leisten.“

Fehlendes Lagebild erschwert Helfer-Einsatz

Ins gleiche Horn bläst auch Stephan Jost von der Offroader Fluthilfe, der die Entwicklungen im Bereich Handwerker und Baumaschinen aufmerksam im Blick behält. „Wir haben uns auf die Hilfe für Betroffene ohne Versicherung konzentriert. Rund 400 Bagger, Traktoren und Kipper sowie 1500 Wasser- und Schlammpumpen hatten wir im Einsatz.“ Dank der Freiwilligen verfügen 200 Gebäude wieder über eine funktionierende Heizung, bei zig anderen stellten die Helfer die Strom- und Wasserversorgung wieder her. „Wir haben tonnenweise Schutt abtransportiert, 120 Kaminöfen übergeben, 90 Fahrzeuge repariert und rund 18.000 Geräte und Maschinen fachmännisch instand gesetzt.“ In Kürze sei zudem geplant, dass „24.000 Fenster in betroffenen Gebäuden im Ahrtal verbaut werden“.

Gezählt hat Jost mittlerweile rund 36.000 Arbeitsstunden. Sein Wunsch: „Gemeinsam mit Handwerkskammer und Kreisverwaltung wollen wir ein nachhaltiges Konzept für die ehrenamtliche Arbeit in den Gewerken umsetzen.“ Seine Idee: „Das benötigte Material wird durch öffentliche Stellen bereitgestellt und später mit den Hilfsleistungen verrechnet. Damit würde den ehrenamtlichen Fachleuten Material zur Verfügung gestellt, um den Betroffenen sofort helfen zu können.“ Kritisch beäugt Jost, dass kein zentrales Lagebild zur Ist-Situation vorliegt. „Die Bedarfserhebung, was wo und wann benötigt wird, muss derzeit durch die Helfer selbst erfolgen.“

Bessere Abstimmung mit Behörden erwünscht

Auch Sascha Neudorf vom Rheinbacher Hoffnungswerk ist gekommen und schildert die Geschichte der Helferzentrale aus der Voreifel, die Einrichtung von Materiallagern, Werkzeugcontainern und Verpflegungsstellen sowie Übernachtungsmöglichkeiten für Einsatzkräfte. „Wir haben bisher rund 10.000 Helfer versorgt und koordiniert sowie einige Online-Plattformen wie baut-mit-auf.de oder flut-wiki aufgebaut, die Helfende und Hilfsbedürftige zusammenbringen.“

Der Fokus des Hoffnungswerks und anderer Initiativen liegt nach der Zeit des großen Aufräumens nun vorwiegend auf der psychosozialen Hilfe. Ein Netzwerk von 500 qualifizierten Fachkräften mit Schwerpunkt Psychotraumatologie wird dabei vor Ort flankiert durch niederschwellige Gesprächsangebote, wofür mobile Kaffee-Teams oder Seelsorger an der Ahr im Einsatz sind. Neudorf und seine Teams fühlen den Puls des Ahrtals. „Wir wollen keinen Betroffenen übergehen, holen Informationen ein, fragen nach Nöten und Bedürfnissen. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe, helfen allerdings nicht bei Dingen, die andere besser können.“ Für Neudorf sei „die erste heiße Phase der Hilfsinitiativen vorbei, in der alle losgelaufen sind. Nun kommt es darauf an, sich mehr miteinander und mit den Behörden abzustimmen“. Das sei auch nötig, wenn Containerdörfer aufgebaut, von der Flut heimgesuchte Schulen mit Büchern und Tablets ausgestattet und soziale Projekte gefördert werden sollen, wie es das Hoffnungswerk in Zusammenarbeit mit weiteren Freiwilligen plant.

Für die wortführenden Protagonisten aus der Helfer-Schar wird deutlich: Je größer das Netzwerk ist, desto anspruchsvoller wird auch die gemeinsame Herausforderung, Synergien zu schaffen. Ihr Fazit: Nur so kann es den freiwilligen Akteuren gelingen, große Effekte in Sachen Wiederaufbau zu erzielen. Helfer Jost resümiert: „Wir haben Himmel und Hölle im Ahrtal gesehen: Hier die Katastrophe, dort den Einsatz der freiwilligen Helfer. Allerdings brauchen wir jetzt Fachleute, gerne auch ehrenamtliche, die den Wiederaufbau zusammen mit den Organisationen vor Ort in den kommenden Wochen weiterbringen.“ Und das soll laut Helfer-Stab „möglichst koordiniert“ geschehen, wie Sprecherin Missy Motown findet. Deshalb lautet ihr Appell an die Freiwilligen: „Wir wollen uns und euch über alle Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Reicht also alle Ideen und Konzepte vorher ein, damit wir bedarfsgerecht eine reale Einschätzung zur möglichen Umsetzung geben können. So schaffen wir es gemeinsam, dass das Ahrtal wieder zu dem wird, was es einmal vor der Flut gewesen ist – vielleicht auch noch besser.“