Brauchtum: Geschichte der Ahrweiler Schützen bietet allerlei Kuriositäten

Brauchtum : Geschichte der Ahrweiler Schützen bietet allerlei Kuriositäten

Am Wochenende steht das große Schützenfest in Ahrweiler an. Anlass genug. Der GA erinnert aus diesem Anlass an zwei kuriose Fälle aus der 615-jährigen Geschichte der Schützen.

Endspurt für das große Schützenfest in Ahrweiler. Uniformknöpfe und Säbel sind poliert, weiße Hosen und Handschuhe liegen griffbereit. Mehr als 700 Bürgerschützen und 200 Junggesellenschützen rüsten sich zur Festwoche, die am Samstag mit dem Großen Zapfenstreich beginnt und als Höhepunkte das Königsschießen am Sonntag, den Historischen Trinkzug in der Nacht auf Montag sowie Prozessionsbegleitung, Aufmärsche und Paraden von Fronleichnam bis Samstag draufhat.

Anlass genug, einmal im Kuriositätenkabinett der Bürgerschützen zu kramen. Zwei Fälle ragen dabei in der 615-jährigen Geschichte der Gesellschaft heraus: der Klüngel mit dem preußischen König und ein Schützenkönig, der als amerikanischer Infanterie-Offizier Sitting Bull verhaftete.

Beziehungen oder die Macht des kleinen Mannes

Eines der schönsten Beispiele der Allmacht des Klüngels gibt die Ohnmacht der Mächtigen gegen die Macht der Kleinen preis, berufen die sich auf den Allmächtigen. Doch schön der Reihe nach. Es begann mit dem Besuch eines Mächtigen, der eigentlich noch gar nichts zu melden hatte, war er doch nur Sohn eines noch Mächtigeren. 1833 wurde der Straßentunnel in Altenahr durchbrochen. Für die damalige Zeit ein Ereignis von Welt. Wichtig genug für den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, von Berlin an die Ahr zu kommen. Die Königskrone trug er damals noch nicht, stieg indes aber im Ahrweiler Hotel „Drei Kronen“ ab. Und wie es sich für treue Untertanen gehörte, brachten die Ahrweiler Schützen dem blaublütigen Hohenzollernspross einen Fackelzug dar. Königliche Hoheit geruhte sich zu revanchieren, trug sich in die Mitgliederliste der 1403 erstmals erwähnten Sankt Sebastianus Bürgerschützen ein und hatte damit für das nächste Jahrzehnt seine Ruhe vor den Ahrweilern.

Dass diese Ruhe dann doch gestört wurde, verdankte der mittlerweile König gewordene Friedrich-Wilhelm IV. erstens einem Unfall und zweitens seinem anscheinend unbelehrbaren königlich-preußischen Landrat. Denn 1839 explodierte ein von einem Polizeidiener zu nahe an der Fronleichnamsprozession aufgestellter Böller und zerschmetterte dem Fähnrich der Bürgerschützen, Johann Josef Kreuzberg, beide Beine. Verantwortlich für den Unfall war also ein Staatsorgan, aber schon damals war es üblich, den Schuldigen immer im kleinen Mann zu suchen. Der Landrat verbot schlicht und ergreifend den Schützen jedes weitere Schießen, sicherte sich sogar noch über die königliche Regierung zu Koblenz ab.

Damit begann ein Streit der Kleinen gegen die Mächtigen, denn die Schützen wollten sich partout nicht verbieten lassen, dem Allmächtigen bei der jährlichen Prozession durch Salutschüsse zu huldigen. Eine Krisensitzung jagte die andere, dito die schriftlichen Eingaben. Doch der Preuße im Landratsamt blieb stur, zeigte keinen Deut Verständnis für althergebrachte Tradition.

Wissend, dass Ahrweiler schon kurkölnische Mithauptstadt war, als die Berliner ihr erstes Rathaus bauten, platzte den Schützen nach fünfjährigem Hin und Her 1844 der Kragen. Entgegen der alten Devise „Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst“ besannen sie sich auf ihr königliches Mitglied, das ja schließlich oberster Chef besagten Landrates war - Beziehungen muss man eben haben. Und der Souverän gab sich deutlich souveräner als sein beamteter Statthalter.

Die Trickkiste der Macht barg schon damals viele Geheimnisse, doch dass eine Goldmünze mehr wert ist als das Wort eines Landrates, war schon etwas Neues. Denn eine Goldmünze mit seinem Konterfei übersandte Majestät den Schützen am 1. August 1844. Beiliegend eine königliche Dienstanweisung: Der Vorstand, sprich Hauptmann der Schützen, habe ihn, also den Landsherrn, beim Schützenfest zu vertreten und gefälligst jeweils den ersten Schuss zu tun. Soviel zum Thema Schießen. Der Landrat wurde vornehm ausgehebelt, und es wurde weitergeschossen. Die Goldmünze Friedrich-Wilhems IV. trägt übrigens der Hauptmann heute noch in seiner Kette, wenn er den ersten Schuss abgibt.

Ein altes Foto und ein König, der Sitting Bull verhaftete

Ein Foto aus dem Jahr 1871 gilt als das älteste Bild eines Ahrweiler Schützenfestes. Es zeigt Hauptleute, Fähnriche und Majestäten. Und eine Besonderheit. Denn der König der Bürgerschützen trägt auf dem Foto unter dem Königssilber die Uniform eines amerikanischen Infanterie-Offiziers. Logische Erklärung: Der Mann stammte aus Ahrweiler und war 1871 auf Besuch in seiner alten Heimat. Es war Guido Ilges, der in der US-Militär-Literatur als einer der größten Haudegen des amerikanischen Bürgerkriegs gilt. Neun Jahre nach seinem Königsschuss in Ahrweiler machte er Schlagzeilen, die um die ganze Welt gingen. Denn er war es, der kurz nach Weihnachten 1880 die Häuptlinge Gall und The Crow nebst ihren Sioux-Kriegern mit dem von ihm befehligten 5. Infanterie-Regiment gefangen nahm. Häuptling Sitting Bull ergab sich ihm wenige Monate später in Fort Buford zusammen mit Resten seines zunächst nach Kanada geflüchteten Volkes.

Am 31. Oktober 1883 reichte Guido Ilges als Colonel und zuletzt Kommandeur des 18. Infanterie-Regiments seinen Abschied ein. Als Zivilist ließ er sich in Cincinnati nieder, hielt Vorträge über sein abenteuerliches Leben, arbeitete für verschiedene Zeitungen und veröffentlichte die mehrfach nachgedruckte Erzählung „Little moccasins ride to the thunder-horse“ Diese beeindruckt durch offene Sympathie für die Indianer, die er als Offizier einst bekämpft hatte. Ilges, im Alter nahezu erblindet, starb im Januar 1918, ohne je wieder in Europa gewesen zu sein.