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Historischer Rückblick: In Sinzig gab es „keine Kirmes ohne Klopperei“

Historischer Rückblick : In Sinzig gab es „keine Kirmes ohne Klopperei“

Im Corona-Jahr 2020 wird es keine Kirmes in Sinzig geben. Grund genug, einen Blick auf die Historie des Kirchweihfestes und Erinnerungen von Zeitzeugen an das Treiben anno dazumal zu werfen.

Die Sinziger Kirmes war schon genehmigt, da legte der Hauptausschuss der Stadt kurzfristig das Veto ein: Keine Kirmes im Corona-Jahr 2020. Freude kam nicht auf. Aber die Sorge, andernfalls womöglich für Infektionen verantwortlich zu sein, ist damit gebannt.

Während seiner jahrhundertelangen Tradition haben verschiedentlich Kriege als auch Epidemien, die Corona vorausgingen, wie Pest und Cholera, das Fest vereitelt. Dies ist für den Zeitraum seit der Kirchweihe von Sankt Peter am 15. August 1241 im Einzelnen zwar nicht mehr nachvollziehbar. Doch erweist sich ein Blick in die Vergangenheit als lohnend.

Wechselvoll ist diese allemal. Zwar darf man annehmen, dass die Kirmes bereits zu Anfang Lustbarkeiten einschloss. Das durch Kaiser Heinrich VII. 1310 beurkundete Recht der Sinziger, am Sonntag nach Maria Himmelfahrt (15. August) sowie an den drei Tagen vor und den drei Tagen danach einen Jahrmarkt abzuhalten, meint aber im ursprünglichen Wortsinn einen einmal im Jahr abgehaltenem Markt. „In einer Zeit, die an feierlichen Höhepunkten im Alltagsleben so arm war wie die meisten Menschen selbst, erhielt ein solcher Markt erheblichen Zulauf“, schreibt Stefan Pauly, Vorsitzender des Sinziger Kirchbauvereins, 2010 zum Jubiläum 700 Jahre Sinziger Kirmes. Zugleich betont er, dass nicht nur das Volk die wenigen größeren Märkte liebte, sondern ebenso die Landesherren, die von den Einnahmen und Steuern aus dem Verkauf profitierten.

Über das kirchliche Fest zum Gedenken der Kirchenweihe und den Vertrieb der Waren hinaus war die einst sechstägige Sinziger Kirmes ein Ereignis mit vielen Facetten. Dazu zählten vermutlich von früh an auch weltliche Genüsse. Volkskundler Alois Döring hält im Buch „Rheinische Bräuche durch das Jahr“ allgemein fest: „Für Jugendliche und Erwachsene bot sich schon seit dem späten Mittelalter an den Kirmestagen ein Angebot an Spielen, die auf Geld und Wagemut spekulierten“.

Wo sich viele tummelten, dahin kamen auch Musiker und Gaukler, fanden sich Quacksalber und Beutelschneider ein. Der Markt verbreitete Neuheiten. Er vergrößerte den Horizont der Menschen und für ansässige Bauern und Handwerker den Absatzradius. Sämtliche Händler nutzten ihn zum Austausch und für Abkommen. Große Märkte brachten Waren, Geld und Informationen in Fluss. Dadurch förderten sie erwiesenermaßen den Prozess der Stadtwerdung.

Zeitzeugin Waltraud Kettler als Kind im Autoskooter. Foto: Hildegard Ginzler

Nicht zu unterschätzen: die soziale Komponente. Alle Schichten und die ganze Familie hatten etwas von der Kirmes. Junge Menschen, denen es im Alltag an Gelegenheiten mangelte, hielten nach Heiratskandidaten Ausschau. Kindern wurden kleine Wünsche erfüllt. Auch Erwachsene gönnten sich etwas. Musik, Essen, Tanzen – davon wusste schon Hermann Weinsberg für die Kölner Kirmessen im 16. Jahrhundert zu berichten.

Spätestens um 1870 war der vornehmliche Verkaufsmarkt in Sinzig verschwunden. „Der Kirmestrubel blieb“, hat der im Mai dieses Jahres verstorbene Heimatkenner Heinz Schmalz festgehalten. Mit einem zeitlichen Sprung bis vor den Ersten Weltkrieg lässt sich für Sinzig feststellen, die Kirmes fand nicht allein auf dem Verkaufs- und Unterhaltungsgelände statt. Man war auch anderweitig im Städtchen gesellig. Schmalz wusste von sechs Sälen, in denen damals die Menschen zur Kirmes zusammenkamen: im Hotel Kaiserhof (heute Bäckerei/Postfiliale am Kreisel), im Winzerverein, Barbarossastraße, im Rheinischen Hof (früher Schlossapotheke) Mühlenbachstraße, im Lenz-Saal, im Jägerheim, beide Ausdorferstraßen und im heute noch bestehenden Helenensaal. Laut Schmalz kamen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Kettenkarussells und Schiffsschaukeln nach Sinzig. Betrieben wurden sie von einigen Jungen der Stadt, die sich etwas Geld verdienen wollten. Das Kettenkarussell setzten sie über ein Gestell, auf dem sie herumliefen, in Bewegung.

Der Gottesdienst blieb immer Bestandteil des in der Kirchenweihe gründenden Festes. Andere Festformen wie Umzüge und Musik wechselten. Fest steht aber, dass die Kirmes bis in die 1950er Jahre ein Familienfest war, bei dem Verwandte anreisten und auch über Nacht blieben. Waltraud Kettler, ein Sinziger „Mädchen“, Jahrgang 1947, erinnert sich, „dass Tante Fine und Onkel Josef aus Krefeld am Samstag eintrafen und übernachteten, während die Verwandten aus Mayschoß am Sonntag mit dem Bus zum Kaffeetrinken kamen und abends mit einem Paket Kuchen wieder fuhren. Für uns Kinder gab es etwas Kirmesgeld“. Auch Peter Billig, der in Sinzig aufwuchs, weiß noch, dass sein Onkel Josef Lieberts aus Euskirchen zur Kirmes kam. Den Besuch verband er immer mit einem Spaziergang Richtung Rhein. „Ungefähr da habe ich gelegen“, zeigte er dann dem Neffen Peter die Stelle, wo er 1945 in dem riesigen Gefangenenlager interniert war.

Bevor die Angehörigen eintrafen, fing das große Backen von Appeltaat, Streukooche, Prummetaat (Apfel-, Streusel-, Pflaumenkuchen) an und das Saubermachen. „Es wurde alles geschrubbt bis in die hintersten Ecken, die Gardinen wurden gewaschen und die Fenster eckig geputzt“, so Waltraud Kettler. In einigen Dörfern hat man gar die Ställe frisch geweißelt. Am wichtigsten waren den Kindern und Jugendlichen die Fahrgeschäfte. Neben Kinderkarussell und Schiffschaukel gab es schon in den 1950ern den Autoscooter Barth. Beide Gewährsleute erinnern sich daran ebenso wie an die „Affenkiste“, ein Drahtkäfig, den die Fahrgäste durch Muskelkraft zum Überschlag bringen konnten. Selbst Mädchen trauten sich: „Ich bin mit einer Schulkameradin drauf, wir waren auf Zack“, so Waltraud Kettler, die, wie alle Kinder, der Kirmes entgegen fieberte. „Das Größte für uns war die Schmetterlingsbahn, da haben wir die halbe Kirmes drauf verbracht“, fand Peter Billig. Bei der Schiffschaukel war er bestrebt, „so hoch zu kommen, dass man oben an die Stoffbespannung stieß“. Schießen auf Tonröhrchen, Glücksspiel zum Punktesammeln für ein Väschen, Püppchen, Bärchen sowie Verkauf von Lutschstangen und Liebesperlen gehörten auch zum Angebot.

Gratis und obendrein lieferten sich die Kirmesbesucher das zweifelhafte Vergnügen körperlicher Auseinandersetzungen. „Keine Kirmes ohne Klopperei“ hieß es für Sinzig und anderswo, erinnert sich Kettler.

Anlass waren oft die Rivalitäten der jungen Männer aus Sinzig, wo das Fest trinkfreudig begangen wurde, mit denen von auswärts um die Gunst der lokalen Weiblichkeit. Abwechslung, Spaß und Begegnung, Beziehungsanbahnung, -festigung und das über die Stränge schlagen, die Kirmes verband all diese elementar menschlichen Bedürfnisse und stellt sie in gewandelter Form noch immer zufrieden.