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Katastrophe im Kreis Ahrweiler: „Man kann froh sein, dass man lebt“

Katastrophe im Kreis Ahrweiler : „Man kann froh sein, dass man lebt“

Starkregen und Überflutungen fordern im Kreis Ahrweiler zahlreiche Todesopfer. Die Verbandsgemeinden Adenau und Altenahr sind am schlimmsten betroffen. Betroffene berichten, wie sie die Situation erlebt haben.

Ungeahnt extremer Stark­regen hat im Landkreis Ahrweiler eine Katastrophe verursacht. In den Fluten verloren mindestens 28 Menschen ihr Leben, wie die Polizei Koblenz am Donnerstag mitteilte. Am Abend teilte das rheinland-pfälzische Innenministerium mit, dass es sich bei neun der Opfer um Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Sinzig handelt. Nach Informationen der Kreisverwaltung wurden am Donnerstagabend im Kreis Bad Neuenahr-Ahrweiler 1300 Menschen vermisst. Eine Sprecherin erklärte, das Mobilfunknetz sei lahmgelegt – viele Menschen seien nicht erreichbar. „Wir hoffen, dass sich das klärt“, sagte sie zu der hohen Zahl.

Erheblich betroffen sind neben dem Kreis Ahrweiler auch die Landkreise Bitburg-Prüm, Vulkaneifel und Trier-Saarburg. „So eine Katastrophe haben wir noch nicht gesehen“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zu Beginn einer Landtagssitzung, die unter dem Eindruck der Ereignisse vorzeitig beendet wurde. „Es ist wirklich verheerend.“ Ganze Orte seien überflutet, Häuser seien einfach weggeschwommen.

Der Einsatzleiter des Katastrophenstabes im Kreis Ahrweiler, Michael Zimmermann, berichtet von rund 1000 noch abzuarbeitenden Einsatzstellen. Seit Mittwoch seien rund 1000 Helfer im Einsatz, viele davon haben die Nacht durchgearbeitet mit dem Ziel, Menschenleben zu retten. Im Einsatz waren zunächst neben Wehren aus vier Landkreisen und dem Roten Kreuz das Technische Hilfswerk, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und die Polizei.

Fast im Minutentakt fuhren am Freitag im Grafschafter Innovationspark Rheinland Helfer aus vielen Teilen der Republik vor, für die dort eine Sammelstelle eingerichtet war. Sogar die Wasserschutzpolizei aus Hamburg schickte Helfer mit leichten Booten, die auch im flachen Wasser eingesetzt werden können. Sie lösten im Laufe des Tages die meist total erschöpften Helfer der ersten Stunden des Unwetters ab.

Hubschrauber helfen bei der Bergung

Seit Donnerstagmorgen sind Hubschrauber mit der Bergung von Menschen beschäftigt. Die Maschinen konnten aus Witterungsgründen zunächst nicht abheben. Die Menschen retteten sich vor allem in der Verbandsgemeinde Altenahr auf Hausdächer oder Wohnmobile und warteten auf Rettung, die zu großen Teilen aus der Luft kam. Am Freitag warten noch zahlreiche Aufgaben auf die Retter, so Michael Zimmermann. Unter anderem seien noch Altenheime in Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig zu evakuieren, denn dort gebe es, wie in großen Teilen des Katastrophengebiets, weder Trinkwasser noch Strom oder Gas. Die Infrastruktur wurde vielerorts komplett zerstört und brach in der Nacht zu Donnerstag zusammen. Der Wiederaufbau werde lange dauern, so Landrat Jürgen Pföhler, es seien im Bereich der Wasserversorgung Hochbehälter geflutet und Leitungen weggerissen worden.

Im Dorf Schuld an der Ahr mit rund 700 Einwohnern stürzten mindestens sechs Häuser ein, etwa 40 Prozent der weiteren Wohngebäude wurden beschädigt, wie der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Adenau, Guido Nisius (CDU), mitteilte. In Insul standen nach seinen Angaben etwa 30 Prozent der Häuser unter Wasser. Etliche Ahr-Brücken wurden zerstört. Rettungskräfte mussten daher weite Umwege fahren. „Das ist der schlimmste Katastrophenfall, den ich erlebt habe“, so Nisius.

Der Bürgermeister fügte hinzu: „Das hängt mit dem Klimawandel zusammen und mit den Eingriffen des Menschen.“ Wenn Bäche begradigt und ihrer natürlichen Überschwemmungsflächen beraubt werden, brauche sich niemand mehr über solche Katastrophen zu wundern. Die Fluten schnitten mehrere Orte von der Außenwelt ab. Etwa 50 Menschen wurden von Hausdächern gerettet, auf denen sie Zuflucht gesucht hatten.

Ahrweilers Landrat, Jürgen Pföhler (CDU), sagte: „Ohne Zweifel ist dies die größte Katastrophe für den Kreis Ahrweiler seit dem Zweiten Weltkrieg.“ In einer nie geahnten Dimension seien Wassermassen über die Ortschaften an der Ahr hereingebrochen. „Die Folgen sind verheerend.“

Krisenstab tagte am Donnerstagnachmittag

Am frühen Donnerstagnachmittag tagte der Krisenstab der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Hauptakteure waren Wehrleiter Marcus Mandt, Wehrführer Richard Lindner und Bürgermeister Guido Orthen (CDU). Tenor: Die Situation ist unvorstellbar, das ist nichts für eine Stunde, einen Tag. Das ist etwas für Monate. Es gibt nur noch eine Ahr­überquerung in Lohrsheim, alle anderen sind teilweise weggerissen oder zerstört.

Neben dem Wasser sind Geröll und Schutt ein Problem, eine riesige Last liegt auf den Häusern. Viele sind weiterhin einsturzgefährdet. Es wurden etliche Tote aus ihren Häusern geborgen. Auch an der Schützenstraße in Bad Neuenahr-Ahrweiler bot sich ein ähnliches Bild mit Todesopfern. Lindner: „Oberste Priorität für die Rettungskräfte ist das Rankommen an eingeschlossene Menschen und die Bergung von Verletzten und Toten.“ Erst dann ginge es um Dinge wie Keller auszupumpen. Lindner rechnete am Nachmittag noch mit vielen weiteren Opfern.

Tausende Häuser haben noch die Keller und zum Teil auch das Erdgeschoss voll Wasser. Kein Auto steht mehr da, wo es vorher stand. Allein auf einem kleinen Streckenabschnitt auf der Ahrweiler Straße in Bad Neuenahr-Ahrweiler musste ein Trupp aus Neuwied 60 Personen von Bäumen und Laternen retten, die sich dort über Stunden in Sicherheit gebracht hatten. Auch zwei Feuerwehrleute der eigenen Truppe saßen in der Nacht auf dem Ahrweiler Friedhof fest – in Lebensgefahr auf einem Baum und an einem hohen Kreuz geklammert. Die Kollegen konnten erst am Morgen an sie heran.

Mechtild und Klaus Sticker aus Godesberg kamen morgens nach Ahrweiler, um nach ihrer Tochter zu schauen, die in der Altstadt in Ahrweiler lebt. Abends hatten sie noch telefoniert, gegen Mitternacht war klar, dass sie sich mit ihren Haustieren in die oberen Stockwerke in Sicherheit bringen müsse. Die Familie bringt Wasser und Verpflegung vorbei, „denn die Situation kann ja noch Tage andauern“, so die Stickers. „Man weiß, dass die eigene Situation so schrecklich ist, aber drumherum geht es den Leuten ja nicht besser.“ Ein Einsatztrupp aus Cochem rechnet damit, bald wieder zurück nach Hause zu müssen, weil die Situation an der Mosel ebenfalls eskaliere.

Etliche Gaststätten und Geschäfte zerstört

Reinhard Gnath, Vermieter von Ferienwohnungen in der Ahrweiler Altstadt, berichtet davon, wie schnell das Wasser kam. Innerhalb kürzester Zeit sei das angrenzende Niedertor nahezu vollgelaufen. Das Innere seiner Gaststätte „Zum Torwächter“, die sich unter seinen Ferienwohnungen befindet, ist von den Fluten zerstört worden. Im Haus gegenüber sind Bewohner seit Mittwochabend eingeschlossen – ohne Strom und fließend Wasser. Wer auf der Niederhutstraße weitergeht, muss teilweise durch Wasser waten, das bis zu den Oberschenkeln reicht. Gaststätten und sonstige Geschäfte sind augenscheinlich alle zerstört. Autos schwimmen im Wasser, in das Benzin gelangt, wie der Geruch vermuten lässt. Ein Sohn, der seiner Mutter beim Beseitigen der Schäden an ihrem Wohnhaus hilft, berichtet, wie Menschen Treibgut mitgenommen hätten, das aus den Geschäften auf die überspülte Straße gelangte. Er hat Angst, dass es zu Plünderungen kommt.

Aus den umliegenden Orten von Schuld ist zu hören, dass viele Menschen ohne Strom sind. Die, die noch Strom haben, begannen, Trinkwasser zu horten. Teils auf Anraten der Feuerwehr, weil Pumpen ohne Strom nicht laufen. Menschen fuhren zu Angehörigen in Altenheime, weil Kommunikation nicht möglich war und sie nach dem Rechten sehen beziehungsweise diese beruhigen wollten. Heike Bernstein aus Pitscheid im Kreis Ahrweiler berichtet: „Wir haben bis in die Nacht Wasser aus dem Keller gepumpt. Aber es gibt Schlimmeres. Man kann froh sein, dass man lebt. Man kommt nur in eine Richtung weg, andere Strecken sind dicht. Die Straßen sind weggerissen. Schrecklich.“

 Auch im Eifelkreis Bitburg-Prüm wurden Menschen in ihren Häusern von den Wassermassen eingeschlossen. In der Ortsgemeinde Brecht brach nach Angaben der Kreisverwaltung ein Wohngebäude ein, zwei Bewohner konnten sich auf Dachresten in Sicherheit bringen. Im Kreisgebiet wurden mindestens drei Brücken zerstört, unter anderem bei Speicher. Die Bewohner von mehreren Gemeinden waren von Stromausfall und Einschränkungen der Trinkwasserversorgung betroffen.

Innenminister Roger Lewentz spricht von der größten Unwetterlage, die er in 15 Jahren als Minister erleben musste. „Das Unwetter hat an der Ahr eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.“ Bei den Vermissten sei es noch unklar, ob sich diese in einer schlimmen Situation befänden, bei Bekannten untergekommen oder vielleicht in den Urlaub gefahren seien. Die Polizei richtete eine Nummer für Hinweise auf Vermisste ein, ☏ 0800 65 65 651.

Bei den Unwettern fielen am Mittwoch und in der folgenden Nacht bis zu 148 Liter Regen pro Qua­dratmeter, wie das für Klimaschutz zuständige Ministerium in Mainz mitteilt. Für den Hochsommer sei das „ein neues Phänomen“, erklärt Ministerin Anne Spiegel (Grüne). „Die aktuellen Extremwetterereignisse in Form von Starkregen sind dramatisch.“