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Rückstau an Brücken hat die Ahr-Dörfer überflutet

Experte klärt in Rech auf : Rückstau an Brücken hat die Ahr-Dörfer überflutet

Der Wasserbauingenieur Simon Tobias Marner spricht im Gemeinderat Rech über seine Berechnungen zur Flutkatastrophe. Wie konnten sich die immensen Wassermassen anstauen und welche Rolle spielte dabei die Architektur der Bauwerke?

Sein Urgroßvater stammt aus Rech, sein Großvater aus Mayschoß. Simon Tobias Marner ist Wasserbauingenieur und lebt im Ruhrgebiet. Früher hat er die Überschwemmungsflächen an Erft und Emscher berechnet, jetzt hat er sich mit der hydrologischen Situation der Ahr befasst. Nach einem Besuch in Mayschoß berichtete er am Montagabend im Recher Gemeinderat über die Ergebnisse.

84 Milliarden Liter Wasser waren an einem Tag im Einzugsgebiet der Ahr gefallen. „Es war eine sehr große Regenspende“, bewertete Marner das Ereignis fachlich. Er verglich die Situation mit den Ahr-Hochwassern von 1804 und 1910, bei denen die Pegel der Ahr allerdings ebenso versagt hatten wie Mitte Juli dieses Jahres. „Die Regenspende vom Juli entspricht einem 100- bis 200-jährigen Hochwasser“, stellte er fest. Derartige Ereignisse könnten in den nächsten 100 Jahren wiederkommen, man wisse allerdings nicht, wann genau. Wenn alle Rückhaltebecken gebaut worden wären, die in den 1920er Jahren geplant waren, hätte man 13 Prozent des Wassers zurückhalten können, stellte der Ingenieur fest. Aufgrund der Enge im Ahrtal seien weitere Rückhalteflächen dort nicht vorhanden, Möglichkeiten bestünden an den Seitenbächen.

Reduzierte Abflussmengen möglich

Abgeflossen sind laut Marner etwa 981 Kubikmeter pro Sekunde. „Die Hälfte des Abflusses des Rheins in Rees am Niederrhein ist die Ahr runtergekommen“, machte er einen Vergleich. Man werde derartige Abflüsse nicht ausschalten können, aber etwa um zehn bis 20 Prozent reduzieren. 1804 sei noch mehr Wasser durch die Ahr geflossen als in diesem Sommer.

Marner sprach auch von der Energie, die in der Flutnacht im Fluss unterwegs war: so viel wie ein Kernkraftwerk in 24 Stunden produziert oder 10.000 Automotoren bei voller Last. Verluste bei der Wasserkraft habe es etwa durch Fließwiderstände wie Uferreibung und Querbauwerke gegeben.

An der Nepomukbrücke in Rech sei nur noch die Hälfte des benötigten Querschnitts vorhanden gewesen, um die riesige Wasserflut durchzulassen, führte Marner aus. Potenziert worden sei das Problem durch Totholz, Autos und Wohnwagen, die sich an den Pfeilern verfangen hätten. Damit sei der Fluss gestaut worden.

Dimension der Brücken auf dem Prüfstand

Als besonderes Problem sieht der Ingenieur den Engpass an der Bunten Kuh. Das Wasser habe sich zehn Meter hoch gestaut, die Querbauwerke (Brücken) in der Gegend seien mit verantwortlich für einen Rückstau, der schließlich Marienthal überflutet habe. Rückstaus sieht Marner ebenfalls als Ursache für die Überflutungen in Rech und Dernau. Sein Rat für künftigen Brückenbau: „Querbauwerke müssen vernünftig dimensioniert werden.“ So sei in dem breiten Tal von Rech zwar genug Platz für Hochwasser vorhanden. Durch die Pfeiler der Brücke sei es zum Stau gekommen. Durchgängig große Querschnitte seien für den Fluss erforderlich. Sie müssten ausreichend breit und tief sein und konstant von Ablagerungen frei gehalten werden.

Der Vortrag war nachträglich auf die Tagesordnung gekommen. Er passte aber genau in die Situation der Gemeinde, die durch die Flut empfindliche Verluste erlitten hat. Auch die historische Nepomukbrücke wurde stark beschädigt, verlor eine komplette Arkade. Der Rat wird in den kommenden Monaten entscheiden müssen, ob sie wieder aufgebaut wird oder nicht, ob eine Ersatzbrücke kommt und wo, denn der Großteil des Dorf ist ohne Brücke nicht erreichbar. Einstimmig beauftragte der Rat das Ingenieurbüro Franz Fischer mit der Berechnung von Kosten für eine Sanierung auch in Zusammenhang mit Forderungen der Wasserwirtschaft und der Denkmalpflege.

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