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Sinzig: Gudestraße könnte wieder Judengasse heißen

Diskussion im Bauausschuss : Sinziger Gudestraße könnte wieder Judengasse heißen

Soll die Sinziger Gudestraße künftig wieder Judengasse heißen? Der Antrag auf Rückbenennung stieß im Sinziger Bauausschuss auf geteilte Meinungen. Dabei ertönten auch Warnungen, wenn es nicht zur Rückbenennung kommt.

Sinzig arbeitet sein nationalsozialistisches Erbe auf. Im Bauausschuss ging es am Mittwochabend um ein historisches und durchaus auch emotionales Thema. SPD, FDP und Grüne hatten beantragt, der Gudestraße im Stadtzentrum den Namen zurückzugeben, den sie vom Mittelalter an bis zum Beginn der Nazidiktatur trug: Judengasse. Hartmut Tann (SPD) stellte den Antrag vor und sprach von der „historischen Dimension“ dieser Rückbenennung, für die es Pro und Kontra gab.

Widerstand gegen die Rückbenennung gibt es vor allem von (ehemaligen) Anwohnern. Sigrid Seul etwa argumentierte aus dem Publikum heraus, die Gudestraße sei unter diesem Namen „für viele Menschen zur Heimatstraße geworden“.

Franz-Peter Dinkelbach, in der Gudestraße geboren, aufgewachsen und nach wie vor dort wohnend, formulierte auch im Namen von Anita und Diana Schmitz, Stefanie Braun und weiteren Anwohnern die Befürchtung, dass eine Rück­benennung für die Anwohner mit „hohem finanziellen und zeitlichen Aufwand“ verbunden sei.

Ausschussmitglied Volker Holy (CDU) machte sich deshalb dafür stark, hier und heute zu entscheiden, dass es beim Namen „Gudestraße“ bleibt. Norbert Fuchs (FWG) sah das ähnlich, argumentierte, eine Rückbenennung würde von etlichen Betroffenen als „Eingriff“ empfunden, und schlug vor, an zentraler Stelle in der Kernstadt der ermordeten Sinziger Juden zu gedenken.

Stefan Pauly, der sich bereits vor Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte der Sinziger Juden befasst hat, entgegnete, die Sinziger hätten nicht erst nach 1933, sondern bereits bei Pogromen in den Jahren 1265 und 1270 große Schuld auf sich geladen. Nachdem der historische Straßenname 1952 „zum zweiten Mal ausradiert“ worden sei, müsse nun verhindert werden, dass dies noch einmal passiere.

Rudolf Menacher sagte, Verantwortliche der Stadt hätten bei der Verfolgung der Sinziger Juden seinerzeit „nicht nur zugesehen, sondern aktiv mitgewirkt“. Rückbenennungen ehemaliger Judenstraßen und -gassen habe es unmittelbar nach der Befreiung und selbst in jüngeren Jahren noch in einer Vielzahl deutscher Städte und Dörfer gegeben. Und er warnte: Es könne „überregional Wellen schlagen“, wenn es nicht zur Rückbenennung komme.

Karl-Friedrich Amendt, ebenfalls Kenner der Sinziger Geschichte, sagte, dass es in der Stadt eine Judengasse gab, sei seit 1383 urkundlich belegt. Die von Karl Bruchhäuser, während der Nazizeit Rektor in Sinzig, als Möglichkeit ins Feld geführte historische Verbindung zwischen Gudenhof und Gudestraße entbehre jeder historischen Grundlage.

Der 1937 geborene Uwe Degen, einer der Initiatoren der Rückbenennung aus dem Kreis der „Rüstigen Rentner“, war Zeitzeuge eines Abtransports von Juden: „So etwas vergisst man nie mehr.“ Bei drei Gegenstimmen und einer Enthaltung folgte der Ausschuss schließlich dem Antrag von SPD, FDP und Grünen, das Thema in den Stadtrat zu verweisen. Dieser soll noch 2020 entscheiden.