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Wie freiwillige Helfer das Leben im Flutgebiet an der Ahr organisieren

Sechs Monate im Einsatz im Flutgebiet : Wie freiwillige Helfer das Leben an der Ahr organisieren

Ehrenamtliche Helfer organisieren seit Monaten das Leben in den Dörfern im Flutgebiet an der Ahr, teils bis zum Umfallen. Der GA stellt einige von ihnen vor.

In allen Dörfern an der Ahr haben Ehrenamtliche das Ruder übernommen. In der Zeit des Mangels organisieren sie Gemeinschaft in den zerstörten Orten und stehen Flutbetroffenen mit Rat und Tat zur Seite.

Die Menschen konnten nichts mitnehmen

Angelika Furth steht in der Küche des Versorgungszelts. „Ich bin seit Tag eins dabei“, sagt die 67-Jährige. Sie hat Architektur studiert, eine Familie gegründet und war mit Ehemann Arno Furth berufsbedingt viel im Ausland. Im Ruhestand hat sie als freischaffende Künstlerin in Altenahr ein Atelier gegründet, an der Brückenstraße. „Es ist schwimmen gegangen, alles ist weg“, sagt sie.

Furth wohnt weiter oben am Hang in Ahrbrück. „In der Flutnacht haben wir nichts von dem mitbekommen, was da unten passiert ist“, berichtet sie. Am nächsten Morgen gab es keinen Strom. „Ganz Brück sitzt in der Schule, die brauchen alles“, informierten sie die Nachbarn. „Da haben wir zusammengepackt, was benötigt wurde: Bettzeug, Geschirr, warme Decken“, sagt Furth. Die Häuser in den überfluteten Straßen waren evakuiert worden, die Menschen hatten nichts mitgenommen. „Wenn die Freiwillige Feuerwehr nicht so vorbildlich reagiert hätte, wären noch mehr Menschen ums Leben gekommen.“ Ahrbrück hat neun Tote zu beklagen.

Die Künstlerin und Vorsitzende des Kulturvereins Mittelahr hat sich von der ersten Stunde an zur Verfügung gestellt. Bis heute. „Ich habe gefragt, wie ich helfen kann, bin im Versorgungszelt gelandet und habe mich sechs Monate lang darin verkrochen“, berichtet sie. Und sie ist noch immer da, an sechs Tagen in der Woche, ursprünglich waren es sieben Tage.

Der Einsatz beginnt früh

Vom gefluteten Pennymarkt durften die Helfer noch brauchbare Lebensmittel abholen. Mit dem Material bereitete Furth zusammen mit anderen Freiwilligen täglich 700 bis 800 Essen zu, bis nach 14 Tagen das Rote Kreuz die Aufgabe übernahm. Mittlerweile ist Jörg Heber als Caterer für die Grundversorgung zuständig. Dessen Wohnhaus ist kaputt, der Betrieb auch. Rüdiger Spahn aus Würzburg kam mit dem Helfer-Shuttle und hat die Aufräumarbeiten im Dorf koordiniert und die Helfer eingearbeitet.

Angelika Furth fängt um 7 Uhr an, beim Frühstück mit Brötchen und Kaffee für Helfer und Betroffene. Während der Caterer fürs Mittagessen sorgt, macht sie zusammen mit anderen Salate, damit Frisches auf den Tisch kommt. Dazu fließen noch immer reichlich Spenden. „Es macht mir gar nichts aus, große Portionen zuzubereiten“, sagt sie.

Engagement im Krisenstab

„Im Kochen bin ich nicht so gut“, sagt dagegen Anneliese Baltes (69) in Mayschoß. Als die Flut kam, hat sie geholfen, Sandsäcke zu füllen, anschließend hat sie Menschen betreut, die mit Hubschraubern von ihren Dächern gerettet worden waren. Seitdem engagiert sie sich im Krisenstab in Mayschoß, der jetzt „Aufbaustab“ heißt. Ehemann Gerd Baltes, pensionierter Polizeibeamter mit Erfahrungen in Krisengebieten, ist Vorsitzender. Im Aufbaustab arbeiten Bewohner des Weindorfs, Profis auf unterschiedlichen Gebieten, ehrenamtlich zusammen. „Wir haben überlegt, wo die besonderen Stärken jedes einzelnen sind, und haben die Menschen entsprechend eingesetzt“, berichtet Anneliese Baltes.

Als Beispiel nennt sie Marc Josten, dessen Wein-Produktionshalle in Walporzheim geflutet worden war. „Er hat für uns Müll abgefahren, wochenlang, er hat geholfen, Kühl- und Gefrierschränke zu leeren und die empfindlichen Lebensmittel wegzuschaffen, um Seuchen vorzubeugen.“

Beziehungen wurden genutzt

Sie selbst hat sich vielfältig engagiert. „Was alles ich gemacht habe, weiß ich nicht mehr, es war so ziemlich alles“, resümiert Anneliese Baltes. „Ich habe vor allem meine Beziehungen genutzt, bin überall eingesprungen, wo es notwendig war, habe die Einsätze koordiniert.“ So wurden Freiwillige gezielt an Menschen vermittelt, die Hilfe brauchten, Platz für Feldbetten wurde organisiert, sei es in der Kita, im Obergeschoss der Alten Schule, auch in der Kirche. „Menschen sind zu mir gekommen, haben mir ihre Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt, ich könne in ihren Häusern Helfer unterbringen“, erinnert sie sich.

„Wir sind alle ins kalte Wasser geworfen worden, das hatte keiner geübt, wir haben vermutlich auch Fehler gemacht, aber jetzt freuen wir uns über positive Rückmeldungen“, sagt Baltes.

Hilfe beim Ausfüllen der Anträge auf Wiederaufbauhilfe

In der Ruine des Hotels Lochmühle in Mayschoß-Laach hat Sascha Friske (34) Obdach gefunden. Er kommt aus der Trierer Gegend, war selbstständig mit einem Sicherheitsunternehmen, etwa für Veranstaltungs- und Objektschutz. „Ich wollte so zwei bis drei Wochen bei der Suche nach Vermissten und beim Schlammschaufeln helfen“, sagt er. Daraus wurden sechs Monate. Er will ganz im Ahrtal bleiben.

Derzeit koordiniert Friske den Einsatz von Helfern im Gebiet zwischen Dernau und Altenahr. Ging es zunächst darum, Putz von den Wänden und Estrich vom Boden zu schlagen, müssen jetzt kaputte Öltanks herausgestemmt werden. „Das spart den Leuten viel Geld“, weiß er. Er hilft Betroffenen beim Ausfüllen der Anträge auf Wiederaufbauhilfe vom Bund und engagiert sich für Belange des Wiederaufbaus. Gerade sind 60 Paletten mit Baumaterial gekommen, das allen an der Ahr zur Verfügung stehen soll. Es wird in Container aufbewahrt, die gegen Diebstahl gesichert sind.

Helfer mit Geräten sind unbezahlbar

Derweil lodert Feuer im offenen Kamin in der einstigen Lounge des Hotels. Der neue Besitzer hatte die Immobilie drei Wochen vor der Flut erworben, sie aber noch nicht versichert. Der Schaden in der Lochmühle ist laut Friske auf 6,5 Millionen Euro geschätzt. „Ohne die Freiwilligen wäre im Ahrtal nichts mehr gegangen“, ist er sich sicher. Für Ende Januar erwartet er zwei Feuerwehren, aus Limburg und Elz. „Solche Helfer mit ihren Geräten sind unbezahlbar“, weiß er.

Das Stemmen und Schaufeln im Ahrtal ist noch nicht zu Ende. Wer sich engagieren möchte, erreicht Friske unter Telefon 01 75 / 9 23 07 70.